Mademoiselle Populaire (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Mademoiselle Populaire DVD Cover © ArthausEnde der Fünfziger Jahre: In der Einöde der Normandie fühlt sich Rose Pamphyle (Déborah François) überhaupt nicht mehr wohl, und auch die Arbeit im väterlichen Krämerladen geht ihr zunehmends auf die Nerven. Sie hat keine Lust mehr, als graue Maus in der grauen Provinz ein graues Leben zu führen. Louis Echard (Romain Duris) betreibt einigermaßen erfolgreich sein Versicherungsbüro in der nahegelegenen Stadt, und genau dort bewirbt sich die hübsche, junge, gelangweilte Frau um den Traumjob zahlreicher Frauen in den Fünfzigern: als Sekretärin. Wenngleich Louis über dieses ungeschickte blonde Landei den Kopf schütteln muss, bekommt sie die Arbeitsstelle. Denn eines kann sie trotz mangelnder Beherrschung des Zehn-Finger-Systems wie keine andere: Teuflisch schnell tippen – so schnell, dass ihr Chef mit dem Diktieren kaum hinterherkommt.

Der clevere Echard weiß aus diesem Missverhältnis an Talenten Nutzen für sie und sich zu ziehen, denn während sie ihm im Büro keine große Hilfe ist,  könnten ihre flink über die Tasten flitzenden Finger beim regionalen Schnellschreibwettbewerb doch von großem Vorteil sein. Fortan treibt er sie zu Höchstleistungen an, lässt sie immer wieder über sich hinaus wachsen und malt sich aus, sie könne mit ihrer Schnelltipperei irgendwann auf den internationalen Bühnen Weltruhm erlangen. Doch eines merkt Louis nicht so recht: Sie hegt große Gefühle für ihn. Komplizierte Zeiten stehen bevor, vor allem, als dann noch der Sohn eines berühmten französischen Schreibmaschinenherstellers Rose Avancen macht…

Mademoiselle Populaire Szenenfoto 2 © ArthausSo mancher Leser wird bewusst vielleicht gar nicht mal mehr die klassische mechanische Schreibmaschine kennen,  mit Typenhebeln, die gegen ein vor das zu beschreibende Blatt gespanntes Textilfarbband hämmern, um auf dem Blatt die jeweiligen Zeichen zu hinterlassen. Das Schreiben mit diesen Maschinen erfordert Kraft, die man in den Fingern haben muss – und wenn man dies auch noch schnell tun möchte, so muss man neben dem Kraftaufwand auch noch einiges an Ausdauer und Konzentration aufbringen, sodass diese Bürotätigkeit in ihrer Extremform lange ein echter Sport war.

Inmitten all der turbulenten Tipperei, dem lauten Klappern und Klacken, dem Klingeln, dem Rattern des Papiereinzughebels und dem Rummsen des Wagens erlebt der Zuschauer eine hart arbeitende Rose, die oftmals mit ihren Nerven am Ende ist, ihrem Boss die Maschine am liebsten gegen den Kopf zu donnern wollen scheint, doch immer wieder fängt sie sich und kann sich verbessern – sie muss auch an sich selbst und ihrem Leben jenseits der Tasten arbeiten, um nicht zur völligen Schnelltippmaschine zu verkümmern.

Eine weitere Textur wird durch Louis‘ amerikanischen Freund Bob Tyler erschaffen, wobei er ihm gegenüber durchaus gemischte Gefühle verspürt, denn einerseits begeistert ihn – wenngleich er es nur ungern zugeben zu wollen scheint – der Elan und der Geschäftssinn Bobs, andererseits ist er ein wenig eifersüchtig auf ihn, denn der smarte Kerl ist mit der reizenden Marie verheiratet, mit welcher Louis vor dem Krieg einmal liiert war.

