Gruselige Stunden – Schaurige Geschichten für kalte Abende (Buch)

Wenn mit Einzug des Herbstes und dem Einläuten des Jahresende die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ein kühlerer Wind um Häuser pfeift und Schals, Mützen und Handschuhe aus dem Schrank gekramt werden, stellt sich zuweilen neben Besinnlichkeit und Vorfreude auf die kommende Weihnachtszeit auch ein leiser Schauer ein: Die dunklen, kalten Nächte laden dazu ein, sich vermehrt Gruselgeschichten zu widmen.
Zu früheren Zeiten, als elektrisches Licht noch eine Utopie bzw. eine Seltenheit war, gehörten unheimliche Geschichten zur Weihnachtszeit dazu, und insbesondere das viktorianische Zeitalter erschuf in seiner Blütezeit zahlreiche Schauergeschichten, die in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen wurden.

„Gruselige Stunden – Schaurige Geschichten für kalte Abende“ beherbergt eine Sammlung von Geschichten moderner Autoren, die ihre Geschichten allesamt in die viktorianische Zeit ansiedelten und mit den unterschiedlichsten Themen aufwarten.

„Wirt“ von Kiran Millwood Hargrave, die wohl tragischste und eine der viktorianischsten Geschichten des Buches, erzählt von einem verarmten Waisenmädchen, das in den eisigen Wintermonaten auf ein neues Leben hofft, und von einem Ehepaar, dessen Verzweiflung und Trauer um das verstorbene Kind jegliche Moral und Vernunft vergessen lässt. Auch wenn das Ende ein wenig verwirren mag, gehört die Geschichte zu den inhaltlich und stilistisch stärksten der Sammlung und bedrückt und gruselt gleichermaßen.
Laura Shepherd-Robinsons „Inferno“ ist eine Hommage an Dantes Höllenkreis und lässt dementsprechend seinen leichtsinnigen, überheblichen und selbstsüchtigen Protagonisten durch seine persönlichen Höllenzirkel gehen. An manchen Stellen etwas langatmig, gegen Ende hin dann etwas überstürzt, ist „Inferno“ doch sehr spannend geschrieben und verknüpft Literatur und Mythos auf sehr interessante Weise.


Auch „Der Herr des Hauses“ von Stuart Turton nimmt sich eine der bekanntesten Erzählungen der Weltliteratur zum Vorbild, Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, indem er einem kaltherzigen Vater eine Nacht gibt, um seinen ihm entfremdeten Sohn zurückzugewinnen. Leider verliert sich die Handlung zur Mitte hin und wird ab einem gewissen Zeitpunkt etwas unübersichtlich. Zur Mystik gesellen sich Science-Fiction-Elemente hinzu und zuweilen erinnert die Handlung an Episoden von Black Mirror und die populäre „Creepypasta“ „No End House“, was durchaus eine interessante Idee ist, jedoch aufgrund der wechselnden Zeitsprünge und Erzählweise nicht jedermanns Geschmack sein dürfte.


Eine andere Richtung schlägt dann wieder Imogen Hermes Gowar „Doppelter Faden“ ein, die eine beinahe klassische viktorianische Gruselgeschichte erzählt. Um dem Skandal und den drohenden Konsequenzen um ihren Ehemann zu entkommen, flüchtet eine junge Frau in eine abgelegene Ortschaft. Dort verhält sie sich dem Dienstpersonal gegenüber hochmütig, herablassend und grausam, was zwangsweise zu einem bitteren Ende führen muss. Spannend macht diese Geschichte nicht nur den latenten Grusel, der sie stets begleitet, sondern auch das prestigegeschwängerte Denken der Protagonistin und das heimliche Hoffen des Lesers, dass sie für ihr grundlos überhebliches Verhalten bestraft werden möchte. Auch könnte sie dazu einladen könnte, sich selbst die Frage zu stellen, inwiefern man selbst eigentlich über „Klassenunterschiede-Gedanken“ verfügt.


„Das Salzwunder“ von Natasha Pulley wartet mit einer mystischen Geschichte auf einer Insel auf, die unweigerlich Bilder einer stürmischen und kalten Winternacht hervorruft. Ein Priester soll auf der Insel St. Hilda das geheimnisvolle Verschwinden einiger Pilger aufklären und stößt dabei auf Geheimnisse jenseits des Irdischen. Zwar mag die Erzählweise etwas undurchsichtig und teilweise nicht ganz so schlüssig sein, dennoch ist sie bestens für oben beschriebenen Winternächte geeignet.
Den Abschluss der Sammlung macht „Verbannt“ von Elizabeth Macneal, in welcher der angesehene Lord Erskine ein junges Medium darum bittet, ihn von dem rachsüchtigen Geist seiner verstorbenen Ehefrau zu befreien. Wenig überraschend stößt die Erzählerin auf wesentlich mehr als eine belanglose Ehekrise und schwebt bald selbst in Lebensgefahr. Mit einem spannenden, feministischen, vielleicht etwas klischeehaften, aber auch irgendwie genugtuenden Spannungsaufbau, der einem einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln lässt, den diese Geschichte bereithält, findet die Anthologie einen würdigen Abschluss.

Gleich, ob man mehr psychologischen, mythischen oder plastischen Horror bevorzugt, „Gruselige Stunden“ bietet eine großzügige Auswahl unterschiedlichster Erzählungen. Alle gemein haben sie jedoch, dass sie neben Geistern auch Schreckgestalten offenbaren, die uns viel näher sind, als uns lieb ist: Die Dämonen in uns, die sich, mal mehr und mal weniger, bemerkbar machen und denen wir nicht immer ausweichen können.
Und diese Erkenntnis ist vielleicht letztlich sogar die unheimlichste von allen.

Cover © DuMont Buchverlag

Wertung: 13/15 dpt

Autor: verschiedene Autoren

Titel: Gruselige Stunden – Schaurige Geschichten für kalte Abende

Verlag: Dumont

Erschienen: 09/2025

Einband: Hardcover mit Umschlag

Seiten: 240

ISBN: 978-3-7558-0054-5

Sonstige Informationen:

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