Melanie Möller – Der* ent_mündigte Lese:r. Für die Freiheit der Literatur. Eine Streitschrift (Buch)


Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich mich zu Beginn dieser Rezension positionieren: Ich halte nichts davon, Literatur und Kunst im Allgemeinen zu zensieren oder umzuschreiben. Die Entscheidung, ob das Werk vom Kunstschaffenden zu trennen ist oder nicht, muss, meiner Meinung nach, jeder Mensch für sich selbst treffen. Ich persönlich habe mich für die Nutzung genderneutraler Sprache entschieden, erwarte das aber von niemand anderes. Ich positioniere mich klar gegen Diskriminierung jeder Form und benenne diese, halte aber nichts davon, Menschen zu “canceln” oder anderen vorzuschreiben, was sie in welcher Form konsumieren dürfen. Pauschalisierungen finde ich furchtbar und versuche, Dinge differenziert zu betrachten.

Trotzdem gelte ich in den Augen vieler als “woke”. Das ist in Ordnung für mich, steckt meine Äußerungen aber immer wieder in eine Schublade, in die sie, meiner Meinung nach, nicht gehören. 

Da ich meine eigene Meinung gerne auch mal in Frage stellen lasse und mich, bei stichhaltigen Argumenten, auch gerne vom Gegenteil überzeugen lasse, klang “Der* ent_mündigte Lese:r” von Melanie Möller für mich sehr interessant. Auf Grund des (vor dem Hintergrund aktueller Debatten) doch recht provokanten Titels, habe ich die Autorin vorher gegoogelt. 

Melanie Möller ist Professorin für Klassische Philologie und war zuletzt auch zu Gast beim “Literarischen Quartett”. Verbindungen zu konservativer oder rechtspopulistischer Meinungsmache hat Google mir nicht ausgespuckt, weswegen ich mich auf eine wissenschaftlich fundierte und klar nachvollziehbare Lektüre zum Themenschwerpunkt Zensur in der Literatur gefreut habe. 

Um mich selbst der häufig flapsigen Sprache der Autorin zu bedienen: Das war ein Griff ins Klo, bitches

Melanie Möller verfügt über umgreifendes Fachwissen philologischer Texte der Antike. Homer, Ovid, Catull, Properz, Vergil, Euripides, Aristophanes, Petron und Sappho stellt sie Autor*innen anderer Epochen wie Brodsky, Casanova, Goethe, Kleist, Ernaux, Shakespeare, Céline und Lindgren gegenüber. Blöd nur für die Lesenden, dass diese über mindestens genauso viel Fachwissen in den alten Texten verfügen müssen, da anhand der Ausführungen von Frau Möller nicht immer zu verstehen ist, worum es überhaupt geht. In elaboriertem Fachjargon werden Analysen der Texte und warum diese unverfänglich sind, geliefert, die bestimmt zutreffend sind. Leider stellt sich aber nur selten ein Bezug zum Thema des Buches her und auch der Zusammenhang mit den aktuelleren Texten ist oft nicht schlüssig und sorgt für Fragezeichen. 

Stattdessen versucht sie unter Beweis zu stellen, dass sie sich in der Populärsprache und in der Musikszene auskennt. Sie verwendet immer wieder kontextlos das Wort “bitches”, zitiert Danger Dan und K.I.Z. (beide linksorientierte Rap-Künstler, denen es vermutlich die Zehennägel aufrollen würde, wenn sie wüssten, dass sie Bestandteil dieses Buches sind), bezeichnet die Musik der Band “Die Ärzte” als “rechtsverdammend” und bedauert deren eigene Entscheidung gewisse Lieder nicht mehr zu spielen. 

Gleichzeitig scheint Möller sich nicht ausreichend mit den Konzepten, die sie kritisiert, auseinandergesetzt zu haben. Da wird dann schnell alles in einen Topf geworfen, systematische und historisch gewachsene Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen wird als “Beleidigung einzelner” bezeichnet; Menschen, die die Darstellung sexueller Gewalt in Büchern kritisieren, werden als empfindlich tituliert und von ihnen gefordert, nicht ihre eigenen Befindlichkeiten auf Bücher zu projizieren. Auch mit dem Diskurs um sogenannte “Triggerwarnungen” setzt sie sich kaum auseinander und bringt stattdessen nur plakative Negativbeispiele. Zudem scheint Frau Möller nicht verstanden zu haben (oder verstehen zu wollen), dass es sich bei der Bezeichnung schwarzer oder weißer Menschen als solche, nicht um deren tatsächliche Hautfarbe handelt (die natürlich changiert), sondern um politische Kategorien, die historische und bis heute bestehende Macht- und Ressourcenverteilung darstellen. Um das zu wissen muss man noch nichtmal “woke” sein, dafür genügt es, ein Geschichtsbuch aufzuschlagen. Genauso der reinen “Hallo, worum gehts, ich bin dagegen”-Haltung dient es wohl auch, wenn sie Beleidigungen wie “Schwuchtel” in antiken Texten als ” denkbar politisch inkorrektes stark sexualisiert-homoerotisches Geschehen” bezeichnet. Diese Weigerung, Wörter wie “Homophobie” zu nutzen, wirkte auf mich nahezu infantil. 

Unter anderem erläutert Möller das Konzept der “Pick me Girls” (Mädchen und junge Frauen, die versuchen, sich von anderen Mädchen abzugrenzen, um bei Männern besser anzukommen), merkt dabei aber nicht, dass sie selbst sich wie das größte “Pick me Girl” verhält. Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten, dass Melanie Möller das Pseudonym ist für den Prototyp des alten weißen Mannes. Was die von ihr hofierte Alice Schwarzer wohl dazu sagen würde, dass man nach Frau Möllers Ansicht, auch über Vergewaltigungsdarstellungen lachen dürfe? Aber selbst wenn dem so ist, sollte es ja wohl auch legitim sein, wenn anderen beim Lesen solcher Texte eher zum Weinen zumute ist.

