Verena Kessler – Gym (Buch)

Es fängt mit einer kleinen Notlüge an – einer zugebenermaßen ungeschickten Lüge – und endet in Obsession und Desaster. Die Protagonistin in Verena Keßlers Roman „Gym“ will ja nur einen Job im „Mega Gym“, einem „Palast aus glänzenden Oberflächen“, aber da ist ein perfekt trainierter Körper das beste Aushängeschild fürs Studio und auch enorm hilfreich für den Verkauf von Fitness-Drinks an der Theke. Da kann sie nicht mithalten und so schießt eine Lüge aus ihr heraus, die ganz gewaltige Folgen haben wird: „Ich habe gerade erst entbunden.“

Entbunden, hatte ich gesagt, entbunden, nicht: Ich habe vor Kurzem ein Kind bekommen, wie ein normaler Mensch es ausgedrückt hätte. Dazu kam: Es stimmte nicht. Bloß war mir kein anderer Grund eingefallen, warum das mit der Verkörperung gerade nicht hinkam. Und logen nicht alle in Vorstellungsgesprächen? Mein Kleiner sei drei Monate alt, hörte ich mich weiterreden, der Vater abgehauen, das Elterngeld zu knapp und außerdem wollte ich unbedingt arbeiten, könne es gar nicht abwarten, wieder richtig loszulegen, jetzt wo die Geburtswunden so gut wie verheilt waren,S. 12

Sowieso stimmt irgendetwas im Vorleben der Ich-Erzählerin Frau nicht, die mit strähnigen Haaren und muffigem Geruch zum Vorstellungsgespräch kommt, darauf hofft, niemanden Bekannten im Fitnessstudio zu treffen, und deren Körper eines Büromenschen das lange Stehen hinter der Verkaufstheke anstrengend findet. Allerdings ist das nur ein ungutes Gefühl, denn die Frau erzählt ihre Geschichte selbst oder verschweigt anscheinend auch ein paar Details. Ob das alles so stimmt, was sie erzählt, oder eher unzuverlässig und verfälscht ist – dieser Zweifel stellt sich den Leserinnen und Lesern schnell ein.

Im Studio selbst trifft die junge Frau unter anderem auf ihren Chef Ferhat, der sich als Feminist versteht und seiner Angestellten mit kleinem Kind unterstützend beistehen möchte – und sie damit ungewollt immer weiter in ihre Lüge hineintreibt. Ebenso wie seine Schwester Șeyda, selbst Mutter und oft im Fitnessstudio bei ihrem Bruder zu Besuch, oder auch Milli, die immer empathische Kollegin an der Theke im „Mega Gym“. Bei allem Lügengestricke (was zu etlichen komischen Situationen führt, wenn man sie von außen als Leser:in betrachtet) entwickelt die jüngst „entbundene Mutter“ zunehmenden Ehrgeiz, ihren Körper wieder die anderen Besucher:innen des Studios in Form zu bringen: „Sie alle waren hier, um irgendwo dazuzugehören. Um ihre Körper so anzupassen, dass er sich in ein Bild fügte.“ Vor allem, wenn sie die Trainerin Swetlana sieht und – das wird letztendlich ihr größter Trigger – die Bodybuilderin Vick. Die Protagonistin von „Gym“ verliert und übertritt sämtliche Grenzen der menschlichen Vernunft, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Ich hatte alles unter Kontrolle. Mein Körper war zu meinem Projekt geworden, und das Projekt lief hervorragend. Die Zahlen stimmten, das Wachstum konnte sich sehen lassen, der Markt hatte den Relaunch bestens angenommen. Ich fühlte mich mehr und mehr wie der Mensch, der ich früher einmal gewesen war, ein Mensch, der seine Ziele nicht nur verfolgte, sondern sie auch zuverlässig und vor allem schnell erreichte. Bewundert zu werden, fühlte sich vertraut an, und je mehr Abstand ich zwischen mich und andere brachte, desto gelassener wurde ich.S. 62

Umso mehr sie letztendlich doch die Kontrolle über ihr „Projekt“ und auch über ihre eigene Erzählung verliert, desto mehr offenbaren sich grundlegende Charakterzüge. Auch die im Dunklen liegende Vergangenheit kommt ans Tageslicht. Mit jeder Seite mehr wissen die Lesenden: Hier steuert etwas sehr zielgerichtet auf eine große Katastrophe hin.

Fazit:

Verena Keßler lässt ihre Protagonisten in „Gym“ schnell und schnodderig erzählen und setzt dabei auch auf Humor. Fast alles dreht sich exzessiv um Körper und Leistung, und man muss zunehmend einen stabilen Magen haben, wenn man den obsessiven Weg der jungen Frau vom Couch-Potato zur trainierten Muskelfrau verfolgt. Es wird geschwitzt, gepumpt, geschlungen, gekeucht, gestemmt, körperlicher könnten Inhalt und Sprache kaum sein. Von Seite zu Seite wird die Geschichte verstörender und abstoßender – das führt dazu, dass man das Buch ungerne aus den Händen legt, weil man einfach wissen muss, was noch passiert. Zeitgleich fühlt sich das Ganze an, als ob man einen gruseligen Unfall sieht und nicht wegschauen kann, obwohl man schon längst ein flaues Gefühl im Magen spürt. Humor mit Ekelfaktor – eine ungewöhnliche Mischung.

Wertung: 12/15 dpt

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