Tom Rob Smith – Kind 44 (Buch)

Mörderjagd im Terrorstaat

Kind 44
© Goldmann

Moskau. Als im Februar 1953 die Leiche des vierjährigen Arkadi Andrejew gefunden wird, ist die offizielle Klärung des Falls schnell erfolgt. Das Kind spielte auf den Bahngleisen und wurde von einem Zug erfasst. Ein bedauerlicher Unfall, doch Fjodor, der Vater von Arkadi, ist fest davon überzeugt, dass sein Sohn ermordet wurde. Fjodor arbeitet für den Staatssicherheitsdienst MGB in einem niedrigen Rang, gleichwohl kann ihn eine solche Aussage und mit ihm seine gesamte Familie geradewegs in ein Arbeitslager führen, denn im Kommunismus gibt es keine Morde. Laut offizieller Statistik liegt die Verbrechensquote insgesamt bei nahe Null Prozent. MGB-Offizier Leo Demidow hat die Aufgabe, Fjodor von seiner Überzeugung abzubringen, auch um ihn zu schützen.

Euer Junge wurde vollständig bekleidet aufgefunden. […]“
„Wir haben etwas anderes gehört.“
„Das ist bedauerlich, aber ihr seid falsch informiert.“
„Der Mann, der die Leiche gefunden hat, Taras Kuprin, war auf der suche nach Feuerholz. Er wohnt zwei Straßen weiter. Er hat uns erzählt, dass Arkadai nackt war. Splitterfasernackt, verstehen Sie? Ein Zusammenprall mit einem Zug zieht einem Jungen nicht die Sachen aus.

Eigentlich sollte Leo einen vermeintlichen Spion bewachen. Der Tierarzt Brodsky macht sich seit einiger Zeit verdächtig, da er seine Praxis in der Nähe der amerikanischen Botschaft eröffnete. Ihm gelingt die Flucht und erst nach einer Verfolgungsjagd gelingt es Leo ihn zu stellen, wobei es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit seinem Stellvertreter Wassili Nikitin kommt. Zurück in Moskau wird Brodsky verhört und nennt unter Folter die Namen von sieben Personen, die mit dem Westen sympathisieren. Sechs davon werden umgehend verhaftet, im siebten Fall soll Leo selber ermitteln. Es geht um niemand geringeren als um seine Ehefrau Raisa. Sollte Wassili aus Rache ihren Namen auf der Liste platziert haben? Leo überprüft seine Frau und es wäre für ihn leicht, Raisa zu denunzieren. Dies wird ohnehin erwartet, da er damit sich und seine Eltern retten könnte. Drei für ein Menschenleben, doch Raisa eröffnet Leo, dass sie schwanger sei.

Leo beteuert die Unschuld seiner Frau, woraufhin er und Raisa in die weit entfernte Stadt Wualsk versetzt werden, wo Leo als rangniedrigster Mitarbeiter der Miliz unter General Nesterow arbeiten soll. Eine aktuelle Fallakte belegt einen Mord an einem Mädchen, welcher vier Tage zurück liegt. Im örtlichen Krankenhaus erkennt Leo nach Anblick des Leichnams, dass das Mädchen die gleichen Verletzungen aufweist wie Arkadi. Ein Zufall oder treibt tatsächlich ein Serienmörder sein Unwesen? Für Nesterow ist der Fall längst geklärt, da der Täter bereits in Haft sitzt. Ein siebzehnjähriger Junge aus einer Irrenanstalt.

Trotzdem wusste Leo, dass die Lubjanka im Kopf der Leute einen besonderen Platz einnahm. Sie stand für den Ort, an dem jene abgeurteilt wurden, die sich der antisowjetischen Agitation, konterrevolutionärer Umtriebe und der Spionage schuldig gemacht hatten. Warum war es gerade diese Kategorie von Gefangenen, die den Leuten eine derartige Furcht einflößte? Ganz einfach: Jeder konnte sich beruhigt sagen, dass er niemals stehlen und nie jemanden vergewaltigen oder umbringen würde. Aber niemand konnte sich je sicher sein, ob er nicht der antisowjetischen Agitation, konterrevolutionärer Umtriebe oder der Spionage schuldig war, weil niemand, Leo eingeschlossen, sich genau darüber im Klaren war, worin diese Verbrechen eigentlich bestanden.

Wassili sinnt weiter auf Rache und will Leo weiter demütigen. Dieser erkennt nach und nach, dass es tatsächlich einen Serienmörder gibt und dass Arkadi sein bereits 44. Opfer war. Damit bringen sich Leo und Raisa in tödliche Gefahr. Ein tödlicher Wettlauf gegen den Geheimdienst und die Zeit beginnt.

Atmosphärisch vom allerfeinsten. Beklemmendes Meisterwerk.

„Kind 44“ ist der Auftakt der Leo-Demidow-Trilogie von Tom Rob Smith, die mit den Werken „Kolyma“ und „Agent 6“ fortgesetzt beziehungsweise abgeschlossen wird. Viele Thriller-Fans werden, wenn womöglich nicht das Buch, zumindest die gelungene Verfilmung mit Tom Hardy und Gary Oldman in den Hauptrollen kennen. Der Roman besticht durch eine durchgehend düstere Stimmung und eine atmosphärische Dichte, die man in dieser Intention selten erlebt. 1953, die großen Säuberungswellen unter Stalin laufen. Man muss keine Mörder oder Verbrecher sein, um eines Tages völlig unerwartet in einem Gulag zu landen, wie beispielsweise in den Minen von Kolyma, die einem Todesurteil gleichkommen.

Ermittlungen in einer Diktatur sind ein interessantes Spannungsfeld, welches hier grandios bedient wird. Leo, einst Kriegsheld und wichtiger Ermittler, gerät dank einer Intrige seines Stellvertreters selbst auf die Abschussliste. Bei seiner Flucht vor dem MGB und seiner gleichzeitigen Jagd nach dem Mörder, macht er eine erstaunliche Wandlung durch, denn er selbst stand ja jahrelang für das Unrechtsregime ein. Er glaubte an die neue Ordnung, den Sieg des Kommunismus und dass dafür Opfer gebracht werden mussten. Doch gab es überhaupt noch jemanden, der nicht einen Freund oder Bekannten kannte, der dem System zum Opfer fiel? Raisa hasste Leo für seine frühere Einstellung, ihre Ehe ist seit langem zerrüttet.

Mit unbarmherziger Härte schlägt der Staat zu; die Parallelen zur Hitler-Diktatur sind unübersehbar. Neben dem beeindruckenden Setting überzeugt der Plot dadurch, dass er sich zu keiner Zeit treiben lässt. Es passiert etliches, überraschende Wendungen eingeschlossen, aber die beklemmende Gesamtlage bestimmt den düsteren Sound des Romans, dessen Geschichte auf dem wahren Fall des Andrej Chikatilo basiert, der zwischen 1978 und 1990 über fünfzig Menschen tötete. Buch und Film sind nach wie vor Highlights des Genres und unbedingt zu empfehlen!

  • Autor: Tom Rob Smith
  • Titel: Kind 44
  • Originaltitel: Child 44. Aus dem Englischen von Armin Gontermann
  • Verlag: Goldmann
  • Umfang: 512 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juni 2015
  • ISBN: 978-3-442-48185-9
  • Produktinformation


Wertung: 13/15 dpt

 


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