Dazu ist der Titel des Buches irreführend. Auf die Nutzung genderneutraler Sprache geht Möller nämlich in lediglich einem Satz ein, erklärt ihre Meinung dazu aber nicht weiter. Stattdessen projiziert sie sich auf genau drei Werke, in denen Germanistik-Kolleg*innen sich befürwortend zur Umschreibung von Literatur geäußert haben. Alle anderen Belege im Buch entnimmt sie ihrer eigenen Erfahrung, da sie ja niemanden kenne, der sich von xy angegriffen fühle oder bezeichnet die Aussage als allgemeines Meinungsbild. Fundierte Auseinandersetzung mit Gegenargumenten geht anders. 

Dieser erste Teil der Rezension liest sich jetzt so, als würde ich Frau Möller in jeder Hinsicht widersprechen. Das ist so aber nicht richtig. Im Gegenteil stimme ich ihr, wie oben bereits erwähnt, darin zu, dass man Leser*innen durchaus etwas zutrauen darf, dass die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen zur Bildung beiträgt und dass man Texte nicht verfälschen oder umschreiben, sondern sie in den entsprechenden zeitlichen Kontext einordnen sollte. Die Art und Weise, wie Frau Möller das hier jedoch versucht zu argumentieren, lässt aber leider zu wünschen übrig. Gegenargumente aus dem Kontext zu reißen, zu pauschalisieren und provokant zu formulieren, nur um des Provozierens willens, ist meiner Meinung nach, kein Beitrag, der diese Debatte in irgendeiner Form voranbringt und zu mehr Freiheit in Kunst und Literatur führt. Im Gegenteil führt es dazu, dass sich die Fronten verhärten und gar kein Diskurs mehr stattfinden kann, da sich mit unermesslicher Arroganz (von beiden Seiten) über den jeweils anderen erhoben wird. 

Deutlich macht das auch, als sich Frau Möller über Texte in “leichter Sprache” auf Websites lustig macht. Ganz unabhängig vom Inhalt der von ihr angeführten Website, die diskriminierungsfreie Sprache erklärt, zeugt das davon, dass Frau Möller offensichtlich nicht in der Lage ist, über ihren akademischen Tellerrand hinauszuschauen um zu verstehen, dass es durchaus Menschen gibt, die auf eben diese leichte Sprache angewiesen sind, um am sozialen Leben teilzuhaben. Nicht jede Person hat einen Doktortitel oder, um ein weiteres Hasswort von Frau Möller zu verwenden, das Privileg erworben, juristisches Behördendeutsch zu verstehen. 

Unglaubwürdig wird die Ausführung im Buch für mich auch dadurch, dass Frau Möller immer wieder darstellt, dass die von ihr studierten Dichter*innen auch zu ihrer Zeit immer wieder in der Kritik standen, ihre Werke nicht veröffentlich wurden, heftige Diskussionen auslösten oder die Schreibenden gar ins Exil geschickt wurden. Das scheint also kein allzu neues Phänomen zu sein, weswegen sich mir persönlich die Aufregung darum auch nicht erschließt. 

Ähnlich verhält es sich damit, dass sie darauf besteht, dass man auf gar keinen Fall von einem Werk auf die Gesinnung der Autor*innen schließen dürfe. Gleichzeitig führt sie aber an, dass Kleist vom napoleonische Frankreich bekanntlich nicht viel gehalten habe und dementsprechend die Franzosen in seinen Werken nicht besonders gut wegkommen. Na sowas, ein weiterer Widerspruch in Möllers Argumentation. 

Möller wirft den von ihr kritisierten Autor*innen und der “woken Szene” Polemik vor, ihr eigenes Buch besteht aber fast ausschließlich aus Polemik, Zynismus, Stammtischparolen und in rechtspopulistischen Kontexten genutzten Aussagen. Für jemand, der sich beruflich und offensichtlich hocherfolgreich mit Sprache auseinandersetzt und selbst betont, dass diese Macht habe, empfinde ich das als ein aussagekräftiges Zeugnis der eigenen Gesinnung. Frau Möller selbst würde sich nun vermutlich darüber echauffieren, dass ich doch nicht von ihrem Werk auf ihre tatsächliche Person schließen könne. Doch, kann ich. Bei diesem Werk hier handelt es sich nämlich nicht um Fiktion, ein lyrisches Ich gibt es nicht. Dementsprechend hat Frau Möller hier keine Kunst geschaffen, sondern eine Rede geschwungen, die tief blicken lässt. 

  • Autor: Melanie Möller
  • Titel: Der* ent_mündigte Lese:r. Für die Freiheit der Literatur. Eine Streitschrift
  • Verlag: Galiani Berlin
  • Erschienen: 2024
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 237
  • ISBN: 978-3-86971-302-1
  • Sonstige Informationen:
  • Erwerbsmöglichkeiten

 


Wertung: 1/15 dpt


2 Kommentare
  1. Großartige Rezension. Danke dafür! Hätte sich die Autorin nur halb so differenziert mit dem Thema auseinandergesetzt, wie du mit ihrem Buch, wäre dieses sicher viel lesenswerter ausgefallen.

    1. Vielen, vielen Dank liebe Britta!
      Das ehrt mich sehr. 🙂
      Mir war es wichtig, meine Meinung besonders differenziert darzustellen, einfach weil ich der Autorin in manchen Punkten ja sogar zustimme.

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