Dennis Lehane – Ein letzter Drink (Buch)

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dennis-lehane-ein-letzter-drinkBis Ende der Achtziger florierten Privatdetektiv-Romane in Deutschland. Doch dann ließ das Interesse am Hardboiled-Kriminalroman nach, mit dem Ende etlicher mit Sachverstand und Empathie gepflegten Reihen verschwanden viele hervorragende Autoren aus den Bestandslisten und wanderten mit ihren bereits existierenden Veröffentlichungen in die Antiquariate (um nur ein paar zu nennen: Loren D. Estleman, Stephen Greenleaf, Arthur Lyons, Robert W. Campbell, Benjamin Schutz, Jonathan Valin). Zum Niedergang  trug ebenfalls bei, dass der „Ritter in rostiger Rüstung“ nach Raymond Chandlers und Ross Mcdonalds Prägung ein Auslaufmodell war und allzu beliebte Erzählmuster (schäbiges Büro, verführerische Blondine, Bourbon in der Schreibtischlade und was sonst zum Kanon gehört) zudem durch die zahlreichen Kopien unbegabterer Epigonen auf Sparflamme zerkocht wurden.  

Dass bei Scheidungen die Schuldfrage kaum mehr eine Rolle spielte, machte nicht nur in der Realität dem Schmalspurschnüffler arg zu schaffen. Und gegen das hundsgemeine Erfolgsmodell Serienkiller hatte der harte Kerl mit der Privatlizenz zu ermitteln keine Chance mehr. Mag sein, dass Dashiell Hammett und Raymond Chandler das Verbrechen wieder dorthin brachten, wo es hingehört, nämlich auf die Straße, doch mit dem Erfolg von „Das Schweigen der Lämmer“  als Buch und Film begann die Blutsuppe sintflutartig ins Wohnzimmer zu schwappen. Zum gefühlsduseligen Ausgleich traten die so beliebten wie gefürchteten „Regio-Krimis“ (gerne mit komödiantischem Einschlag) ihren Siegeszug an. Ganz Deutschland ist ein Tatort, doch der Privatdetektiv steht meist  hinterm Absperrband und schaut zu.

Als „Ein letzter Drink“ 1999 unter dem Titel „Streng Vertraulich“ hierzulande zuerst erschien, fünf Jahre nach der Originalausgabe, war eine Renaissance des Privatermittlers nicht in Sicht.  Auch Dennis Lehanes Romane um das Ermittler-Duo Patrick Kenzie (der Ich-Erzähler) und Angela Gennaro sorgten nicht dafür, machten auf den Autoren aber aufmerksam. Seine größten Erfolge zeitigte er allerdings mit seinen hochkarätig verfilmten Stand-Alones „Mystic River“ und dem Mystery-Thriller „Shutter Island“. Wobei Ben Affleck mit dem Kenzie/Gennaro-Werk „Gone Baby Gone“  einen beachtlichen Publikums- und Kritikerhit schuf. Casey Affleck als Darsteller Patrick Kenzies wirkte auf den ersten Blick ziemlich jungenhaft, dürfte dem literarischen Vorbild aber recht nahe kommen. Denn Kenzie ist – zumindest zu Beginn der Reihe –   kein vom Leben gezeichneter harter Hund jenseits der Vierzig, sondern ein smarter Mittdreißiger.

Was auch für seine Partnerin Angie Gennaro gilt, die während des Debüts noch in einer desolaten Beziehung mit dem prügelnden Ehemann Phil steckt. Ein Verhältnis, das der Roman nur unbefriedigend umreißt und am Ende plakativ auflöst. Einleuchtend ist es kaum, dass die ansonsten so toughe Angie Gennaro zwölf Jahre mit einem offensichtlichen Ekelpaket verheiratet bleibt. Der leidend verliebte Patrick sucht zwar nach Argumenten für die innige Beziehung zum ehemaligen Jugendfreund, doch mehr als dramaturgische Beweggründe finden sich kaum.    

Mit Liebe verwechselte Hörigkeit mag sich zwar irrational ihren verzweifelten Weg bahnen, und auch wenn Patricks handgreiflicher Einschüchterungsversuch gegenüber Phil nur zu mehr Gewalt gegen Angie Gennaro führte, existiert ein gewichtiger und vor allem zu fürchtender Grund, der Gennaros Ehemann vom Prügeln abhalten müsste. Der große, bärenstarke Mann im Spiel: Bubba Rogowski.

Spenser hat seinen Hawk, Burke den stummen Max, Elvis Cole seinen Kumpel Joe Pike, Jack Reacher hat sich selbst und Gennaro/Kenzie haben Bubba. Jene hünenhafte Kampfmaschine, der man nicht einmal im Hellen an einem vielbevölkerten Platz begegnen möchte, wenn er grollt. Was er viel und gern tut. Bloß mit Angie Gennaro und Patrick Kenzie verbindet er so etwas Ähnliches wie Emotionen und steht sofort parat, sobald die beiden Detektive Hilfe benötigen.  

Das ist in „Ein letzter Drink“ auch bitter nötig, denn Kenzie und Gennaro legen sich nicht nur mit zwei Senatoren an, sondern auch mit zwei verfeindeten Gangs am Vorabend eines Bandenkrieges. Kollateralschäden sind allen Parteien egal. So kommt Rogowski kurzzeitig zum Einsatz, muss am Ende aber den beiden Detektiven das Schlachtfeld allein überlassen.

