Live gesehen: Sascha Grammel – „Keine Anhung“ / Kassel, Kongress Palais (Stadthalle), 14. Juni 2013

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Grammel Live klein (c) Patrick WamsganzKürzlich wurde die DVD-Version des aktuellen Programms bereits wohlwollend besprochen und die deutlichen Verbesserungen gegenüber dem ersten Programm „Hetz mich nicht!“ lobend erwähnt, dennoch durfte man gespannt sein, ob sich der bauchredende Puppet-Comedian auch ohne DVD-Regisseur mit Extra-Aufnahme-Takes bewährt und sein aktuelles Programm „Keine Anhung“ zu meistern vermag. Fast 1800 Zuschauer fanden sich am vergangenen Freitag im Kasseler Kongress Palais, allgemein bekannt als die Stadthalle, ein. Befürchtete man um 19:30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn noch, dass sich die Location nicht füllte, strömten kurz vor Beginn dann doch noch die restlichen Zuschauer in die ausverkaufte Halle.

Lange ließ Grammel dann auch nicht auf sich warten, denn recht pünktlich startete seine Show. Offensichtlich ist der Spandauer des Baujahres 1974 beim nordhessischen Publikum äußerst beliebt, denn das bunt gemischte Menschengewirr – von Knirpsen bis Senioren, Männlein und Weiblein, vom Schlips- bis zum T-Shirt-Träger war restlos alles vertreten – begrüßte den ehemaligen „Zauderer“ nach dem bereits von der DVD bekannten, auf einem großen Bildschirm gezeigten Intro, in fast ohrenbetäubender Lautstärke, als er dann leibhaftig auf der Bühne stand. Und von dieser Euphorie ließ sich Grammel auch spontan mitreißen.

Professionell und in positivem Sinne routiniert kabbelte sich der Mann mit dem Flokati auf dem Kopf mit der wohl bekanntesten seiner Figuren, dem herrlich dreisten, frechen Geier Frederic Freiherr von Furchensumpf, bevor der Zuschauer dann nach einem der vielen überleitenden Filmclipeinspieler mit der neuen Figur „Außer Rüdiger“, der Socke mit den riesigen Augen, ein kleines „How to“ der Handpuppen- und Bauchredekunst präsentiert bekam. Anschließend ging dem kompletten Saal dank der rührenden, goldigen Schildkröte Josie, das Herz auf. Mal ehrlich: Wie gefühlskalt muss man sein, um dieses 113-jährige Naivchen nicht in sein Herz zu schließen? Der Verfasser dieser Zeilen hätte das Viech mit den Kulleraugen jedenfalls am liebsten spontan adoptiert.

Zwar war die Stadthalle recht gut klimatisiert, doch das Publikum – und wohl auch Grammel selbst – wird für die fünfundzwanzigminütige Pause dankbar gewesen sein, da sich dann doch einiges an Hitze anstaute. Doch die Zuschauer bewegten sich recht bald wieder auf ihre Plätze, weil die Ungeduld wohl siegte. Und dann stürzte das UFO endlich ab, welches uns den sechsarmigen, allerdings nur mit vier Armen hier angekommenen Alien Herrn Schröder (zwei Arme waren in der Wäsche) mitsamt Sternschnuppe Ursula näher bringt. Hier möchte man gar nicht zu viel verraten, außer dass es sich bei diesem Figurendoppel wohl um das derzeit schrägste aus der Grammelwelt handeln dürfte. Nachdem das türkisfarbene Huhn Huhn als weitere neue Figur ebenfalls eine kleine Vorstellung der sonderbaren Art abgab, durfte der aus dem ersten Programm bekannte Prof. Dr. Peter Hacke einmal mehr seine neueste Entdeckung präsentieren – was natürlich einmal mehr nicht ohne Komplikationen vonstatten ging. Zwischendurch lockerte Grammel durch ein paar puppenfreie Einlagen die Show stets im richtigen Moment auf und ließ die Zuschauer auch hierbei staunen und lachen.

