Ross Montgomery – Tee, Tod und die versiegelte Tür (Buch)

Flotte Locked-Room-Mystery-Variante

Cornwall im Mai 1910. World’s End ist über einen Damm mit dem Festland verbunden und nur bei Ebbe erreichbar. Hier liegt Tithe Hall, in der der junge Stephen Pike einen beruflichen Neustart hinlegen möchte, nachdem er die letzten beiden Jahre in einem Jugendgefängnis verbrachte. Allerdings scheinen sich im Haus des Viscounts Conrad Stockingham-Welt seltsame Ereignisse abzuspielen. Die engste Familie ist angereist, angeblich um ihre Angelegenheiten zu regeln. Der Viscount hingegen sieht den Weltuntergang unmittelbar bevorstehen, denn der Halleysche Komet nähert sich der Erde und nur in Tithe Hall wird man überleben. Wenngleich Familie wie Personal den Viscount gleichermaßen für verrückt erklären, so fügen sie sich dessen Anweisungen. Das Haus wird zur Festung, alle Fenster, Kamine und Türen werden versiegelt, zudem haben sich alle in ihre Zimmer einzuschließen und selbst deren Schlüssellöcher werden von innen mit Wachs verschlossen.

„Stokes, nehmen Sie das Personal mit nach unten, es gibt viel zu tun. In sieben Stunden geht die Welt unter.“

Butler Stokes erteilt Stephen die Aufgabe, sich um Miss Decima, die Tante des Viscounts, zu kümmern, die Umgang mit ihrer Familie konsequent meidet und als Einzige im Westflügel untergebracht ist. Sie gilt als schrullig und unberechenbar, vergrault regelmäßig ihre Dienstmädchen, die sich vor ihr fürchten. Von den Macken des Viscounts hält sie wenig und so verlässt sie nachts mit Stephen das Gebäude, um den Kometen zu beobachten. Am nächsten Morgen gibt es eine böse Überraschung, denn ausgerechnet der Viscount ist tot. Aber wie konnte Seine Lordschaft in seinem von innen verriegelten Zimmer mit einem Armbrustbolzen erschossen werden?

„Edwin hat verfügt, dass niemand das Haus verlassen darf.“

„Natürlich. Und die Dienstboten?“

„Die glauben, dass es ein Geist war.“

Der Verdacht fällt natürlich auf Stephen. Gerade erst entlassen und noch keinen Tag im Dienst, drängt er sich als Tatverdächtiger auf. Er muss den wahren Mörder finden und erhält dabei ausgerechnet von Miss Decima Unterstützung. Diese sorgt für mächtig Unruhe im Anwesen, ebenso wie Inspector Jarvis von Scotland Yard, der mit vorschnellen Lösungen nicht lange auf sich warten lässt.

Gelungener Serienauftakt

Locked Room Mystery vereint mit Cosy (Landhauskrimi) könnte man sagen, wobei das Subgenre, in dem Personen in einem „Raum“ eingeschlossen sind, fast so alt ist wie der Kriminalroman selbst. Ob im eingeschneiten Orient-Express, einer von der Außenwelt plötzlich abgeschnittenen Insel oder eben in einem einsamen Landhaus wie Tithe Hall, das hat es alles schon reichlich gegeben. Gleichwohl sorgen derartige Krimis immer wieder für doppeltes Vergnügen, denn es geht ja nicht nur um die gängige Frage nach dem Wer, sondern vor allem nach dem Wie? Das Zimmer Seiner Lordschaft konnte man nicht betreten, gleichwohl wurde er darin erschossen. Unmöglich oder? Ross Montgomery, bislang als erfolgreicher Kinderbuchautor bekannt, legt mit „Tee, Tod und die versiegelte Tür“ – ein bemerkenswerter deutscher Titel angesichts des Originals „The Murder at World’s End“ – seinen ersten Krimi vor. Es soll ein Serienauftakt sein.

„Er hat gerade zwei Leute des Mordes beschuldigt, von denen wir ganz sicher wissen, dass sie nicht dafür verantwortlich sind. Was bedeutet, dass wir bei jeder von Inspector Jarvis´ Theorien davon ausgehen können, dass das Gegenteil der Fall ist.“

Schnell sind alle Familienangehörigen verdächtig, erste Abgründe zeigen sich. Schließlich geht es um ein gewaltiges Erbe, aber auch um ungelöste Streitigkeiten aus der Vergangenheit. Schließlich wurde schon der Vater Seiner Lordschaft getötet. Mit einem Armbrustbolzen, versteht sich. Mit weiteren Todesfällen und viel Tee (daher ist der deutschsprachige Titel keineswegs unpassend) folgen wir dem Ich-Erzähler Stephen Pike durch die Geschehnisse, in der er selber ständig kurz vor einer Verhaftung zu stehen scheint. Dabei wissen er und Miss Decima, dass er es nicht war. Davon lässt sich Inspector Jarvis jedoch nicht beeindrucken, zu dem anzumerken wäre, dass im Vergleich zu ihm ein gewisser Inspector Lestrade eine wahre Lichtgestalt ist. Oder um Miss Decima zu zitieren: „Ein Volltrottel.“ Man mag respektive muss ihn als Karikatur eines Polizisten sehen.

Der Plot enthält neben vielen Verdächtigen, quasi alle außer den beiden Protagonisten, nahezu ebenso viele Wendungen. Konstruiert bis zum geht nicht mehr, aber mit einer gelungenen, will sagen mehr als überraschenden Auflösung beim Wer und Wie. Während Stephen meist zögerlich agiert, angesichts seiner Vergangenheit und seiner knapp zwanzig Jahre kein Wunder, wirkt Miss Decima trotz ihrer fast achtzig Jahre äußerst robust. Sprachlich wie geistig. Zusammen bilden sie ein tolles Duo.

  • Autor: Ross Montgomery
  • Titel: Tee, Tod und die versiegelte Tür
  • Originaltitel: The Murder at World’s End. Aus dem Englischen von Sabine Thiele
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2026
  • ISBN: 978-3-492-06658-7
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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