Erschreckende Abgründe am Rand der Gesellschaft

Der Polizist Leo Junker ist seit zwölf Tagen im Dienst des Gewaltdezernats für die Innenstadt und Norrmalm in Stockholm als er am Abend des 12. Dezember zu einem Tatort gerufen wird. Nach seinem letzten Einsatz im Mai, der vollends eskalierte, war er dienstunfähig und noch immer nimmt er Tabletten, von denen niemand etwas wissen darf, da er andernfalls sofort vom Dienst freigestellt würde. Jetzt steht er in einem Hinterhof in Vasastan, wo der Soziologe Thomas Heber mit einem Messer erstochen wurde. Heber war einst in der AFA, der Antifaschistischen Aktion, aktiv. Aktuell forschte er über „Soziale Bewegungen“, genauer über Links- und Rechtsextreme wie beispielsweise Radikale Antifaschisten, kurz RAF, sowie die Partei der Schwedendemokraten und ihrem militanten Arm namens Schwedischer Widerstand.
„Ich glaube, das könnte unsere Zeugin sein, 1599.“
„Wie kommst du darauf?“
„Ein Gefühl.“
„Gefühle. Für einen Polizisten vollkommen unbrauchbar.“
Junker und sein Partner Gabriel Birck haben mit den Ermittlungen kaum begonnen, da werden sie von dem Fall schon wieder abgezogen. Bereits am nächsten Tag übernimmt die Säpo, die Sicherheitspolizei, den Fall, doch zuvor gelang es Junker noch, an einen aktuellen Arbeitsbericht Hebers zu gelangen. Dieser führte eine Interviewreihe durch, in der er die Befragten mit Nummern oder Abkürzungen versah, um diese namentlich zu schützen. Daraus ergibt sich, dass offenbar ein Attentat auf eine hochrangige Persönlichkeit geplant ist, doch wer sind X und H, wer 1599 oder 1601?
Zweiter Fall für Leo Junker
„Der Turm der toten Seelen“, mit dem Schwedischen Krimipreis 2013 ausgezeichnet, bildet den Auftakt der Leo-Junker-Reihe, die 2018 mit „Zeit der Angst“ ihren vierten und letzten Fall erlebte. „Schmutziger Schnee“ ist der zweite Band, der im Original 2014 erschienen ist, was erwähnenswert ist, da Autor Christoffer Carlsson im Jahr 1986 geboren wurde. Nicht wenige Kritiker verglichen den studierten Kriminologen damals mit Stieg Larsson. Bis heute gilt der mit zahlreichen nationalen wie internationalen Preisen ausgezeichnete Carlsson als einer der interessantesten Krimiautoren weltweit. Schon jetzt steigt die Vorfreude auf „Hinter dem Nebel“, der vierte Roman der überragenden Vidar-Jörgensson-Reihe, welcher im April 2026 auf den Markt kommen wird. Bisher erschienen: „Unter dem Sturm“, „Was ans Licht kommt“ und „Wenn die Nacht endet“.
„Ich habe eben fünfzig Gramm Koks an eine Kioskbesitzerin verkauft, die ihre Gäste einladen will. Davor fünf Gramm Morphium an ein paar Feuerwehrleute und zehn Tüten an eine Kindergärtnerin. Kindergärtnerin, kapierst du?“
„Die heißen jetzt Erzieherinnen.“
„Ja klar, und ich bin Arzneimittellieferant.“
„Schmutziger Schnee“ fängt wie ein herkömmlicher, typisch skandinavischer Krimi an, denn – abgesehen von eisigen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich – ist Leo Junker ein Wrack, nachdem er im letzten Einsatz einen Menschen tötete. Seine Sobril, Tabletten aus der Familie der Benzodiazepine, die zur Behandlung von Angstzuständen eingesetzt werden, hat er immer griffbereit. Zudem ist die Beziehung zu seiner großen Liebe Sam unklar und in unregelmäßigen Abständen besucht er seinen einst besten Freund Grim, der in der Psychiatrie St. Göran nach einem Kapitalverbrechen einsitzt. Im ersten Fall erfährt man die jeweiligen Hintergründe.
Ein klassischer Kriminalroman ist „Schmutziger Schnee“ jedoch keineswegs, sondern vielmehr ein spannender, eindringlicher Politthriller, der erschreckende Einblicke in die links- und rechtsextreme Szene bietet. Zwei Freunde, die sonst wenig vom Leben haben, schließen sich dem Schwedischen Widerstand an und sind fasziniert von der Idee, dass das Wohl des Volkes über den Interessen des Individuums steht. Folglich sind Hakenkreuze und White Power Musik keine Unbekannten und Demonstrationen der Antifaschisten ein willkommener Anlass für Schlägereien, wobei Letzteres auf Gegenseitigkeit beruht. Wie die zunehmende Radikalisierung abläuft und letztlich außer Kontrolle gerät, auch darüber schreibt Carlsson mit intensiver Eindringlichkeit.
Die Säpo spielt eine wichtige Rolle, wobei diese ihren Schwerpunkt im linksextremen Spektrum sieht, was angesichts des Erstarkens der Schwedendemokraten zumindest verwundert (oder auch wiederum nicht). Gleichwohl wollen sie bei den Rechtsextremen Einfluss erhalten und dies mit recht unlauteren Methoden. So gibt es Informanten, die bei Entdecken als Verräter gebrandmarkt sind und um ihr Leben fürchten müssen. Daher stellen sich nicht nur die bereits erwähnten Fragen hinsichtlich der Identität von 1599 und Co, sondern zudem jene, wer eigentlich auf welcher Seite steht? So werden nicht nur Fans skandinavischer Krimis, sondern ebenso Leser von politischen sowie Geheimdienstthrillern auf ihre Kosten kommen. Die „Unbekannten“ erfordern, ebenso wie etliche Zeitsprünge, erhöhte Konzentration und Aufmerksamkeit beim Lesen. Es sei nur als Hinweis erwähnt. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem spannenden und außergewöhnlichen Plot belohnt, dessen Aktualität, leider nicht nur in Schweden, über zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches unübersehbar ist.
- Autor: Christoffer Carlsson
- Titel: Schmutziger Schnee
- Originaltitel: Den fallande Detektiven. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
- Verlag: C.Bertelsmann
- Umfang: 411 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Januar 2016
- ISBN: 978-3-570-10233-6

Wertung: 12/15 dpt







