Regina Nössler – Endlich daheim (Buch)

Plötzlich stimmt nichts mehr

Freitag. Schulschluss. Endlich Wochenende. Noch dazu verfrüht, da der Mathelehrer mal wieder krank ist. Kims Freundin Merle kommt daher auf die Idee, man könne doch ein bisschen mit der Bahn durch die Stadt fahren. Einfach so. Kim will lieber nach Hause, denn ihre Mutter ist beruflich in Brandenburg, da hätte sie ihre Wohnung in Kreuzberg für sich allein. Aber was soll es, schließlich ist Merle ihre einzige Freundin und dieser müsste sie ja noch sagen, dass sie morgen ihren vierzehnten Geburtstag hat. Mehr Gäste sind nicht zu erwarten, außer ihrer Tante Felicitas, aber die ist beruflich auf dem Weg nach Stuttgart.

Die gewonnene Freizeit startet mehr als merkwürdig, denn kurz vor dem Eingang zur U-Bahn bricht plötzlich ein Ampelmast entzwei, während die große Uhr am Eingang die Zeit mit 25.63 Uhr angibt. Die Verwirrung wird jedoch noch größer als Kim endlich nach Hause kommt, denn ihr Haustürschlüssel passt nicht mehr. Auch sind sämtliche Klingelschilder weg. Ihr eigenes, aber auch die des Nachbarehepaars Caspary, mit man gelegentlich zusammen isst, sowie des mitunter übergriffigen Hausmeisters Neumann, der seinen Pflichten nur selten nachkommt. Kim ist verzweifelt. Der Schlüssel passt nicht, die Mutter ist in Brandenburg, die Tante in Richtung Süddeutschland unterwegs. So irrt die Dreizehnjährige, die aufgrund ihrer Dickleibigkeit in der Schule eine Außenseiterin ist, ziellos durch die Stadt, wo ihr ausgerechnet Alex, der heimliche Schwarm ihrer Freundin Merle, zur Hilfe kommt. Aber wieso laufen sich Alex und Kim gleich zwei Mal nachts über den Weg?

„Menschen im Krieg haben das erlebt, dachte sie. Sie kamen aus dem Luftschutzbunker, dankbar, den Bombenangriff überstanden zu haben, und mussten dann feststellen, dass ihr Haus verschwunden war. Kims Haus allerdings war nicht verschwunden. Nur ihr Name.“

Derweil hat Felicitas, eine brotlose Künstlerin, ihre Zugfahrt gar nicht angetreten und will stattdessen ihre Schwester besuchen. Dort angekommen läuft sie geradewegs in einen Polizeieinsatz, denn offenbar wurde einer der Mieter schwer verletzt. So geht ein wirre Nacht weiter, während ein desillusionierter Polizist am nächsten Morgen überraschend doch noch Tritt findet und den merkwürdigen Begebenheiten auf den Grund geht.

Willkommen in der Traumwelt oder ist alles ganz anders?

Die Inhaltsbeschreibung nimmt es ein Stück weit vorweg. In „Endlich daheim“ stimmt irgendwie gar nichts, bei der kuriosen Uhrzeit angefangen, wäre da nicht schon zuvor ein Fuchs über den Schulhof mitten in Kreuzberg gelaufen. Auf den ersten rund zweihundertsechzig Seiten findet eine absurd anmutende Geschichte statt, in der nicht nur Kim orientierungslos durch Berlin läuft, wo sie, die „fette Kuh“, auf weitere Außenseiter trifft, vornehmlich Obdachlose, die eine Möglichkeit zur Übernachtung suchen. Es geschehen etliche skurril scheinende Dinge, die beim Leser ebenso wie bei Kim zu Irritationen führen. Wieso passt der Türschlüssel nicht? Wieso ist Kims Mutter telefonisch nicht erreichbar? Was hat es mit Tante Felicitas auf sich, die offenbar ähnlich verstört ist wie ihre Nichte?

Fragen über Fragen, von einem Verbrechen ist nichts zu sehen, bis auf den Vorfall in Kims Wohnhaus, doch dieser wird von der Polizei zunächst als Unfall bewertet. Die Polizei spielt weitgehend eine Nebenrolle, verkörpert durch Kommissar Nikolaus Kummer, der, seit ihn seine Freundin verlassen hat, ein Leben als Messie und Alkoholiker führt und noch tatenloser als zuvor durch den Alltag schlittert. Ausgerechnet er findet wieder rechtzeitig in seinen Job zurück, denn sein Instinkt sagt ihm, dass hier etwas gehörig schief läuft.

Regina Nössler ist für ihre eigenwilligen Spannungsromane bekannt, die den Leser oft lange im Unklaren lassen. Ihr aktueller Roman „Ein widerliches kleines Gefühl“ schaffte es im November 2025 auf Platz drei der Krimibestenliste. Es war nicht ihre erste Platzierung dort. Wer sich auf außergewöhnliche Plots einlassen möchte, ist bei Regina Nössler richtig. Man fragt sich im vorliegenden Fall lange, wo das Ganze eigentlich hinführen soll, wobei die Autorin von Beginn an eine hohe Sogwirkung entwickelt, die zum Weiterlesen drängt. Die Auflösung selbst ist jedoch ein stückweit enttäuschend. Eine willkommene Abwechslung im normalen Krimi-Mainstream-Einheitsbrei ist „Endlich daheim“ aber dennoch.

  • Autorin: Regina Nössler
  • Titel: Endlich daheim
  • Verlag: konkursbuch
  • Umfang: 320 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen:  Oktober 2015
  • ISBN: 978-3-88769-797-6
  • Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share