Oliver Uschmann & Sylvia Witt – Erdenrund – Hartmut und ich auf Weltreise (Buch)

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Oliver Uschmann & Sylvia Witt - ErdenrundWas man schon lange zwischen den Zeilen lesen konnte – oder falls nicht, immerhin vermutet hat -, ist nun endlich auch offiziell auf den Buchcovern verzeichnet: Ehefrau Sylvia Witt als Mitautorin der Uschmann-Bücher dies- und jenseits der Hartmut-und-ich-Welt. Die werte Frau hat bereits sehr früh, wenn nicht gar von Anfang an an Oliver Uschmanns Werken mitgewirkt, und so ist es mehr als gerecht, dass die jüngsten Veröffentlichungen nun auch unter gemeinsamem Banner die Regale der Buchhandlungen und der Leser erobern.

Selbst angesichts der Tatsache, dass die beiden gemeinsam arbeiten, ist es fast beängstigend, in welch hoher Frequenz die beiden ihre Bücher in den literarischen Kosmos schießen. 2012 erschienen zwei Kinderbücher aus der Finn-Reihe, der Jugendroman „Log Out!“ sowie das von Ironie durchtränkte „Überleben auf Festivals“-Sachbuch, und nun gegen Ende des Jahres noch dieser quietschgrüne Klotz. Dass im Januar 2013 noch der dritte Finn-Teil ansteht und weitere zwei Monate danach „Überleben auf Partys“, lässt so langsam den Vorwurf aufkeimen, „Olivia Wittmann“ produzierten Massen- oder Fließbandware. Obendrein veröffentlicht man, wenn man sich bei Amazon durch die Kundenrezensionen liest und bei Uschmanns Stellungnahme/Richtigstellung hängen bleibt, auch noch Bücher unter Pseudonym, bei welchen man nie darauf käme, dass die beiden dahinter stecken. Mehr wird leider nicht verraten. Doch von qualitativen Einbußen fand man in den vergangenen Büchern keine Spur, und in „Erdenrund“ verhält es sich ebenso. Hierbei handelt es sich mittlerweile um den sechsten „Hartmut und ich“-Teil seit 2004, und aus dem anfänglichen Männer-WG-Korsett hat man sich schon frühzeitig gelöst – spätestens ab „Murp“ lag es abgestreift auf dem Boden.

Neben dem in Berlin spielenden politischen und wirtschaftlichen Desaster, das die beiden Paare Hartmut und Susanne, sowie Caterina und „ich“ im fünften Teil „Feindesland“ erlebt hatten – ein „Moralministerium“ sollte die Zustände verbessern -, widerfuhr Hartmut und Susanne Schreckliches, denn Hartmuts Liebste verlor bei einem Autounfall ihr ungeborenes Kind. Einem Unfall, der von einer fehlgeleiteten Verkehrskontrolle herrührte. Seelenschwer voller Schuld zogen im Innern des Gespanns dunkle Wolken auf. Die Stimmung zwischen den unzertrennlichen vier Individuen kippte immer mehr, die Vorwürfe häuften sich zu einem riesigen Turm, der einzustürzen drohte, und man sah keinen anderen Ausweg als den, erst mal eine Pause voneinander zu nehmen und auch paarbezogen erst einmal Funkstille walten zu lassen. Raus aus Berlin, jeder macht vorerst sein eigenes Ding.

Während es Caterina, die von ihrer Schickimicki-Kunstexpertenmama genervt ist, gen Tunesien zieht, schlägt sich die niedergeschlagene Susanne in Köln mit ihrer ebenfalls nervtötenden Mutter, einer engagierten Kneipenbesitzerin, dem geplanten Abriss der sich dort befindlichen Straße sowie deren deshalb empörten Gästen, herum und ergreift bald die Flucht nach Neuseeland. Hartmut wählt als künftiges Domizil die sibirische Insel Einsamkeit, die er zu Fuß erreichen will. Wenn schon leiden und sich selbst bestrafen, dann richtig. Und „ich“? Der verkrümelt sich vorerst in einem Studentenwohnheim im Pott und droht von der Isolation zerfressen zu werden und spielt mit dem Gedanken, gen Los Angeles auszuwandern.

Jeder der vier erlebt auf dem Weg von sich weg und zu sich selbst so einige erwartungsgemäß unerwartete Dinge, wodurch die „Hartmut und ich“ Reihe erneut um mehrere Facetten bereichert wird. Neu ist, dass jeder der Protagonisten in der ersten Person erzählt, jeder in exklusiven Kapiteln. Noch nie wurde dem Leser ein solch tiefer Einblick in die Gedankenwelt der einzelnen Charaktere gewährt, und gerade die emotionale Komponente nimmt einen sehr großen Teil des Ganzen ein. Jeder kommt an den Punkt, an dem es heißt: „Wer bin ich eigentlich? Und was bin ich? Vor allem aber: Was mach‘ ich hier überhaupt?“, und die Art und Weise, wie die Figuren mit ihrer Situation umgehen, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Das Buch ist so arrangiert, dass man die einzelnen Kapitel von vorn nach hinten weg lesen kann, sodass man jeweils zur betreffenden Person switcht, oder aber die Möglichkeit hat, direkt den kleingedruckten Verweisen zu folgen, um direkt bei dieser Person anzuknüpfen und sozusagen vier Tagebücher hintereinander zu lesen. Wie man es auch handhabt, so bleibt auch der sechste „Hui“-Roman ein Resultat unerschöpflicher Kreativität. Bei aller Emotionalität hat das Autorenpaar den Humor nicht begraben – leidet man im einen Moment noch mit den Figuren, so ereignen sich immer wieder Situationen, die den Lachreflex spontan stimulieren. Auch mit der einen oder anderen reihentypischen Abgedrehtheit bekommt es der Leser in diesem pfundigen Hartmut-Roman zu tun – es bleibt also alles beim Alten, ohne dass die Weiterentwicklung auf der Strecke bleibt. Selbsttreue und das Sich-selbst-Ausprobieren im Kombipack, garniert mit einer Eigendynamik, die dafür sorgt, dass sich auch die jeweiligen Bücher und Bücherreihen des Duos gegenseitig befeuern. Es bleibt also spannend im Hause Witt/Uschmann.

Was sich in den letzten Jahren deutlich bemerkbar gemacht hat, ist, wie man kontinuierlich an sich selbst wächst – nicht nur die plastisch schriftgegezeichneten Figuren in den ganzen Romanen, sondern auch die Erschaffer dieses Kosmos‘ persönlich, denn die Bildhaftigkeit, mit der die Worte zu Papier gebracht werden, wird von Buch zu Buch beeindruckender, und speziell bei „Erdenrund“ schwingt ein unglaublich hohes Maß an Philosophie mit, das den Leser zum Denken seinerseits animiert: Nach der Lektüre ist in den Gehirnwindungen ein Trubel wie in der Innenstadt beim Weihnachtsgeschäft, und während bei Letzterem die Bescherung eher materieller Natur ist, so ist das Geschenk, das uns Witt und Uschmann machen, ein liebevoll und durchdacht verpacktes solches, dessen Inhalt durch Weisheiten und Lebenserfahrung das eigene Leben ein Stück weit bereichert.

Cover © Scherz Verlag

 

  • Autor: Oliver Uschmann & Sylvia Witt
  • Titel: Erdenrund – Hartmut und ich auf Weltreise
  • Verlag: Scherz/Fischer
  • Erschienen: 11/2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 558
  • ISBN: 978-3-502-11073-6
  • Sonstige Informationen: Sechster Teil der „Hartmut und ich“-Reihe
  • Hartmut und ich im Web

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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