John Verdon – Gute Nacht (Buch)

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John Verdon - Gute Nacht (Buch)Ex-Ermittler Dave Gurney sitzt in der Küche seines Landhauses. Er mustert sich selbstmitleidig. Nachdem der amerikanische Autor John Verdon seinen erfolgreichen Polizisten bereits durch zwei Psychothriller geschickt hat, steht der Serienkiller-Experte des NYPD wieder mitten im unbehaglichen Ruhestand und am Ende eines langen Genesungsprozesses. Drei Schüsse aus nächster Nähe, einen davon in seinen Schädel, hatten ihn nach seinem letzten Fall ins Koma versetzt. Langsam erholt Dave sich von seinen körperlichen Gebrechen.

Eingelullt von Unzufriedenheit und Isolation bereut Gurney schnell, sich Aktivitäten aufgehalst zu haben, wo er doch am liebsten weiter in der Küche bei seiner Frau Rebecca sitzen würde, deren Handlung zu siebenundneunzig Prozent aus der Zubereitung delikater Speisen besteht. Aber wenn man schlecht gelaunt ist, lässt man sich schnell breitschlagen. Er soll Kim Corazon, der Tochter einer bekannten Journalistin, bei deren eigener Karriere als Presse-Biene behilflich sein. Die unreife und ehrgeizige College-Studentin plant eine Reality-Doku über die Hinterbliebenen der Opfer eines Serienkillers, der vor zehn Jahren eine sechsfache Mordserie hinlegte. Der Fall des sogenannten Guten Hirten wurde nie aufgeklärt.

Für einen Tag soll Gurney Kims Berater mimen. Sie spekuliert einerseits, mit Daves berühmten Erfolgen einen widerwilligen Angehörigen eines Opfers doch noch zum Interview zu bewegen. Andererseits soll der Programmchef des Fernsehsenders RAM (sic!) in Gurney die Idee einer fachlichen Absicherung erahnen. Der Schundsender, sehr erfolgreich und bekannt für Panikmache, Hetze, Hass und Patriotismus, hat bereits großes Interesse an dem Format geäußert.

Aber Kim hat auch noch eine andere Aufgabe für Dave. Seit Tagen geschehen gruselige Dinge in ihrer Wohnung. Blutstropfen führen in den Keller. Messer verschwinden. Sicherungen fliegen und Dinge werden umgestellt. Bereits am Ende dieses ersten Tags hat Detectiv a.D. Gurney wieder Blut geleckt, seine Wunden vergessen und ist nun angespitzt wie Derrick, Holmes und Agent Starling in einer Person, um den Fall des Guten Hirten neu aufzurollen und Kim gegen ihre(n) Widersacher zu helfen. Das bleibt natürlich nicht ohne Bedrohung für Leib und Leben aller Beteiligten und Gurney setzt sowohl seins als auch das Leben seiner Familie aufs Spiel, um den Jagdtrieb in ihm zu befriedigen. Man ist eben wer man ist, und angeblich kann man ja auch nicht anders.

Verdon erzählt dabei teilweise richtig gut, teilweise holprig und lieblos einen Psychothriller vom Typ Standard, dessen Thematik um den Schund-Journalismus herum den geneigten Leser aber dennoch zum Nachdenken veranlassen kann. Neben unnötigen und peinlichen Psychologisierungen banaler Alltagsdinge wird das Lesevergnügen durch zwei Elemente gestört. Erstens werden ständig die Details und Abläufe der Morde wiederholt, sodass man auf der Hälfte des Buchs die Fallakte zum Guten Hirten auswendig kann (gruselig). Zweitens besitzt Gurney einen Telefonjoker in Form eines schrägen Kollegens, der immer Zugriff auf alles hat und dem Renter-Cop die Puzzelstücke mundgerecht serviert. Pro Kapitel greift Dave gefühlte zehn Mal auf diesen Hilfemodus zurück.

Im Verlauf der Geschichte lässt Verdon die interessante Idee entwickeln, dass der Gute Hirte auch ein guter Dramaturg war, der sowohl die Mechaniken der Kriminalpsychologie als auch die Gesetze der Medieninszenierung benutze, um durch eine von ihm gesteuerte Mythenbildung allen Parteien Sand in die Augen zu streuen. Dieser Ansatz gepaart mit der stetigen Medienkritik macht den spannenden Thriller, in dem wirklich jeder das schwarze Schaf sein könnte, zu einem lesenswerten Thriller mit hinnehmbaren Schwächen.

Cover © Heyne

  • Autor: John Verdon
  • Titel: Gute Nacht
  • Originaltitel: Let the devil sleep
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 05/2013
  • Einband: Taschenbuch, Broschur
  • Seiten: 608
  • ISBN: 978-3-453-43737-1
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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John Verdon – Gute Nacht (Buch)

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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