David Mitchell – Der Wolkenatlas (Buch)

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David Mitchell - Der Wolkenatlas (Cover © rowohlt)Das Fast-Ende der Menschheit beginnt bei David Mitchell im 19. Jahrhundert mit dem „Pacifiktagebuch des Adam Ewing“, in der der im Titel genannte Anwalt über die Weltmeere schippert und allerlei zum Thema „Rassenkonflikte“ aufschnappt. Virtuos anachronistisch umgesetzt hier die altmodische Schreibweise, unterwandert mit Humor des 21. Jahrhunderts. Der Erzählfluss endet abrupt mitten im Satz.

Es folgen die „Briefe aus Zedelghem“, in denen sich der vor seinen Gläubigern flüchtige Engländer Frobisher in Belgien bei einem berühmten Komponisten einnistet und dessen Frau direkt einmal ganz nah kennenlernt. Die Spielregeln für den Wolkenatlas werden jetzt festgelegt. Frobisher gerät in Form eines antiquarischen Buches das Tagebuch von Adam Ewing in die Hände. Auch Frobishers Briefe enden ohne Ende.

Und so geht es weiter. Es folgen „Halbwertszeiten: Luisa Reys erster Fall“, „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ und „Somnis Oratio“. Alle Geschichten stoppen in einem Cliffhanger, und in allen Geschichten gerät dem Protagonisten die vorangegangene Episode in unterschiedlicher Medienform (unter anderem als fiktiver Roman, als Film und als Hologramm) in die Finger. Ein weiteres Bindeglied ist ein kometenförmiges Muttermal, das in jeder Geschichte den jeweiligen Protagonisten kennzeichnet und eine Reinkarnationsthematik nahe legt. Hier liegt auch eine der zahlreichen Erklärungen des Buchtitels vergraben. An einer Stelle heißt es: »Seeln wandern durch die Zeiten wie die Wolken übern Himmel«.

Da die meisten der Novellen für sich betrachtet außergewöhnlich gut sind, möchte ich kurz auch auf die restlichen Episoden eingehen: „Halbwertszeiten: Luisa Reys erster Fall“ ist ein reißerischer Atomskandal-Thriller à la Silkwood und gleichzeitig die schwächste Episode des Buches. In „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ wird der bereits aus Mitchells Roman Chaos bekannte Verleger Cavendish, ein wortgewaltiger Lästerer und Misanthrop vor dem Herrn, von seinem ungeliebten Bruder in ein geschlossenes Altersheim gelotst, in dem die Betreuer eher KZ-Aufsehern ähneln als netten Altenpflegern. „Somnis Oratio“ spielt in einer bedrückenden Philip-K.-Dick-Zukunft und schildert in Interviewform den Aufstieg des Klons Sonmi von der herangezüchteten Hilfsarbeitsmaschine zum hochgebildeten, sensiblen Menschen. Sehr bewegend.

Mit „Sloosha’s Crossin‘ und wies weiterging“, der Mitte des Buches, haben wir dann den Gipfel vom Wolkenatlas erreicht. Diese Novelle ist komplett am Stück widergegeben. Das Ende der Zeit ist erreicht. „Sloosha’s Crossin‘ und wies weiterging“ ist die Nabe, um die sich der Rest des Buches dreht. Das Post-Doomsday-Szenario, dass Mitchell beschreibt, erinnert in der ersten Hälfte an John Crowleys atomarem Nachkriegstraum Maschinensommer. Leider fährt der Qualitätspegel des Buches ab der zweiten Hälfte von „Sloosha’s Crossin‘ und wies weiterging“ rapide runter. Ab jetzt folgen viele viele Action-Seiten mit Brandschatzungen und Verfolgungsjagden, die die Qualität des Buches etwas beeinträchtigen. Hier komme ich zu der Überzeugung, dass „Der Wolkenatlas“ etwas zu lang ist.

Die Zeit läuft jetzt rückwärts. In umgekehrter Reihenfolge werden die fünf angefangenen Novellen fortgesetzt, bis man wieder beim Tagebuch des Adam Ewing angelangt ist und eines der – trotz Zähigkeiten in der zweiten Hälfte – beeindruckendsten Bücher spekulativer Literatur der letzten Jahre zuklappt.

David Mitchell ist ein Autor, den man eher nicht mit Science Fiction in Verbindung bringt. Der Wolkenatlas ist aber ein faszinierendes Grenzprodukt. Vom Anspruch eher realistische Literatur, ist das Buch thematisch Science Fiction reinsten Wassers. Dass Mitchell sich auskennt in den Golden Years der SF, zeigen diverse liebevolle Anspielungen: Es gibt einen Lester Rey; Der Klon Sonmi trägt die Seriennummer 451 usw.

Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem Handlung und Erzählform so schlüssig verschmolzen sind. Menschliche Abgründe und Humor stehen hier ganz dicht beieinander. Und obwohl jede Geschichte formal und stilistisch anders ist, wirkt das Gesamtkonstrukt Wolkenatlas außergewöhnlich organisch. Der Wolkenatlas ist ein ästhetischer Lesegenuss und könnte für all jene der richtige Griff sein, die schon Bücher vom Format eines Licht von M. John Harrison oder Stadt der Heiligen & Verrückten von Jeff VanderMeer schätzen gelernt haben, wobei Der Wolkenatlas deutlich zugänglicher ist als die beiden genannten.

Cover © rowohlt Verlag

Erstveröffentlichung dieser Rezension in in Pandora 01 (März 2007)

  • Autor: David Mitchell
  • Titel: Der Wolkenatlas
  • Originaltitel: Cloud Atlas
  • Übersetzer: Volker Oldenburg
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 2006
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 668
  • ISBN: 978-3-49804-499-2
  • Sprache: (bei nicht-deutschen Büchern, sonst weglassen)
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch

Wertung: 12/15 dpt

 


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David Mitchell – Der Wolkenatlas (Buch)

von Frank Duwald Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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