Satu Rämö – Hildur – Die Toten am Meer (Buch)

Neue Verbrechen, alte Familiengeheimnisse

Zuletzt war es für Hildur etwas ruhiger in den Westfjorden, doch der Schein trügt. Ein Kreuzfahrtschiff bringt einmal mehr Touristen nach Isafjördur und wenig später verlässt ein stark blutender Mann das Schiff. Er hat zahlreiche Schnittwunden im Gesicht und kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wo er zunächst jede Aussage verweigert. Seiner Kleidung nach zu urteilen gehört er zur Crew, taucht aber auf keiner Personalliste auf und wird zudem nicht als vermisst gemeldet. War der aus Venezuela stammende Mann als blinder Passagier an Bord oder liegt gar ein Fall von Menschenhandel vor?

Hildur und ihr ständig Pullover strickende Kollege Jakob übernehmen den Fall, wobei sie zugleich mit dem Tod eines Säuglings konfrontiert werden, der sich anders als zunächst gedacht, nicht als plötzlicher Kindstod erweist. Hildurs Schwester Rósa will das alte Familienanwesen ertüchtigen und auf dem Hof der Eltern eine Pension errichten.

„Der Knochenfund hatte mit der Vergangenheit zu tun, und die Vergangenheit interessierte Hildur. Ihr Verhältnis zur Vergangenheit war allerdings widersprüchlich. Wenn man Vergangenes ständig ausgrub, begann es zu stinken.“

Die erforderlichen Baggerarbeiten für ein Fundament werden allerdings jäh gestoppt, denn unmittelbar nach dem Start stößt die Schaufel auf einen Schädel. In der Folge werden gleich vier menschliche Skelette gefunden. Als wäre dies nicht schon Arbeit genug, beschäftigt sich Jakob mit einer Einbruchsserie und kurz darauf stirbt im Seniorenheim überraschend Helga, einst die beste Freundin von Hildurs Mutter Rakel. Hildur war wenige Stunden zuvor bei Helga, deren Tod sich als Mord erweist und womöglich mit der Einbruchsserie zusammenhängt.

Eine Trilogie geht in die Verlängerung

Ursprünglich war die Hildur-Reihe als Trilogie angekündigt und so ist es umso erfreulicher, dass nunmehr der vierte Band vorliegt, denn etliche Fragen blieben offen, zumal aus Hildurs Familiengeschichte. Die Serie begann einst damit, dass die jüngeren Schwestern Rósa und Björk vor Jahrzehnten verschwanden, später wiederauftauchten und – im dritten Band – geklärt wurde, wie die Eltern Rakel und Runar starben. Damit beginnt der Prolog des vierten Bandes, dessen Originaltitel übrigens „Rakel“ lautet. Es empfiehlt sich die Vorgänger zu kennen, da immer wieder auf dort erzählte Ereignisse Bezug genommen wird; nicht nur in Hinblick auf Hildurs Familie. Andernfalls wird man etliche Anspielungen nicht nachvollziehen können und die Lösung der aktuellen Fälle, zumindest in einem Fall, nur bedingt verstehen.

Apropos Lösungen: Hier gibt es am Ende einen Cliffhanger, der auf einen fünften Teil hindeutet, wobei die aktuelle Situation der Schwestern ebenfalls eine Fortsetzung erfordert, denn Björk sitzt im Gefängnis für eine Tat, zu der sie sich zwar bekannt hat, diese aber nicht begangen haben kann. Womöglich will sie Rósa schützen, aber genaues weiß Hildur nicht und verzweifelt zunehmend, wobei ihr vor allem ihre eigene Situation Probleme bereitet, denn die Fernbeziehung mit Anton aus Finnland funktioniert nicht. Dies gilt ähnlich für die Beziehung von Jakob zu seinem Sohn Matias, der mit der neuen Situation nicht zurechtkommt. Nachdem im letztem Winter die Mutter starb, kehrte er zu seinem Vater zurück und lebt seitdem auf Island, wo er in der Schule Probleme hat, die Sprache nicht versteht und auch Jakobs Freundin Gudrun nicht mag.

Ja, es menschelt sehr in der Hildur-Reihe und so nehmen die kleinen und großen persönlichen Dramen in der Gegenwart ebenso wie in der Vergangenheit ordentlich Platz ein. Auch wenn es mitunter Bezüge zu den aktuellen Fällen gibt, so werden hier vor allem Fans typisch skandinavischer Krimis auf ihre Kosten kommen, denn da gehören familiäre Dissonanzen ja zum guten Ton. Der Krimiplot selbst ist spannend, wobei es wie erwähnt ja mehrere Verbrechen aufzuklären gilt. Wohl dem, der den Überblick behält, aber Satu Rämö hat natürlich die Handlung jederzeit im Griff. Zudem nehmen „Land und Leute“, insbesondere die atemberaubende Natur Islands, einige Seiten in Anspruch und machen Lust auf einen Urlaubstripp. Es muss ja nicht gleich eine Kreuzfahrt sein, zumindest nicht als Küchenhilfe.

Nach „Die Spur im Fjord“, „Das Grab im Eis“, „Der Schatten des Nordlichts“ und jetzt „Die Toten am Meer“ steigt die Vorfreude auf den fünften Band, so es ihn denn geben wird. Dafür spricht einiges „und dies ist gut so“.

  • Autorin: Satu Rämö
  • Titel: Hildur – Die Toten am Meer
  • Originaltitel: Rakel. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: August 2025
  • ISBN: 978-3-453-44289-4
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share