Christoph Elbern – Hafenmörder (Buch)

Serienmörderjagd im Kaiserreich

Hafenmörder
© Rütten & Loening

Mai 1904. Im Gängeviertel verlässt eine Prostituierte früh in der Nacht ihre Wohnung und stolpert auf dem Weg zu ihrer Arbeit förmlich über eine Leiche. Kommissar Arnold Manthey und sein Assistent Martin Bucher nehmen die Ermittlungen auf. Der reiche Kaufmann Walter von Grimm wurde mit einem Messer erstochen, auf seiner Stirn hat der Täter ein merkwürdiges Zeichen verewigt. Nicht zum ersten Mal, denn bereits zwei Monate zuvor traf es einen Versicherungsmakler. Neu ist allerdings, dass der Leichenbeschauer Dr. Trestow einen schrecklichen Verdacht äußert. Bucher zieht seinen Freund, den Bakteriologen Carl-Jakob Melcher vom Tropeninstitut, hinzu, der den Verdacht des Leichenbeschauers bestätigt: Cholera.

Bei Melcher kommen äußerst düstere Erinnerungen hoch, verlor er doch beim letzten großen Cholera-Ausbruch im Jahr 1892 seine Mutter. Die Presse bekommt Wind von der Sache, derweil der Mörder nur zwei Wochen später sein nächstes Opfer präsentiert. Die Merkmale sind stets die gleichen: Messerstich in den Rücken, Zeichen auf der Stirn, Wertsachen gestohlen. Handelt es sich bei dem Täter womöglich um einen Anarchisten, denn die Opfer sind allesamt reiche und honorige Bürger dieser Stadt. In einem Bekennerschreiben wird zu Nachahmungen aufgerufen. Nur kurz lassen sich die jungen Freunde von dem Namen des Unterzeichners ins Bockshorn jagen, denn „Luigi Lucheni“ ist gewiss nicht der gesuchte Mörder. Die Spurensuche führt in die Armenviertel.

Sag mal, Martin, wieso nimmst du eigentlich mich mit und keinen Kollegen aus der Polizeidirektion oder einen Schutzmann in Gärtnerkleidung?“
„Ganz einfach, Zee-Jott, weil du dich nicht wie ein Polizist anstellst und mir dein kluger Kopf sehr hilfreich sein kann, und …“
„Und?“
„Und weil keiner sonst, den ich gefragt habe, dazu bereit war.

Melcher treiben derweil noch andere Sorgen, denn sein Großvater Wilhelm Knudsen leidet unter Darmkrebs, hat nur noch wenige Monate und so träumt der alte Reeder von einem letzten großen Schiff; benannt nach seiner verstorbenen Tochter. Doch die Bank stellt sich quer und dann wäre da noch die junge Clara, das schöne Dienstmädchen der Knudsens, zu dem sich Melcher zunehmend hingezogen fühlt.

Stimmungsvoller Mix aus Geschichte, Hafenflair und Mörderjagd

Christoph Elbern legt mit „Hafenmörder“ ein grundsolides Werk vor, welches in vielerlei Hinsicht überzeugt. Vor allem ist es der gelungene Mix, in dem nicht ein Thema besonders erdrückend wirkt. Die gesellschaftliche Lage ist angespannt. Neuwahlen der Bürgerschaft stehen an. Wahlberechtigt sind nur jene Männer, die mindestens 1.200 Mark im Jahr verdienen. Davon können die meisten Arbeiter nur träumen. Der einzige Abgeordnete der SPD steht noch auf verlorenem Posten, denn die einflussreichen „Pfeffersäcke“ wollen viel, aber nicht ihre Macht abgeben. Ein anderer politischer Aspekt klingt hintergründig immer wieder an, denn der Kaiser möchte seine Flotte ausbauen. Das maritime Wettrüsten hat begonnen, doch noch sind einige der großen Werften mit zivilem Schiffsbau belegt. Auch hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander.

Über die Hauptfiguren Carl-Jakob Melcher, der als Ich-Erzähler fungiert, und Martin Bucher erfährt man viel über die Polizeiarbeit der damaligen Zeit. Die Arbeit am Tropeninstitut wird ebenfalls beleuchtet, wobei hier Melcher mitunter seiner Zeit ein wenig voraus zu sein scheint. Sein zunehmendes Interesse an Clara, was aus rein gesellschaftlichen Gründen schon mal gar nicht geht, nimmt ebenfalls einen angemessenen Umfang ein. Da Clara ursprünglich aus einem Hurenhaus stammt, wird dieser Aspekt ebenfalls zum Anlass genommen, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus darzustellen.

Der reine Krimiplot, der die Handlung stets prägt, ist gut arrangiert und hat einen konstant hohen Spannungsbogen, was unter anderem durch weitere Morde gefestigt wird. Die Auflösung in Gänze dürften derweil nicht alle voraussehen. Sollte es sich bei „Hafenmörder“ um einen Serienstart handeln, so darf man auf die Fortsetzung gespannt sein.

  • Autor: Christoph Elbern
  • Titel: Hafenmörder
  • Verlag: Rütten & Loening
  • Umfang: 365 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2022
  • ISBN: 978-3-352-00972-3
  • Produktseite  


Wertung: 12/15 dpt

 


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