Mobbing, Wissenschaft und tödliche Folgen

Kostas Charitos ist inzwischen Leitender Kriminaldirektor der Polizeidirektion Attika und hat es gemeinsam mit Antigoni Ferleki, der neuen Leiterin der Mordkommission, mit einem verzwickten Fall zu tun. Es herrscht große Unruhe an der Universität von Athen, wo die Geisteswissenschaften immer stärker ins Hintertreffen geraten. Jobs gibt es meist nur noch an der Universität oder im öffentlichen Dienst, lange Wartezeiten inklusive. Gefragt sind Wirtschaftsfächer, Technik und IT. Hier gibt es gut bezahlte Jobs, was die jeweiligen Studenten die übrigen spüren lassen. Allerdings beginnt das Mobbing bereits in der Schule, weswegen es dort zu einer Schulreform kommen soll.
Gestern gab es noch schwere Ausschreitungen der Studenten, heute findet man Themistoklis Rodakis, Professor für Wirtschaftsmathematik, erhängt in seinem Büro vor. Kopfverletzungen schließen einen Suizid aus. Charitos und Ferleki erfahren bald, dass Rodakis sehr unbeliebt und streng war. Nicht nur gegenüber seinen Studenten, auch im Privatleben hatte er kaum Freunde. Eine erste Spur führt zu Tätern aus dem Kreis der Studierenden, dann geschieht ein zweiter Mord. Stefanos Rokkos, Ministerialsekretär im Bildungsministerium und mit besagter Schulreform beauftragt, wurde ebenfalls erschlagen. Ein dritter Mord kann gerade noch verhindert werden, doch als es eine konkrete Spur zu den vermeintlichen Mördern gibt, kommt es zu einer überraschenden Wendung und Charitos und Ferleki können wieder von vorne beginnen.
Der 16. Fall für Kostas Charitos
Die Kostas-Charitos-Reihe, deren sechzehnter Fall hier vorliegt, genießt Kultstatus. Petros Markaris (Jahrgang 1937) hat einen sympathischen Helden erschaffen, der seit seinem letzten Fall „Aufstand der Frauen“ nicht mehr selber ermittelt. Stattdessen end- und meist ebenso sinnlose Besprechungen, aktuell beim neuen Bürgerschutzminister, der sich vor allem profilieren möchte. Mit Polizeipräsident und dessen Vize darf Charitos regelmäßig vorsprechen, derweil würde er lieber die undurchsichtigen Ermittlungen vorantreiben.
„So, wie sich die mediale Informationspolitik entwickelt hat, bleibt nichts verborgen, Herr Minister. Der Teppich, unter den man früher alles kehren konnte, existiert nicht mehr.“
Inhaltlich geht es um die bereits erwähnte Entwicklung der Wissenschaften, wo die Geisteswissenschaften mehr und mehr vernachlässigt werden. Aber was will man auch mit fundierten Kenntnissen altgriechischer Geschichte und Philosophie, wenn das Geld woanders lockt? Ein zweifelhafter Gedankenansatz, denn seine kulturellen Wurzeln zu kennen, kann ja so schlecht nicht sein. Markaris entspinnt daraus eine verwirrende Geschichte, in der es um Mobbing, Mobber und Mobbingopfer geht. Doch reicht dies aus, um zum Mörder zu werden? Im vorliegenden Fall geschehen gleich fünf Morde und die Ermittler verlieren mitunter den Überblick. Jeder vermeintlichen Spur wird hinterhergelaufen, nicht selten ohne erkennbaren Sinn. So entwickelt sich eine Geschichte, bei der Leser nicht mitraten kann und die Geschehnisse auf sich zukommen lassen muss. „Das ist natürlich alles Spekulation. Vielleicht trifft es zu, vielleicht auch nicht“, so ein Zwischenfazit von Charitos auf Seite 238.
Neben dem kriminellen Plot, gibt es erneut ausführliche Einblicke in Kostas Charitos Privatleben. Seine Frau Adriani kocht weiterhin vorzüglich, das Grillrestaurant lockt trotzdem ab und an, während Tochter Katrina nebst Ehemann Fanis den über alles geliebten Enkel Lambros mit Malen und Schaukeln beschäftigen. Lambros, benannt nach Lambros Sissis, einem Altkommunisten, der ein Obdachlosenheim betreut und in dunkler Vergangenheit Kostas unter den denkbar unschönsten Umständen kennenlernte; in einem Folterzentrum der Juntazeit. Bliebe kulinarisch noch die abschließende Frage, zu was man denn nun bitte Tzatziki am besten isst? Kostas Lieblingsspeise Souvlaki ist die falsche Antwort. Jedenfalls wenn man Adriani fragt.
- Autor: Petros Markaris
- Titel: Zorn der Verlierer
- Originaltitel: Η βία της αποτυχίας. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
- Verlag: Diogenes
- Umfang: 288 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: Juli 2026
- ISBN: 978-3-257-07379-9
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