David Halperin – Der Tag, an dem das UFO vom Himmel fiel (Buch)

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David Halperin - Der Tag, an dem das UFO vom Himmel fielNur unsere Träume können uns retten – der junge Danny Shapiro hat es nicht leicht: Sein Vater behandelt ihn wie einen Fremden, seine Mutter zieht sich in ihre Krankheit zurück, und sein Zuhause vermittelt ihm das Gefühl, eingesperrt zu sein. Doch dann kommt die Nacht des 20.12.1962: Ein UFO fällt vom Himmel – und für Danny ist nichts mehr so, wie es war. Aber hat er das UFO wirklich gesehen? Danny begibt sich auf eine abenteuerliche Reise und trifft dabei nicht nur auf Außerirdische, sondern auch auf ein wunderschönes Mädchen. Dabei vermischen sich Realität und Fantasie so sehr, dass er selbst nicht mehr weiß, in welcher Welt er eigentlich lebt. Aber mehr und mehr begreift er: Er muss erst den Umweg durch seine Fantasiewelt nehmen, um sich dem realen Leben stellen zu können und vielleicht auch ein kleines Stück vom Glück für sich zu erobern…

Dannys Leben ist tatsächlich nichts weiter als ein Stück Dreck, und jeder Tag ist ein Kampf, der darin besteht, vierundzwanzig Stunden zu überstehen. Hätte er die Besessenheit nicht, der UFO-Sache nachzugehen, so hätte er wohl nichts außer viele Klötze am Bein, sich selbst und sein Selbstmitleid. Immer wieder macht er sich Notizen, schreibt in Teilen seine Geschichte auf und erlebt sonderbare Dinge. Ob diese gerade tatsächlich oder nur in Shapiro Juniors Kopf geschehen, ist gleich von Beginn an nur mit geschärften Sinnen differenzierbar und nachvollziehbar, und im weiteren Verlauf verschwimmen die Grenzen zwischen der einen und der anderen Welt immer mehr, sodass es für den Leser nicht immer einfach ist, den willkürlichen Sprüngen zu folgen – ein unaufmerksamer Bücherkonsument mag da bereits früh resignieren, denn ohne Wachsamkeit verliert man rasch den Faden.

Die Außerirdischen werden durch eigenwillige Charaktere und Lebewesen dargestellt, und bis auf die Tatsache, dass diese manchmal ein wenig zu klischeehaft dargestellt werden, ist es David Halperin recht gut geglückt, diese zu schriftzeichnen. Letztendlich projiziert er ja auch nur die Visionen Danny Shapiros auf die zerebrale Leinwand, und der ist schließlich ein Junge, der sich mitten in der Pubertät befindet, einem Lebensabschnitt, in welchem die Umbauphase des Gehirns auf Hochtouren läuft und sich so auch die Phantasien in einer von vielen Entwicklungsphasen befinden. Doch nicht nur die Geschichte mit dem UFO erscheint real und surreal zugleich, denn auch die Freundschaften, die er schließt, oder Rhondella, zu der er sich sehr hingezogen fühlt, bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Imagination und dem echten Leben.

Dieser Seiltanz lässt den jungen Bub Danny allerdings erst zu dem jungen Mann Dan Shapiro heranwachsen, und die Darstellung dieses Reifeprozesses hat der Autor mit im übertragenden Sinne feinen Strichen und zahlreichen Details umrissen und ausgemalt, wobei stets eine gewisse beabsichtigte Distanz zwischen dem Leser und dem Protagonisten bewahrt wird. Man sich nicht selten unsicher, ob man mit dem Teenager nun Sympathien teilen möchte oder lieber doch nicht, und das sorgt für eine zusätzliche Facette, die zugleich einer der entscheidenden Spannungsfaktoren des Buches ist.

Angenehm bei diesem zwar ereignisreichen, aber eher ruhigen Science-Fiction-Roman ist, dass er in der Mitte des vorherigen Jahrhunderts spielt statt in der jeweiligen Jetztzeit in Form der Entstehungszeit des Werks, und auch sonst wird fast komplett auf die üblichen Stereotypen dieses Genres verzichtet, denn hier gibt es keine laserkanonenbewaffneten Raumschiffe, fremde machtbesessene Herrscher, die die Erde zerstören wollen oder gar irgendwelche technischen Abgefahrenheiten, sondern lediglich diese eigenartigen Ereignisse und jenes abgestürzte UFO.

Halperin, emeritierter Professor für Theologie, bringt viel seines Fachwissens in seinen ersten Roman ein, kritisiert die Religion und den Glauben, hinterfragt beides, ebenso wie Spiritualität, Wissenschaft und die Science Fiction, und so entsteht – im krassen Kontrast zu den tatsächlichen und fiktiven Ereignissen – ein turbulenter, chaotischer Wirbelwind der Emotionen und Eindrücke, sodass der Leser sich selbst oftmals wie Shapiro fühlt und manchmal gar nicht weiß, aus welcher Perspektive Danny sich nun sieht. Und das ist das Spannende an diesem schick gebundenen, mit Schutzumschlag versehenen Buch: Bis zum Ende der Geschichte besteht angenehme Verwirrung, die immer neugieriger macht auf den Werdegang des Außenseiters. Der Autor baut hierbei auf einen zwar nie anspruchslosen, aber einfachen, verständlichen Schreibstil, der ein zügiges Lesen ermöglicht – nie beißt man sich, ganz gleich, wie komplex das Werk manchmal auch ist, die Zähne aus. Und das ist eine Gabe, die der US-Amerikaner hoffentlich noch in weiteren Büchern in Lesbares umsetzen wird. Vorausgesetzt, man bleibt mit erwähnter Konzentration am Ball.

„Der Tag, an dem das UFO vom Himmel fiel“ darf man als unhysterische, zu keiner Zeit effekthaschende Science-Fiction-Literatur einordnen, die den Fan wilder Alienschlachten vielleicht etwas enttäuschen wird, doch möchte man mehr als nur einen Mainstream-Roman aus diesem Genre lesen, ist vorliegende Lektüre eine gute Wahl. Zwar nicht die, die den literarischen Olymp besteigen wird, aber für viel Kurzweil sorgt. Ernsthaft zu kritisieren wäre lediglich der Preis – zwei oder drei Euro weniger hätten da durchaus genügt, Hardcover hin oder her.

Cover © Manhattan Verlag

  • Autor: David Halperin
  • Titel: Der Tag, an dem das UFO vom Himmel fiel
  • Originaltitel: Journal Of A UFO Investigator
  • Übersetzer: Jörn Ingwersen
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 08/2012
  • Seiten: 380
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • ISBN: 978-3-442-31278-8

Wertung: 10/15 dpt

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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