Carl Cederström & André Spicer – Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch. (Buch)

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Carl Cederström & André Spicer - Das Wellness-Syndrom (Cover ©  Edition TIAMAT)Nicht wer du bist, sondern wer du sein kannst, nämlich ein schlankes, sportlich aktives, ernährungsbewusstes und diszipliniertes, alles kontrollierendes und regulierendes Individuum, das ist es, worauf in unserer Gesellschaft immer häufiger Wert gelegt wird. Das ist es, was Carl Cederström, Organisationstheoretiker der Stockholm Business School und André Spicer, Professor für Organisationsverhalten an der City University London, konstatieren und sie zur Skepsis veranlasst. Zur Skepsis darüber, wie positiv diese Transformation der gegenwärtigen Kultur, welche das eigene Wohlbefinden angeblich steigern soll, tatsächlich ist. Das Resultat der darauffolgenden Untersuchungen spiegelt sich bereits im Titel ihrer Arbeit wider: „Das Wellness-Syndrom“, ein Neologismus, der den paradoxen Status von krankhaftem Gesundheitswahn, in welchem Cederström und Spicer unsere Gesellschaft sehen, treffend erfasst. Ein Krankheitsbild getarnt als Wohlbefinden – das klingt nach einem ernstzunehmenden Problem. Wie ernst zeigen die beiden Forscher an zahlreichen Realbeispielen.

Ihr Blick richtet sich dabei nicht alleine auf gewöhnliche Diäten und Fitnessprogramme des Einzelnen, die allerdings längst gar nicht mehr so gewöhnlich sind, sondern zum Teil extreme Züge angenommen haben. Es wird so etwa das Konzept der Selbstquantifizierung, bei der sämtliche Körperaktivitäten und –daten gemessen und gegebenenfalls, zur Verbesserung des Selbst, reguliert werden, vorgestellt.

Auch Unternehmensstrukturen werden im Hinblick auf ihre Wellness-Maßnahmen analysiert. So erfährt der Leser etwa von Unternehmen, welche die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit herunterreißen, indem sie ihre Angestellten rund um die Uhr bei der Arbeit halten. Das Unternehmen kreiert dazu eine quasi künstliche Welt, in der es sich den Bedürfnissen des Angestellten annimmt. Angestellte können dort „nach Feierabend“ in ihre Freizeitkleidung schlüpfen und ihren üblichen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Für alles ist gesorgt: Musik, sportliche Aktivität, ein gemütliches Abendessen. Welche Konsequenzen dieses scheinbar so angenehme Arbeitsumfeld jedoch haben kann ist absehbar: während die Arbeit stets im Blickfeld der Angestellten bleibt, bleibt sie auch mental omnipräsent und verleitet unweigerlich dazu auch in der „Freizeit“ an den Schreibtisch zurückzukehren. Eventuell sogar an einen Schreibtisch, der mit einem Laufband ausgestattet ist. Es sind vor allem derartige Unternehmenskonzepte, die von Cederström und Spicer kritisch begutachtet werden.

Doch auch in Bildungsstätten dominiert der Drang nach Wellness. In nordamerikanischen Universitäten entwickelt sich so etwa der Trend Studierende einen „Wellness-Vertrag“ unterzeichnen zu lassen, der diese unter anderem dazu verpflichtet im Sinne der Entwicklung von Körper, Geist und Seele keinerlei Rauschmittel zu konsumieren. Auch hier erscheint der Ansatz zunächst absolut positiv. Dass jedoch auch dieses Konzept eines strikt strukturierten, kontrollierten und braven Daseins seine Kehrseite hat, entgeht den beiden Autoren nicht.

Ob nun die Reformation von Schulkantinenessen, Laufband am Schreibtisch oder gar Gesundheitsschulen für „gefährdete“ Mitarbeiter – so harmlos und unter Umständen vernünftig derartige Wellness-Maßnahmen auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, Cederström und Spicer weisen vor, dass ihre Vorteile nicht selten weit überschätzt, während negative Auswirkungen gänzlich ausgeblendet werden. Dass Ausbeutung manchmal als Uneigennützigkeit getarnt daherkommt, so wie Krankheitssymptome als Wellness, wird selten, oft zu spät oder gar nicht, wahrgenommen. Es ist daher eben diese Ambiguität von Wellness, die Cederström und Spicer in den Fokus ihrer Betrachtung stellen.

