Ein Skelettfund und seine verheerenden Folgen

Major Filip Toman und Kapitán Jiří Zmeškal werden zu einem Waldstück an einem alten Patrouillenweg beim ehemaligen Grenzübergang Lisková gerufen. Hier, im tschechischen Grenzgebiet von Bayern und Böhmen zwischen Arnstein und Sophienthal, wurde das Skelett eines Mannes gefunden, der offensichtlich erschossen wurde. Allerdings finden sich weder ein Projektil noch Kleidungsreste, so dass zunächst völlig unklar ist, ob der Mann vor Jahren oder Jahrzehnten ermordet wurde. In Tschechien verjähren Morde nach zwanzig Jahren.
Die Nachricht vom Fund des „Knochenmanns“ verbreitet sich schnell über die Medien. So erfährt auch Josef Meinl aus Regensburg von dem Fall, der seine inzwischen 95-jährige Großmutter Elisabeth auf den Plan ruft. Ihr Vater, Josefs Urgroßvater Martin Vogl, war einer der größten Schmuggler seiner Zeit und verschwand in einer Julinacht des Jahres 1938. Der Finanzbeamte Frantisek Mottl hatte ihm wiederholt gedroht, ihn zu erschießen, sollte er ihn auf frischer Tat ertappen. Elisabeth drängt ihren Enkel, sich vor Ort zu erkundigen, ob es sich um dessen Leichnam handeln könnte.
Auf sich dagegen sieht Josef eine Menge Probleme zukommen, je weiter er sich in die Geschichte begibt. Was, wenn sein Urgroßvater wirklich bei den Heinleintruppen dabei gewesen wäre? Der Robin Hood seiner Kindheit wäre dahin, und er wäre kein Nachfahre eines Opfers, sondern eines Täters. Nur seine Großmutter hätte mutmaßlich auch daran noch ihre Freude.
Derweil recherchiert der Polizist Petr Nosil, ein Kollege von Zmeškal bei der Polizei Klatovy, teils auf eigene Faust, denn sein älterer Bruder Tomász war 1986 in der Gegend des Leichenfundes als Grenzpolizist tätig und kehrte eines nachts nicht von einem Patrouillengang zurück. In seiner Begleitung befand sich der seitdem ebenfalls verschwundene Václav Havlik, dem man nachsagte, selbst über die Leichen seiner Kollegen zu gehen.
Dichtende Polizisten, familiäre Abgründe und deutsch-tschechische Befindlichkeiten
„Eine Kriminalgeschichte von geradezu tschechischer Leichtigkeit“ steht auf dem Buchrücken zu lesen und man fragt sich, was dann, bitteschön, schwere Kost sein soll? Nun, ganz so schlimm ist es zum Glück nicht, aber der Roman verlangt zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit beim Lesen. Da die Handlung nahezu ausschließlich auf der böhmischen Seite spielt, kommen zahlreiche Ortsnamen, Aussprüche und einiges mehr in heimischer Sprache vor, die nur teilweise übersetzt werden. Dies sorgt zwar für hohe Authentizität und Lokalkolorit, aber nicht jeder Leser ist – wie der Autor – Übersetzer aus dem Tschechischen. Nicht alle Formulierungen wurden „übersetzt“, dabei wurde die Fußnote bereits erfunden (kleiner Tipp für den nächsten Roman). Allerdings muss man zum Verständnis der Handlung auch nicht jede Inschrift auf einem Schild oder ähnliches verstehen. Zudem wirkt die Erzählung mitunter etwas sperrig, wobei man – je nach Sichtweise – alternativ die Bezeichnung „anspruchsvoll“ gelten lassen kann.
Vom smartphonegemachten Menschenwandel hab ich mehr Angst als vorm menschengemachten Klimawandel. Was nützt der Menschheit das schönste Klima, wenn bloß noch Vollidioten auf der Welt rumlaufen, die in ihre Smartphones glotzen?
In „Der Club der dichtenden Polizisten“ treffen sich jeden Dienstag die Polizisten aus Klatovy am „Tisch der Verrückten“, wo sie ihre Fälle und Erlebnisse in Gedichtform zum Besten geben. Nun ja, aber dies zur Erklärung des Titels. Elmar Tannert erzählt eine eindrucksvolle Geschichte über einen Skelettfund, bei der man bis zum Abschluss nicht weiß, um wen es sich bei dem Toten handelt respektive wer der Mörder war. Es wird aber sauber aufgeklärt, zudem mit einem fulminanten Paukenschlag; weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen.
„Sie wissen doch, wir von der Polizei Klatovy sind jederzeit bereit, irgendein blödsinniges Gedicht auf einen Bierdeckel zu kritzeln.“
„Davon hab ich schon gehört. Und Sie sind sicher, dass Sie im Dienst stocknüchtern sind?“
Die polizeilichen Ermittlungen stehen nicht ständig im Vordergrund, auch die Besonderheiten des Grenzlandes sowie familiäre Geschichten wollen ausführlich erzählt werden. Josef beispielsweise hat ein deutsch-tschechisches Elternhaus und somit auf beiden Seiten der Grenze eine Großmutter. Die sich daraus ergebenden Befindlichkeiten, Vorurteile trifft es besser, sorgen bei Außenstehenden für Befremden, liegen aber wohl in der Natur des Menschen. Auch auf die wechselvolle Geschichte wird eingegangen, denn die Gegend hatte schon für die Nationalsozialisten eine gewisse Bedeutung. Stichwort „Heinleintruppen“. Nach Kriegsende wurde es für tschechische Seite nicht wirklich besser, da dann die Russen Einzug hielten, was ab und an zur nicht immer erfolgreichen Republikflucht führte sowie einen aktuellen Blick auf die Ukraine ermöglicht.
… einen Ort der alles bietet, was man von einem Ort an der deutsch-tschechischen Grenze erwartet: eine Ansammlung von im Dienst ergrauten, teils frühpensionierten Grenzpolizeigebäuden, zwei Tankstellen – eine davon am Beginn einer Lost-Place-Karriere – und zwei Travel Free Shops, die fröhlich bunt mit Becherovka, Karlsbader Oblaten und Melitta Auslese zu Sonderpreisen werben. Dazwischen Nagelpflege, Briketts und Gartenzwerge.
Auf die Erzählweise in „Der Club der dichtenden Polizisten“ muss man sich zunächst stimmen, aber nach kurzer Zeit gewöhnt man sich an den Schreibstil und kann die vielschichtige Geschichte genießen. Die Grenzregion, die Zeit der Wachsoldaten, der Schmuggler, der Republikflüchtlinge werden von den 1930er bis in die 1980er Jahre lebendig dargestellt. Manche Sprünge in der Handlung wollen aufmerksam verfolgt werden, dafür entlohnt der Autor mit einer ebenso ungewöhnlichen wie packenden Geschichte abseits der Mainstream-Dutzendware.
- Autor: Elmar Tannert
- Titel: Der Club der dichtenden Polizisten
- Verlag: ars vivendi
- Umfang: 208 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: Juni 2026
- ISBN: 978-3-7472-0714-7
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Wertung: 12/15 dpt







