Bov Bjerg – Auerhaus (Buch)

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Bov Bjerg - Auerhaus (Cover © aufbau Verlag/Blumenbar)In den vergangenen Monaten wurde wahrlich viel über dieses Buch geschrieben – und nun kommen die booknerds auch noch reichlich verspätet angewackelt und geben ihren Senf dazu. Doch Literatur ist zeitlos – und das gilt auch für „Auerhaus“, den zweiten Roman des bei Göppingen als Rolf Böttcher geborenen, seit über zwanzig Jahren in Berlin lebenden Kabarettisten und Schriftstellers Bov Bjerg.

Zeitlos unter anderem deshalb, weil – so viel vorweg – dieser liebevoll-minimalistisch aufgemachte Roman allein durch sein Sein, wie er ist, problemlos die Voraussetzungen erfüllt, um seinen Weg in die Schullektüre zu finden, wie vor wenigen Jahren bereits mit Wolfgang Herrndorfs „tschick“ geschehen. Mit letztgenanntem Roman hat „Auerhaus“ inhaltlich zwar nicht allzu viel gemeinsam, wenn man mal vom ebenfalls präsenten Plateau „Jugendliche und der Ausbruch aus dem Ist-Zustand“ absieht – bezüglich der Atmosphäre, die in diesem Buch herrscht, lassen sich jedoch einige Parallelen ausfindig machen.

Irgendwann in den Achtzigern. Irgendwo in Baden-Württemberg. Eine Gruppe junger Menschen steht kurz vor dem Abitur, doch die Jugendlichen fragen sich: DAS soll es sein? Das Leben? Dieser vorgezeichnete Weg in ein System, in welchem man nur ein nummeriertes Zahnrädchen ist, das zu funktionieren hat? Ist der Sinn des Lebens wirklich der, »in Ordnern mit der Aufschrift Birth – School – Work – Death abgeheftet« zu werden? Als junge Frau eine Ausbildung machen, dann einen Mann kennen lernen, heiraten und als Hausfrau funktionieren? Als junger Mann Ausbildung, Bundeswehr, Arbeit, Rente? Ist das der Gipfel des Seins der Spezies Mensch?

Protagonist Höppner, seine Freundin Vera, der lebensmüde Frieder – Höppners bester Freund -, später auch die bildschöne Pyromanin Pauline sowie Veras Schulfreundin Cäcilia ziehen nach und nach in das leerstehende Haus von Frieders Großvater – in das „Auerhaus“. Das Haus verdankt seinen Namen indirekt dem Madness-Song „Our House“ – als Dorfbauer Seidel, der der Gruppe durch das Zurverfügungstellen eines Traktors und eines Hängers beim Umzug hilft, das bei den jungen Leuten ständig laufende Mixtape hört, quittiert er das aus den Boxen dudelnde Liedgut nach kurzem Innehalten mit dem Kommentar: »Auerhaus? Aha. Auerochse, Auerhaus.« – die Dorfeinwohner sind des Englischen nicht allzu mächti und überwiegend eher einfach und grobmaschig gestrickt.

Letztendlich war der finale Auslöser für den Umzug und die damit einhergehende WG-Gründung ein Selbstmordversuch Frieders, und letztendlich versuchen die fünf jungen Männer und Frauen, nicht nur ihr Leben und dessen Werte durch diese Wohngemeinschaft zu retten, denn sie wollen damit auch Frieder  neuen Lebensmut einhauchen. Eines Tages taucht der homosexuelle Elektriker-Azubi Harry dann auch noch auf, sitzt einfach so kiffend in der Küche – und wird flugs zum sechsten Mitglied.

So sehr sich das Leben allerdings auf dieses Haus konzentriert, so sehr entpuppt sich dieser gegangene Schritt – Außenstehende zeigen sich empört – als eine Odyssee, vor allem als eine innere solche. Denn die Freundschaften und auch die Beziehungen der einzelnen Charaktere werden intensiv auf die Probe gestellt, und auch das Finden des eigenen Weges und zu sich selbst erweist sich als ein steiniger Weg, den sich die sechs so nicht vorgestellt hätten. Was wird aus diesen Individuen, wenn sie irgendwann wieder dieses Haus verlassen sollten? Wohin geht ihre Reise und was hat das Leben in dieser WG in ihnen als Person bewirkt?

Bjerg hält die Sprache in diesem Roman simpel. Kurze und prägnante Sätze sowie zahlreiche Dialoge dominieren. Doch damit geht keinesfalls der Anspruch verloren, zumal dieser vor allem zwischen den Zeilen zu finden ist. Die Stimmung zwischen den orangefarbenen Buchdeckeln wird durch das Cover überraschend passend skizziert – einerseits ist es düster und regnerisch im Leben der sechs, doch immer wieder bricht die Hoffnung durch, es entstehen positive Momente. Und selbst, wenn dicke Wolken aufziehen, so bleibt letztendlich noch der Galgenhumor. Letztendlich bleibt „Auerhaus“ trotz seiner melancholischen und nachdenklichen Grundnote, teilweise gar mit kleinen philosophisch schimmernden Textkristallen, auf gewisse Weise stets ein Mutmacher.

Der Autor verbindet mit „Auerhaus“ obendrein die Generationen miteinander, denn auch wenn man als jüngerer oder jugendlicher Leser die Achtziger nicht mitbekommen haben mag, dürfte man sich in diese Geschichte einfinden, denn die Frage „Funktionieren oder leben?“ stellt sich den jungen Menschen heutzutage mehr denn je – und ebenso werden jene, die früher geboren sind und die Achtziger erlebt haben, viel aus ihrem eigenen Leben in diesem Buch wiederfinden – sei es nur die Musik, der ganze Achtziger-Flair, die damaligen Gegebenheiten oder die zuweilen sonderbaren Menschen, die man heute möglicherweise aus den Augen verloren hat.

„Auerhaus“ fasziniert. Nicht etwa aufgrund des Inhalts, sondern eher aufgrund des „Wie“. Denn Bjerg gelingt ein perfekt ausbalanciertes Verhlätnis zwischen Kälte und Wärme, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Ausdruckskraft und Anonymität. Das bewirkt, dass sich der Leser als stiller siebenter Bewohner genau so fühlt wie die anderen sechs Charaktere: Man gehört irgendwie mit dazu, befindet sich aber in einer permanenten Schleife der Unsicherheit und Ungewissheit. Denn was heute noch fest zusammengeschweißt erscheint, kann schon morgen zerbrochen sein. Und umgekehrt.

Cover © Blumenbar/aufbau Verlag

Wertung: 13/15 dpt

 

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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Bov Bjerg – Auerhaus (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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