Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Buch)

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Robin Sloan - Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Buch) Cover © Blessing VerlagSan Francisco. Der junge Webdesigner Clay Jannon verliert seinen Job und schlägt sich mehr schlecht als recht durch sein nun gepflegt dahinbröckelndes Leben. Die Arbeitslosigkeit tut ihm nicht sonderlich gut, und so droht er bald gänzlich abzustürzen – doch dazu wird es nicht kommen, denn irgendwann, als er mit knurrendem Magen durch San Francisco schlendert, hält er Ausschau nach an Türen ausgehängten Stellenanzeigen. Wenngleich ihm solcherlei Arbeitgeber schon immer eher suspekt waren, betritt er die Buchhandlung Penumbra – eine Buchhandlung, die schon aus architektonischer Sicht sonderbar ist, denn sie ist schmal, tief und drei Stockwerke hoch.

Der alte Ladeninhaber, der ihm entgegentritt, übt auf Clay gleich zu Beginn eine Faszination aus. Penumbra gibt ihm den Job, und so findet sich der Computer- und Büchernarr bald zwischen den zum Teil staubigen Regalen wieder. Vorne im Laden liegt einigermaßen gängige Literatur aus, selbst die üblichen Bestseller, doch weiter hinten und insbesondere weiter oben finden sich die sogenannten Ladenhüter. Clay bekommt ausschließlich die Nachtschicht zugeteilt, und es ist erwartungsgemäß nicht allzu viel in der Buchhandlung los. Lediglich ein paar schrullige Leute finden sich ein, und diese verlangen stets nach eigenartigen Büchern, nach ebendiesen Ladenhütern, für die Clay oftmals hoch hinaus klettern muss. Noch seltsamer: Diese Bücher werden nicht gekauft, sondern ausgeliehen. Clays Neugier wächst langsam aber stetig – und schließlich ins Unermessliche.

Entgegen Penumbras Anraten schaut er irgendwann doch in diese Bücher hinein und darf feststellen, dass diese riesigen, wuchtigen Folianten dem Leser keinerlei Geschichte bieten, sondern gefüllt sind mit kryptisch wirkenden, unzähligen und endlosen Buchstabenreihen. Clay kommt ins Grübeln, werkelt am Computer nebenbei im Sinne des Ladens herum, und sehr bald kommt er endgültig ins Stutzen und wird sich immer mehr gewahr dessen, dass Mr. Penumbra und seine Kunden diese Bücher dafür benutzen, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Etwas Licht ins Dunkel des Mysteriums um die Bücher und diese Menschen zu bringen wird zur selbstauferlegten Aufgabe Clays.

Zu der Zeit taucht auch nicht ganz zufällig die aufgeweckte Kat im Laden auf und wird neugierig, als sie sieht, was Clay da am Computer treibt. Es stellt sich heraus, dass sie ein ziemlicher Geek ist, der bei Google arbeitet. Bald spannt er sie sowie seinen ältesten Kumpel Neel, später auch Penumbra ein, um die geheimen Codes, die sie hinter den Inhalten dieser eigenwilligen, gigantischen Bände voller undefinierbarer Buchstabenkombinationen vermuten, endlich zu entschlüsseln. Und das führt sie auf eine aufregende Odyssee durch die Welt der Literatur und der hochentwickelten Computertechnologie – und die Recherchen, die das ungleiche Gespann anstellt, reichen bis zurück ins 15. Jahrhundert, zum venezianischen Buchdrucker und Verleger Aldus Manutius

Die Eindrücke und die Atmosphäre, die bei der Lektüre dieses ausgesprochen schicken Buches auf den Leser einwirken, in Worte zu fassen, erweist sich als schwierig, denn so umweglos sich die geschriebenen Worte ihren Weg in die Gehirnwindungen und in Richtung der Rezeptoren bahnen, so widerborstig krallen sie sich fest, winden sich, wehren sich dagegen, all das adäquat wiederzugeben, was in „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ geschieht.