Das Konzept der oben erwähnten Gesundheitsschulen bedarf sicherlich einer kurzen Erklärung, um die Tragweite der darin inbegriffenen Beleidigung und größten Kritik Cederströms und Spicers zu erkennen. „Gefährdete Mitarbeiter“, so erklären die Autoren, meint Mitarbeiter, die zur Fettleibigkeit und damit verbunden – so das Wellness-Prinzip – zur Ineffizienz und Unmoral tendieren. Denn wer körperlich nicht im definierten Sinne fit ist, ist arbeitstechnisch ineffizient. Wer arbeitstechnisch ineffizient ist, ist für die Gesellschaft nicht mehr als Ballast und handelt folglich unmoralisch, wenn er diese seine Ineffizienz, sprich sein Wellness-Defizit, nicht korrigiert.

Cederström und Spicer setzen sich in ihrer Studie mit diversen Untersuchungen, etwa aus den Bereichen der Gesundheits- und Sozialforschung, auseinander und präsentieren dem Leser zahlreiche aufschlussreiche Ergebnisse. Anschaulich stellen sie dar, wie Rauchen, Sitzen und das Verspeisen von Burgern zu Lastern und auf ein Minimum verkürzte Schlafzeiten und absolute Selbstkontrolle zu Tugenden erhoben werden.

Dass ihre Arbeit trotz der Abwesenheit von Abbildungen, etwa von Statistiken oder Bildern aus der Werbung, auf die sich die Autoren konkret beziehen, weder langweilig noch unkonkret wird, sondern faktisch und greifbar bleibt, ist sicherlich der einfach gehaltenen Schreibweise sowie den zahlreichen Beispielen aus unserer unmittelbaren Lebensrealität zu verdanken, welche die geschilderten Phänomene nah an den Leser herantragen und ihm den Realitätsgehalt bewusst machen.

Fazit: in „Das Wellness-Syndrom“ geht es letztlich nicht um Wellness per se. Das Buch ist vielmehr als Dokumentation darüber zu verstehen, wie der Wellness-Befehl in alle Lebensbereiche eindringt. Ziel der Studie ist es zu zeigen, wie Wellness zum Mainstream, zu einer Ideologie, ja gar zu einem moralischen Imperativ geworden ist. Nebst Eingriffe in das Bildungswesen und die Arbeitswelt, zeigen die Autoren auf, wie Wellness-Orientation zum Maßstab für schlecht und gut geworden ist. Hierin erkennen die Autoren das größte Problem neuester Kulturentwicklungen, die uns dazu drängen etwas zu verfolgen, das letztlich sein Gegenteil hervorbringt. Im Extremfall: permanente Angstzustände, Unzufriedenheit, Schuldgefühle, Selbsthass und ein verzerrtes Bild von Moral und Menschsein. Cederström und Spicer machen auf paradoxe Gesellschaftszustände aufmerksam, regen zu neuen Gedanken, zum Überdenken und Neubewerten an und dies auf greifbare und unaufdringliche Weise, die zum Ende hin auch nicht davor zurückschreckt die radikale Umkehrung des Wellness-Syndroms zu beleuchten. Auch dies an einem Realbeispiel.

Cover © Edition TIAMAT

  • Autor: Carl Cederström & André Spicer
  • Titel: Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch.
  • Originaltitel: The Wellness Syndrome
  • Übersetzer: Norbert Hofmann
  • Verlag: Edition TIAMAT
  • Erschienen: 02/2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3-89320-205-8
  • Sonstige Informationen:
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Wertung: 12/15 dpt


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Carl Cederström & André Spicer – Das We…

von Catarina Gomes de Almeida Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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