Ralf Schwob – Nacht der Sinne (Roman)

Auf dem Cover des aktuellen Romans „Nacht der Sinne“ von Ralf Schwob ist die Fassade eines Hochhauses abgebildet. Ein passenderes Bild hätten Verlag edition federleicht und Autor gar nicht wählen können. Denn wie in einem Mehrparteienhaus sind in diesem vielschichtigen Roman die unterschiedlichsten Biografien auf engstem Raum – quasi Tür an Tür – direkt nebeneinander beheimatet. Drei Türen öffnet Schwob, eine nach der anderen, um uns mit seinen Protagonisten vertraut zu machen.

Wir begleiten Kim. Die junge Frau hat die letzten zehn Jahre in einem Frankfurter Gefängnis verbracht. Mit Hilfe von Sozialarbeiter Konrad will sie in Groß-Gerau ins bürgerliche Leben zurückfinden, neue Identität, Wohnung und Job inklusive.

Wir treffen Daniel, der als Polizist am Fall von Kim beteiligt war und sich seitdem mit einem schweren Trauma plagt. Denn ein Mensch ist damals ums Leben gekommen, woran er sich die Schuld gibt. Das Ereignis hat ihn völlig aus der Bahn geworfen und sein Leben ruiniert.

Der Dritte im Bunde ist Konrad, der als ehrenamtlicher Seelsorger ehemalige Häftlinge bei ihrer Resozialisierung unterstützt. Kim ist seine erste weibliche Klientin. Hinter der eher spießigen Fassade verbirgt der von Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien besessene Mann ein gefährliches Doppelleben.

Beim Groß-Gerauer Stadtfest „Nacht der Sinne“ eskaliert die Konstellation dieser drei miteinander verbundenen Protagonisten und der Roman mündet in eine rasante Schlussphase.

Schwobs Spezialität ist seine schonungslose Figurenzeichnung. Er bemüht sich nicht darum, seine Protagonisten sympathisch wirken zu lassen. Stärken, Schwächen und schlechte Gewohnheiten stehen gleichberechtigt nebeneinander. Dabei zeigt er, Menschen sind nie einfach nur so wie sie sind, sie sind durch Umstände dazu geworden. Seine Figuren sind Verlierer, Kämpfer, Überlebende großer persönlicher Dramen. Er kreiert keine Helden. Alle Charaktere besitzen Ecken und Kanten, sind ungefällig, oft spröde und widersprüchlich. Und genau diese Offenheit, mit der er sie vor uns entblößt ohne jemals zu werten, verleiht ihnen Würde und erzeugt Empathie. Denn alle – das wird sehr deutlich – sind im Grunde verletzlich.

Sprachlich orientiert sich Schwob an den Milieus, die er inszeniert. Die zahlreichen Dialoge verleihen dem Text Lebendigkeit. Es wird viel geflucht und sehr oft politisch unkorrekt gesprochen. Dem detailverliebten Lokalkolorit fügt er das jeweils passende Sozialkolorit hinzu.

A propos Lokalkolorit: Der Roman ist eine große Hommage an die Heimatstadt und Region des Groß-Gerauer Autors. Alle Schauplätze sind real existierend, akribisch recherchiert und i-Tüpfelchen-genau wiedergegeben. Für Ortkundige wird die Lektüre zum großen Wiedererkennungsspiel, aber auch Auswärtige profitieren von der präzisen Ausstattung für ihr Kopfkino.

Die Handlung findet auf zwei Zeitebenen zwischen Gegenwartserzählung und personenbezogener Vorgeschichte statt. Wie im Film werden die passenden Rückblicke eingeblendet, wodurch Spannung und Tempo profitieren.

Man kann den Roman als pure Unterhaltung genießen. Aber der Text funktioniert durchaus auch sozialkritisch. Schwob zeigt wie es ist, ohne zu polemisieren. Er macht Missstände sichtbar, ohne mit dem Finger auf die Betroffenen zu zeigen.

Wie im echten Leben prallen Schicksale aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Schwob führt das Gegensätzliche mühelos zu einem großen Ganzen zusammen und offenbart, wie eben doch alles mit allem zusammenhängt, wie Verantwortlichkeiten entstehen, wie daraus aber auch Chancen erwachsen können.

Fazit: Für mich sein bisher vielleicht bester Roman, ein wenig back to he roots in Sachen psychologische Tiefe, die er in eine spannende krimiähnliche Handlung gepackt hat.

  • Autor: Ralf Schwob
  • Titel: Nacht der Sinne
  • Verlag: edition federleicht
  • Erschienen: Juli 2026
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 350 Seiten
  • ISBN: 978-3689350239

Wertung: 13/15 dpt

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