Klar, wenn man die DVD bereits gesehen hat, gab es in Kassel kaum Überraschungen im Vergleich zum Dargebotenen, aber dank kleiner Variationen und der gelegentlichen Mini-Pannen, die Grammel charmant und positiv mit kleinen Improvisationen in den Dialogen überbrückte (und die sich doch bitte schön auch in Zukunft ereignen sollten – fast gehören sie zum Programm), gab es immer wieder Kleinigkeiten, bei denen man dann doch froh war, es live noch einmal genießen zu dürfen. Vor allem aber entdeckte man auf diese Weise unzählige Details, die einem beim Genuss auf der Flimmerkiste unbewusst entgangen sind – speziell, wenn man einen Blick auf die liebevollst entworfene Kulisse warf.

Amüsant war während der gesamten Show, dass das Publikum aus dem Lachen kaum herauskam, denn das steckte den Künstler auf der Bühne offensichtlich mehrmals an und brachte ihn des öfteren beinahe aus dem Konzept, zumal es ja unmöglich ist, während des Lachens auch bauchzureden – und diese kleine „Macke“ namens Menschlichkeit inmitten des ansonsten fehlerfreien Programms sorgte letztendlich für eine angenehme Publikumsnähe – und brachte die Kasseler und nach Kassel Gereisten gerade deswegen einmal mehr zum Lachen.

Sascha Grammel war sichtlich gerührt, zumindest waren – so sah es aus dem Publikumsblickwinkel aus – die lidstrichumrandeten Augen tränenglasig. Doch der euphorische Jubel war wohl das Mindeste an Anerkennung, was man jemandem, der auf diesem Niveau zwei Stunden netto mit sich selbst spricht, entgegen bringen konnte. Letztendlich verließen die Zuschauer mit ebenjenem Lächeln, das Grammel ihnen schenken wollte, die Lokalität und durften so an einem bleibenden, tief sitzenden,  nachhaltig positiv wirkenden Erlebnis zehren.

Man hätte zwar, wenn man schon nach einem Haar in der Suppe sucht, bemängeln können, dass auf einen Merchandisestand verzichtet wurde, andererseits war die Atmosphäre dadurch um einiges entspannter, da sich so keine Fans gegenseitig die Füße platttreten und am Ende lange Gesichter ziehen mussten, weil zum Beispiel das gewünschte T-Shirt in der gewünschten Größe nicht mehr vorhanden war. Anhand der Tatsache, dass man die Artikel problemlos im Webshop ordern kann, sollte es jedoch auch für spontan eingestellte Fans kein Problem darstellen, sich jederzeit mit Grammelware einzudecken. Und außerdem gibt es ja noch andere, teils dezente Möglichkeiten, seinem Fansein Ausdruck zu verleihen (siehe Foto unten).

Livefotos auf dieser Seite © Patrick Wamsganz

Weblinks:

(Sämtliche Links öffnen in einem neuen Fenster.)

INFO: Leider handelt es sich bei den beigefügten Live-Fotos um allgemeine Live-Pressefotos, da von Kassel leider keine verfügbar sind. doch auf der Webseite der HNA gibt es einige Originalfotos der Kasseler Show zu sehen.


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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2 Kommentare

  1. Hallo, schöne Rezension. Allerdings fehlt wohl im zweitletzten Absatz etwas Text… der Satz ist irgendwie schräg.

    Außerdem gab es sehr wohl einen Merch-Stand. Dieser befand sich – auch das Catering direkt gegenüber des großen Festsaals. Vermutlich nicht gesehen, wegen der vielen Leute, die sich da auf die Füße getreten sind ;-)

    • Chris Popp
      Chris Popp am

      In der Tat haben wir den Merch-Stand und das Catering nicht gesehen, was daran gelegen haben könnte, dass wir oben in der Mittelempore saßen und somit gar nicht in Nähe des Standes kamen, weil wir die Treppen nach oben mussten. Und in der Tat war es da ganz schön voll. Aber danke für die Info und auch Danke für den Hinweis mit dem Text. Ist mir nicht mehr aufgefallen. Aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Nun ergibt auch dieser Satz Sinn. :)

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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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