Wir begleiten Clay, dessen Geschichte in der ersten Person im Präsens erzählt wird, wie er orientierungslos und frustriert bei diesem eigenwilligen Buchhändler zu arbeiten beginnt, gänzlich im Unklaren, was auf ihn zukommt, doch sehr bald ist man mit ihm fasziniert von diesem seltsamen Lädchen und möchte hinter das Geheimnis dieser wundersamen Bücher kommen, und während der Protagonist selbst beinahe anonym und gesichtslos bleibt (was überhaupt nicht stört), werden die Personen um ihn herum in einer solchen Plastizität und Echtheit beschrieben, dass man sich innerhalb weniger Seiten in Clays Person hineinversetzt hat und mit ihm mitfiebert, mitgrübelt und immer mehr diese innere Unrast verspürt, Antworten auf die aufkommenden Fragen zu erhalten.

Gerade die Figuren um ihn herum – die lebenslustige, von ihren Visionen beinahe besessene Kat, der vom Klassentrottel zum smarten Kerl mutierte Neel, Clays Mitbewohner Mat (der die gemeinsame Bleibe für seine eigene schrullige Idee ein wenig zweckentfremdet) und selbstverständlich Penumbra, die Kundschaft und all die, die später ins Geschehen treten – leuchten vor Persönlichkeit, man giert danach, sie näher kennen zu lernen, und sie alle sind auf ihre ganz eigene Weise liebenswerte Nerds, mit ihren eigenen Ecken und Kanten, mit ihren eigenen Visionen und Zielen.

Faszinierend ist bei alledem, mit welcher Wucht der US-amerikanische Autor die Antike und die Möglichkeiten der heutigen Computertechnik miteinander kollidieren lässt und einerseits das bibliophile Herz des Lesers höher schlagen lässt, andererseits durch die verreinnahmende Macht der Nullen und Einsen dasselbe mit der technophilen Ader des Lesers anstellt. Epochen reiben sich aneinander und saugen einen auf wie ein literarischer Tornado, der den vor Spannung starren Leib in die Lüfte wirbelt, um ihn zum Ende der Lektüre auf den Boden der Realität klatschen zu lassen.

Wenngleich solcherlei Unterfangen meist in die Hose gehen oder mit einschneidenden Änderungen, Auslassungen und sonstigen No-gos einher gehen, so ist der Wunsch nach einer Verfilmung gar nicht mal so klein, denn man kann sich die Charaktere und das Setting, in welchem sie sich finden, lebhaft vorstellen, weit übers Kopfkino hinaus – mit ein paar unverbrauchten Gesichtern und dem Verzicht auf Hollywood-Stereotypen, mit der Macht der Bilder und dem Spiel mit dem Licht, mit audiovisualisierten Trips in die Gedankenwelt des Clay Jannon. Spartenkino für den Gourmet-Cineasten.

Das nur nebenbei – doch diese Abschweifung kommt nicht von ungefähr, denn die Bildwerdung der Gedanken vor dem inneren Auge des Lesers entwickelt sich in „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ derart selbstverständlich, wie es nur wenige Bücher zu evozieren vermögen, und das ist nicht nur ein schillerndes Qualitätsmerkmal dieses Buches, sondern kann beinahe als eine Auszeichnung, als ein Orden oder Siegel, verstanden werden. Diese Veröffentlichung ist das, was der Literatur gemeinhin nachgesagt wird und nur selten wirklich erfüllt wird: Sie ist das Tor zu einer anderen Welt. Ganz ohne stilistische Eskapaden oder Experimente, sondern einfach durch eine spannende, angenehm unübertriebene Story.

Übrigens hat der Autor – leider derzeit nur in E-Book-Form, die Prequel „Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra“, eine paarundsechzigseitige, im Original mit „Ajax Penumbra 1969“ betitelte Prequel veröffentlicht, die Penumbras Ankunft in San Francisco vor über vierzig Jahren näher beleuchtet – und eine atemberaubende Entdeckung, die er zu jener Zeit macht…

Cover © Blessing Verlag

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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