E. M. Delafield – Tagebuch einer Lady auf dem Lande (Buch)

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E. M. Delafield - Tagebuch einer Lady auf dem Lande (Buch)

Bereits in den 30er Jahren avancierte dieses Buch der 1890 geborenen und 1943 verstorbenen britischen Autorin mit französischen Genen väterlicherseits zum Klassiker. Seit 1915 erschrieb sich die bürgerlich unter dem Namen Edmée Elizabeth Monica Dashwood (Mädchenname: de la Pasture) bekannte Schriftstellerin ein gutes Vierteljahrhundert lang eine wahrlich umfangreiche Bibliographie, doch das im Original „Diary Of A Provincial Lady“ betitelte Werk, welches in Deutschland 1935 erstmals unter dem Titel „Ich und meine lieben Mitmenschen: Tagebuch einer Provinzdame“ erschien, war seit jeher ein Bestseller und wird nun einmal mehr neu aufgelegt. Eine gute Idee. Denn auch über achtzig Jahre nach Erscheinen hat dieser rund elf Monate lang aufgezeichnete Einblick in das Leben einer – nun ja – Lady auf dem Lande irgendwo in der Grafschaft Devon nichts von seinem urbritischen Charme verloren.

Das Interesse ihres Ehemanns Robert gilt zu neunundneunzig Prozent der „Times“, Sohn Robin ist, wenn er nicht gerade im Internat weilt, ein unverschämter, verzogener, rabaukenhafter Schokoladenjunkie, dem man nichts übel nehmen kann, und Töchterchen Vicky ist vorlautes, tollpatschiges Monster und liebenswertes Herzchen zugleich. Damit allerdings nicht genug: Die Köchin des Hauses ist überwiegend übellaunig, die meist „Mademoiselle“ genannte Gouvernante weiß stets einen guten – oder besser gutgemeinten – Rat, und irgendwie versucht die Lady selbst, ihr Leben, ihre Ehe, die Familie, die Freundschaften und Kontakte sowie den Haushalt unter einen Hut zu bringen und verhält sich hierbei oftmals wie ein tapsiges, verwirrtes Bärenjunges. Entweder sagt sie das Falsche zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, tritt in Fettnäpfchen, verheddert sich im Chaos oder macht sich mitunter freiwillig-unfreiwillig lächerlich. Dann müssen noch Telegramme und Briefe in aller Regelmäßigkeit versendet werden, die zahlreichen gesellschaftlichen Ereignisse besitzen hohen Stellenwert, und die Finanzen müssen natürlich auch geklärt werden. Umgang mit Geld ist allerdings nicht gerade ihre Stärke, Beständigkeit und Konsequenz ebenso wenig.

Es ist äußerst amüsant, wie die junge Frau ihre Erfahrungen schildert. Mal lakonisch, mal ironisch-sarkastisch, oft auch scharf analytisch lässt sie den Leser an ihren Fehltritten, Entscheidungen, Fehlentscheidungen, ihrer eingefahrenen Ehe und ihrem Leben mit ihren unmöglichen Mitmenschen teilhaben – man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Lady dabei die Augen verdreht, seufzt, sich ihre Bluse entschlossen zurecht zupft, sich räuspert – um dann doch wieder in die nächste Situation mit Nervfaktor zu geraten. Dass aber auch niemand Verständnis mit der Lady hat, die doch auch einfach nur mal zur Ruhe kommen möchte…

Aber Pustekuchen – es nimmt kein Ende. Ständig weiß irgendjemand etwas besser, die unmögliche Lady B. bringt sie an ihre Grenzen, dann steht unangekündigt Besuch von Freunden und Nachbarn vor der Tür. Oder sie begegnet der äußerst anstrengenden Miss Pankerton. Und bei Literatur muss sie ja auch irgendwie mitreden können. Und beim Sport. Und in der Politik. Sie tut es – mit rudimentären Kenntnissen, wohlgemerkt. Doch irgendwie schummelt sie sich jedoch immer wieder durch. Außerdem hat sie einen Sprachfehler: Sie kann schlecht nein sagen. Eigentlich gar nicht. So geschieht es nicht selten, dass die geplagte Dame um Dinge gebeten wird, die ihr völlig widerstreben – und sie dann doch zusagt. Wie macht man es allen recht und ist dabei nahe am Versagen? Die Lady weiß es, zumeist ohne dass es ihr bewusst ist.

Enorm lustig ist zu beobachten, wie sehr das Gesagte von Getanem abweichen kann – und das lässt sich auf das gesamte Leben übertragen. Mal ehrlich: Wie oft gehen einem Gedanken durch den Kopf, die man doch lieber für sich behält, um Ärger zu vermeiden, jemanden nicht zu verletzen oder einfach um des lieben Friedens willen? Oder denkt man nicht immer wieder mal Version eins und entscheidet sich doch lieber dafür, Version zwei zu sagen, um ein Dilemma zu vermeiden? Zu klar, dass man gerade dadurch erst in ebenjenes gerät.

All das ist herzerwärmend drollig formuliert, und man muss immer wieder schmunzeln, wie die feinen Damen und Herren und die Nachkömmlinge in ihrer perfekten Welt zurechtzukommen versuchen und in ihren nicht so einfachen Phasen dann trotz vorgeblicher Stärke dann realisieren müssen, dass die Welt doch nicht so perfekt ist. Die Mitmenschen sind es schon gar nicht – und von einem selbst möchte man hinter vorgehaltener Hand lieber, nun ja, schweigen. Manchmal stammen die besten Geschichten eben doch mitten aus dem normalen Leben. Manche von ihnen sind obendrein zeitlos – wie diese. Der nun über acht Dekaden währende Erfolg kann kein Zufall sein.

Cover © Manhattan Verlag

  • Autor: E. M. Delafield
  • Titel: Tagebuch einer Lady auf dem Lande
  • Originaltitel: Diary Of A Provincial Lady
  • Übersetzer: Thomas Stegers
  • Verlag: Manhattan
  • Erschienen: 11/2012 (Original: 1930)
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 201
  • ISBN: 978-3-442-54691-6

Wertung: 11/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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