Hannu Rajaniemi - Fraktal (Buch)Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, was phantastische Erzählungen leisten sollen. Gene Roddenberry erklärte einst, dass Star Trek sich vorwiegend mit moralischen Fragen auseinandersetzt. Auch bei Dietmar Dath (“Pulsarnacht“) finden sich gesellschaftliche und moralische Reflexionen, verknüpft mit sprachlichen Experimenten. In einem Interview sagte Dath, dass er Texte schreibe, die »nicht davon handeln, wie es ist, sondern davon, wie es sein sollte, wie es hoffentlich nicht sein wird oder wie es ganz neutral sein könnte. Und das sind nun mal spekulative oder phantastische Texte.« (Quelle)

Hannu Rajaniemi beschreitet mit seinen Romanen der Quantum-Reihe, “Quantum – Band 1” und “Fraktal – Band 2”, einen Weg abseits moralischer Fragestellungen. Der promovierte Physiker verwendet das SciFi-Genre, um physikalische und philosophische Diskurse aufzumischen: Was ist die Wirklichkeit? Wo liegt die Grenze zwischen einer Geschichte, einem Programmcode und der Realität? Ist das Ich nur ein Programm? Wenn ja, ist der Mensch dann sterblich? Wenn ich Administrator-Rechte in der Realität habe, bin ich dann ein Gott? Diese Fragen werden nicht zum ersten Mal in der Spekulativen Literatur gestellt, aber die Art, wie Rajaniemi sie diskutiert und erzählt, ist in jedem Fall ein Novum. Und mutig.

Wie schon der erste Quantum-Band, so wird wohl auch “Fraktal” viele Leser abschrecken. Etwas Rätselknacker-Motivation und Geduld sollte man bei der Lektüre mitbringen. Nach den ersten Seiten sucht man verzweifelt nach einem Glossar, um in der Flut von Neologismen, Realitäten und Quantentheorie Halt zu finden. Ohne jede Erklärung reiht der Autor Konzepte, Ideen und Technologien aneinander. Dem Leser bleibt es überlassen, eine passende Bedeutung der Worte zu konstruieren. Rajaniemi verschachtelt Erzählebenen à la “Inception”. Aber es scheint zunächst keine Hauptebene zu geben. Die Grenzen sind fließend. Man liest und strauchelt, weil man nicht weiß, wo man gerade steckt.

Einige Seiten später blättert man wieder ungläubig ans Ende des Buchs. Nein, es gibt tatsächlich kein Glossar. Und schon gar keine Landkarte. Sowohl die Figuren als auch der Erzähler weigern sich  hartnäckig, irgendwelche Info Dumps von sich zu geben. Aufklärung gibt es erst, sporadisch, ab der Mitte der Erzählung und diese dürfte auch für die Leser von “Quantum” einige Aha-Effekte bieten. Ist man jedoch bis dahin vorgedrungen, lichtet sich das Chaos. Bei all der erdichteten Entropie ist die Handlung irgendwann genauso simpel wie es der Klappentext verspricht.

Im Wechsel werden die Geschichten des intergalaktischen Meisterdiebs Jean Le Flambeur und Tawaddud erzählt. Jean soll im Auftrag einer Göttin/Administratorin ein besonderes Artefakt stehlen. Dann, so lautet sein Knebelvertrag, gestattet die Göttin dem Dieb wieder vollen Zugriff auf seine Erinnerungen. Dieser Teil des Romans hat die Atmosphäre eines Weltraumabenteuers gemischt mit dem Charme einer klassischen Diebesgeschichte. Kontrastiert wird das durch Tawadduds Part. Sie ist die Tochter eines mächtigen Politikers in der Stadt Sirr (Erde). Im Stil von „Tausendundeine Nacht“ erzählt Rajaniemi ihre Geschichte, die sich zwischen Thriller und Drama einpendelt, serviert mit orientalischem Setting und einem Mash-Up von Technik, Dschinns, fliegenden Teppichen, Chaoscode und programmierbaren Nanopartikeln. Krass.

Zurück auf Anfang. Ist das jetzt nur ein erzählerisches Muskelspiel, das der Autor dem Leser hier vorführt? Eine intellektuelle Nabelschau mit etwas Unterhaltungswert? Nein. “Fraktal” und damit auch die Quantum-Reihe ist der Versuch, physikalische und technologische Konsequenzen zu vermitteln. Praktisch jede alltägliche Grundgewissheit unserer Wahrnehmung wird in diesem Buch verneint oder stark verkompliziert. Das Ich und der eigene Körper, die Realität, die Unterscheidung von Geist und Materie, Subjekt und Objekt, Ursache und Wirkung, die Grundpfeiler unserer (aktuellen) Wirklichkeit – all das ist hinfällig, wenn bestimmte physikalische Grenzen überschritten werden und wenn entsprechende Technologien bereitstehen. Hier geht es also nicht darum, aus der SciFi moralische Dilemmata abzuleiten oder in ihr die moralischen Verfehlungen unserer Zeit zu fokussieren. Rajaniemi will mit seiner Schreibe vielmehr die angelernten Grenzen unseres Denkens einreißen. Das gelingt ihm im physikalisch-philosophischen Diskurs vortrefflich.

 Cover © Piper Verlag

 

  • Autor: Hannu Rajaniemi
  • Titel: Fraktal
  • Teil/Band der Reihe: Quantum-Reihe, Band 2 
  • Originaltitel: The Fractal-Prince
  • Übersetzer: Irene Holicki
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 03/2013
  • Einband: Paperback mit Klappenbroschur
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-492-70194-5
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit

 

Wertung: 11/15 dpt


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