Dabei beginnt alles – wie üblich – recht harmlos. Zwei Senatoren beauftragen Patrick Kenzie und seine Partnerin die verschwundene Putzfrau Jenna Angeline zu suchen, die bei ihrem Verschwinden  diverse Unterlagen gestohlen hat. Allzu lange brauchen die beiden Detektive nicht für ihre Suche nach der Frau. Doch mit ihrem Auffinden läuft alles aus dem Ruder. Die entwendeten Dokumente enthalten nämlich keine politischen, sondern äußerst schmutzige persönliche Geheimnisse. Zudem ist Jenna Angeline mit dem Gang-Boss Socia verheiratet, dessen Führungsposition gefährdet ist.  Es rumort in den eigenen Reihen und ein Senator, der eigentlich verstärkt gegen das Bandenkriminalität vorgehen will (dann doch aus gutem Grund ein zahnloser Tiger bleibt), passt nicht ins Tagesgeschäft. Tote sind unvermeidlich.

Dennis Lehane nutzt gängige Handlungsmuster und bekannte Konstellationen, um eine Geschichte zu erzählen, in der es um die Käuflichkeit von Menschen geht (klares Ding, wenn Politiker involviert sind), um allgegenwärtigen Rassismus und eine Gesellschaft, in der Geschäftserfolge der Maßstab alles Seins sind. Legal, Illegal? Scheißegal. Nicht nur in diesem Punkt ist „Ein letzter Drink“ immer noch tagesaktuell.   Selbst Kindesmissbrauch wird zum Geschäftsakt. Der Vermisstenfall dient als Aufhänger zu einer Reise in eine Gegenwart, in der Schwarz und Weiß klar getrennt sind. Was schon in Kenzies Wohn- und Geschäftsviertel beginnt und ausführlich erläutert wird.

Während der Fall sich auswächst geraten Gennaro und Kenzie mehrfach in Lebensgefahr, müssen einstecken und teilen ebenso ordentlich aus. Neben allen gesellschaftlichen Implikationen bleibt die Spannung nicht auf der Strecke, „Ein letzter Drink“ funktioniert auch an der Oberfläche mit sarkastischen, gut getimten Dialogen, einem hohen Bodycount und einem gerüttelt Maß an Action. Doch haften bleiben die hintergründigen, räsonierenden Momente wie folgender, ganz zentraler, der weit ins kommende Millennium hineinweist. Nicht, weil er so unglaublich tiefsinnig, sondern treffend ist:

„Weißt du, worin die amerikanische Lebensart besteht?“, fragte Richie.
[…]
„Nein Richie, worin?“
Einen Schuldigen zu finden“, sagte er und nahm einen kräftigen Schluck. „Ist doch so. Du arbeitest auf einer Baustelle und lässt einen Hammer auf deinen Fuß fallen? Verklage die Baugesellschaft. Das ist ein Zehntausend-Dollar-Fuß. Du bist weiß und findest keine Arbeit? Gib den Minderheitenprogrammen die Schuld. Du findest keine und bist schwarz? Gib den Weißen die Schuld. Oder den Koreanern. Oder warum nicht gleich den Japanern? Denen gibt sowieso jeder die Schuld. Das ganze Land ist voll von bösen, unglücklichen, verwirrten, beleidigten Menschen, und keiner von denen hat genug Grips produktiv mit der Situation umzugehen. Sie reden von der guten, alten Zeit, als alles noch einfacher war – ehe es AIDS und Crack und Banden und Satelliten und Flugzeuge und Klimawandel gab -, als ob man in diese Zeit zurückkehren könnte. Und weil sie es nicht schnallen, suchen sie sich jemanden, dem sie die Schuld geben können. Nigger, Juden, Weiße, Schlitzaugen, Araber, Russen, Abtreibungsbefürworter, Abtreibungsgegner – sonst noch jemand?“
Ich schwieg. Gegen die Wahrheit lässt sich nicht viel einwenden.
[…]
„Jeder braucht jemanden den er hassen kann.“
„Es ist einfach zu viel Dummheit auf der Welt“, sagte er.
Ich nickte. „Und zu viel Wut.“  [Diese Diskussion kommt einem leider seltsam vertraut vor.]

„A Drink Before The War“ erschien zuerst im Ullstein-Verlag auf Deutsch, übersetzt von Andrea Fischer.  Die Wiederveröffentlichung bei Diogenes 2016 bekam einen passenderen Titel und eine expressivere Neuübersetzung von Steffen Jacobs spendiert (dichter am Original scheint nach einem Kurzcheck aber Fischers Übersetzung von 1999 zu liegen).
Was die atmosphärische, aber völlig unpassende Titel-Grafik zu bedeuten hat, müsste mal aufgeklärt werden. „Ein letzter Drink“ ist alles andere als ein an die Vierziger angelehnter Noir. Bis zu Lehanes großformatigen historischen Romanen sollte es nach dem Debüt noch einige Zeit dauern.

Cover © Diogenes Verlag

Wertung: 10/15 hardboiled eggs


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Dennis Lehane – Ein letzter Drink (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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