Books and the City #4 – Von der Macht der Literati (Kolumne)

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Die Literatur, die Großstadt – das gehört zusammen, und zwar nicht erst seit Fotos von Buch- und Kaffeekunst zu den beliebtesten Motiven auf Instagram gehören: Heute eine neue Geschichte aus der Kulturstadt, von ihren Menschen und Büchern.

Als die Kulturstadt noch ein ferner, nur mit hohen Ausflugstagen verbundener Name war, begegnete ich zum ersten Mal im Leben einem gewissen Nathan. Er beeindruckte mich über die Maßen mit seiner Klugheit, seiner Sanftmut und seiner Menschenliebe. Obwohl ich nicht religiös war und auch ansonsten recht unbedarft und unreflektiert durchs Leben pubertierte, wusste ich, dass Nathan eine seltene Gabe besaß und so wohl ein seltener unter den Menschen war.
Heute, viele Jahre später, begegnete mir Nathan erneut an einem nicht nur in meteorologischer Hinsicht stürmischen Wochenende in der Kulturstadt. Der Schaupieler Philipp Lux trug anlässlich des Staatsaktes zum Tag der Deutschen Einheit die Ringparabel vor, deren Schöpfer natürlich Gotthold Ephraim Lessing und nicht die Dramenfigur Nathan ist. Ich kam nicht umhin mich zu fragen: Kann und muss Literatur nicht vielleicht doch unsere Rettung sein?

Rettung wovor, fragen sich jetzt vielleicht einige. Wir leben in einem reichen Land, auf der milden Seite des Weltklimas, Krieg sowieso aber auch Terrorismus sind hierzulande selten, unsere sozialen Netze sind engmaschig, Bildung ist möglich, der Rechtsstaat unabhängig und arbeitsfähig. Natürlich gibt es manches zu verbessern und zu diskutieren, aber Rettung?

Die Bilder, die die Berichterstattung des Feiertages vom luthergeschmückten Neumarkt der Kulturstadt bestimmen, sind: hassverzerrte Gesichter, Volksverräter-Rufe, verkehrte Fahnen, obszöne Gesten, eine weinende Ministergattin und Schmähungen gegen farbige Besucher*innen eines Gottesdienstes. Die Verteidiger*innen des Abendlandes warfen einmal mehr sämtliche zivilisatorischen und zivilisierenden Kulturtechniken und Verhaltensweisen über Bord, um ihre destruktive Botschaft in die Welt zu brüllen. Ja, davor tut Rettung Not. Warum? Werfen wir einen Blick ins Bücherregal.

Victor Klemperer, übrigens selbst Bürger der Kulturstadt und von deren Universität 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen, veröffentlichte 1947 sein „Notizbuch eines Philologen“ zur Lingua Tertii Imperii „LTI“. Darin finden sich seine Beobachtungen der sprachlichen Veränderungen während des Nationalsozialismus. Ein paar tendenziöse Anführungszeichen hier und Wortneuschöpfungen da – es wäre nichts falscher, als dies als philologische Spielerei abzutun.
Wenn die Wutmenschen und Besorgttuenden in der Kulturstadt und anderswo (noch ein Wort von einem anderen berühmten Kulturstädter) heute „Volksverräter“ brüllen, haben sie den Begriff nach über 70 Jahren aus seinem – bedauerlicherweise wohl – untoten Zustand befreit. Und »Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.«

Wer im Jahr 2016 Nazijargon verwendet – aus Unwissenheit über die Implikation der Worte oder noch schlimmer, in völligem Bewusstsein – macht sich mitschuldig an der Verrohung der Sprache und der Gesellschaft. Die Verräter*innen sind zunächst Landes- und Hochverräter*innen an einem Staat – ein Straftatbestand und nicht mehr. Macht man aus ihnen Volksverräter*innen, ist der Treuebruch ungleich größer, viel mehr Menschen werden vermeintlich betrogen. Die Konsequenzen eines solchen Verrats können niemals rechtsstaatlich sein, sondern führen zwangsläufig zu Lynchjustiz und Barbarei.

Das zeigen die Geschichte und die Bücher jener verhängnisvollen Epoche mehr als deutlich. Nicht wenige Schriftsteller*innen fielen zwischen 1933 und 1945 der literarischen wie persönlichen Vernichtung zum Opfer (ihr Andenken ist sicherlich einen eigenen Text wert). Wer überlebte oder rechtzeitig floh, konnte Zeugnis ablegen und einige der beeindruckendsten finden sich bei Klaus Mann, jenem Sohn des übergroßen Vaters, der lange vor seinem ruhmreichen Ahnen die Zeichen der Zeit erkannte.
Wer heute seinen „Mephisto“ oder den Emigrantenroman „Der Vulkan“ liest, die und den schaudert es, bei inhaltlichen und sprachlichen Parallelen, die bis an semantische Gleichheit reichen. Allerdings, und das ist vielleicht entscheidender, da es – hoffentlich noch nicht zu spät ist – „[w]ir werden lernen müssen, alle gemeinsam eine Zukunft zu lieben […]. Das wird zunächst nicht leicht für uns sein; aber die Feinde jeder besseren Zukunft, die deutschen Herren, erleichtern es uns.“ Diese bessere Zukunft kann Europa heißen, aber sie braucht positive Narrative, Überzeugungskraft für die Vision einer guten und gerechten Welt, auch um an das zu erinnern, was die Alternative ist.

Und das weiß niemand besser, als die ältesten Bewohner*innen der Kulturstadt. Sie, die sich unschuldig wähnte – und alles andere als das war – vor allem der Musik verpflichtet, aber auch der Literatur und bildenden Kunst, dem Bürgertum und dem Elbhang, hat erfahren, was es heißt, wenn Krieg, Vernichtung, Angst und Verzweiflung, die auch sie in die Welt getragen hat, zurückkehren.
In seinem Roman „Vergeltung“ hat Gert Ledig die Zerstörung Dresdens minutiös in einer endlosen Reihe von Hauptsätzen beschrieben und dabei verschiedenen Personen – Militärs wie Zivilisten – eine Stimme gegeben. Entstanden ist ein mit Erzähltempo fesselnder und mitreißender Text, der die Leser*innen tief in den Schrecken des Bombardements nimmt. Seine Botschaft ist klar: Was man an Hass in die Welt trägt, kommt zurück. »Später wollten einige das vergessen. Die anderen wollten es nicht mehr wissen. Angeblich hatten sie es nicht ändern können. Nach der siebzigsten Minute wurde weiter gebombt. Die Vergeltung verrichtete ihre Arbeit. Sie war unaufhaltsam. Nur das Jüngste Gericht. Das war sie nicht.«

Man hat weitergelebt und wieder aufgebaut, aber wenn heute manche lauthals alle hart errungenen Frieden und alle befriedende Zivilisation wegbrüllen wollen, möchte ich ihnen diese Bücher (und ein paar andere) durch die Kette der Polizist*innen und Ordnungskräfte reichen, auf dass sie klug werden. Wer, wenn nicht wir Literati, unabhängig von Jugend oder Alter, hält einen wichtigen Schlüssel zur Rettung des Abendlandes in der Hand? Es wird Zeit, dass wir ihn gebrauchen.

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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