Gerade was die romantischen Komponenten des Films betrifft, bedient man so ziemlich jedes kleine Klischee der 50er-Romanzen, tut dies allerdings auf solch liebenswerte Weise und gänzlich ohne Pathos, dass es ein Augen- und Seelenschmaus ist, den unbeholfen agierenden Verliebten bei ihrem tolpatschigen Umhertapern zuzuschauen. Sowieso kann man „Mademoiselle Populaire“ einen gewissen Niedlichkeitsfaktor in nicht unbeachtlicher Höhe attestieren, was für einige Lachfalten in den Gesichtern der Zuschauer sorgen wird, ebenso aber für ein sehr warmes Gefühl in der Herzgegend. Das liegt vor allem an der enorm liebevollen und in allen Details perfekten Umsetzung des Ganzen:

© ArthausMan hat den Film nämlich nicht einfach nur auf Retro getrimmt, sondern hat auch bezüglich der Farbgebung und der generellen Optik bis in den letzten Straßen- und Raumwinkel jede noch so winzige Kleinigkeit ausgearbeitet, sodass man gut und gerne auch glauben könnte, hier hätte es sich um einen verschollenen Film aus den Fünfzigern oder frühen Sechzigern gehandelt, den man nur ein klein wenig nachpoliert hätte. Selbst bei der musikalischen Untermalung und den Medienereignissen (Schreibmaschinen-Werbespot!) wurde viel Wert auf Authentizität gelegt. Bestenfalls die doch sehr hohe Bildqualität und die natürlich zeitgemäße deutsche Synchronisation verrät, dass es sich um eine nagelneue, moderne Produktion handelt.

Als sehr erfrischend erweist sich der feine Humor, der sich durch den Film zieht, denn dieser wird nie plakativ demonstriert, sondern linst meist zwischen den Dialogzeilen hindurch, und auch die ein oder andere Überzeichnung (wir sagen an dieser Stelle nur mal eben „Cha Cha Cha“…) sorgt für Grinsen, doch ebenso besitzt „Mademoiselle Populaire“ einen immensen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Hin und wieder muss man dabei an alte Rock Hudson- und Doris Day-Filme, manchmal aber auch an Audrey-Hepburne-Filme denken, und wenn man sich die Extras auf der DVD ansieht, wird auch klar warum die Assoziationsmaschine gerade bei letztgenannter Actrice rattert, denn Rose-Darstellerin Déborah François hat sich zum Beispiel  für diesen Film vorbereitend sehr viele Streifen der einstigen Ausnahmeschauspielerin angesehen und den Stil tief verinnerlicht.

Insgesamt ist „Mademoiselle Populaire“ ein rundum stimmiger Streifen ohne Mängel, ohne Ungereimtheiten, ohne aufgesetzte Nostalgie. Es ist das Reizende, das Liebevolle, das einfach Zuckersüße und Herzliche, was dem Zuschauer positive Wallungen beschert, und gleichermaßen besitzt das im Original lediglich mit „Populaire“ betitelte Werk trotz seiner Leichtfüßigkeit und Eingängigkeit einen künstlerisch und inhaltlich beachtlichen Anspruch.

 Sämtliche Fotos und Coverabbildungen/Packshots © Arthaus

  • Titel: Mademoiselle Populaire
  • Originaltitel: Populaire
  • Produktionsland und -jahr: Frankreich/Belgien 2012
  • Genre:
    Komödie, Romanze, 50s
  • Erschienen: 15.08.2013
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    106 Minuten auf 1 DVD
    111
    Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Déborah François
    Romain Duris
    Bérénice Bejo
    Shaun Benson
    Mélanie Bernier
    Nicolas Bedos
    Miou-Miou
    Eddy Mitchell
    Frédéric Pierrot
  • Regie: Régis Roinsard
  • Drehbuch:
    Régis Roinsard
    Daniel Presley
    Romain Compingt
  • Produzent: Alain Attal
  • Ausführender Produzent: Xavier Amblard
  • Kamera: Guillaume Schiffman
  • Szenenbild: Sylvie Olivé
  • Kostüm: Charlotte David
  • Schnitt:
    Laure Gardette
    Sophie Reine
  • Ton: Pierre Mertens
  • Musik: Rob & Emmanuel d’Orlando
  • Casting: Nicolas Ronchi
  • Extras:
    • Interviews mit Romain Duris,
      Déborah Francois und Regis Roinsard
    • Making of
    • Promo-Featurette
    • Trailer
    • Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Bild: 2,35:1 (anamorph)
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Französisch (5.1 DD)
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Bild: 2,35:1 1080/24p Full HD
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Französisch (5.1 DTS-HD MA)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite mit Trailern, Link zur Filmwebsite, Erwerbsmöglichkeiten verschiedener Formate und weiteren Infos

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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