Nathaniel Rich – Schlechte Aussichten (Buch)

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Nathaniel Rich - Schlechte Aussichten (Buch) Cover © Klett-CottaBilder aus Manhattan sind laut. Taxis stauen sich. Leute in Geschäftskleidung rennen überforderte Gehwege entlang. Demonstranten belagern die Wall Street, Broker schreien und der Time Square beugt sich in den Linsen der Kameras. Amerikanische Nachrichten sind auch laut. Darstellung und Inhalt sind beängstigend: 9/11, Irak, Finanzkrise, Katrina…

Nathaniel Richs zweiter Roman „Schlechte Aussichten“ lässt diesen „Kapital & Angst“-getriebenen Motor Amerikas buchstäblich absaufen. Das Buch besitzt den Stoff für einen Katastrophen-Thriller und bietet Szenen, die Roland Emmerich neidisch machen. Dennoch hat sich der Autor dazu entschieden, die Geschichte von Mitchell Zukor zu erzählen. Dass New York nebenbei von einem Hurricane namens Tammy geflutet wird, ist großartig erzählt, erschöpft sich aber nicht im Effekt als Selbstzweck.

Mitchell ist ein junger Finanzanalyst, sozial inkompetent, blass, nervös und mit einer ordentlichen Portion mathematischer Intelligenz ausgestattet. Der Sohn ungarischer Einwanderer leidet zudem unter Angststörungen. Um sich Erleichterung zu erschaffen, verwendet er seine mathematischen Fähigkeiten. Mitchell entwirft Katastrophenszenarien, Rettungspläne und errechnet Unfall-Statistiken.

Umgeben von Medien und Zynikern in einer Raubtiergesellschaft schwenkt Nathaniel Rich zunächst selbst die weiße Flagge des Zynismus: Sein Protagonist wird führender Berater – Futurologe – bei dem weltweit ersten Zukunftsberatungsunternehmen. Mitchells Talent, stimmige wie haarsträubende Katastrophenabläufe zu erfinden, zieht die superreichen Wall Street-Firmen, Anwaltskanzeleien und Banken an. Sie bezahlen für Mitchells Vorträge. Aufgrund eines gesetzlichen Kniffs werden die kapitalschwangeren Unternehmen alleine dadurch vor Schadensersatzzahlungen im Katastrophenfall geschützt.

Dann kommt Tammy, und Richs feiner Humor demaskiert dieses zynische Zwischenspiel in großartigen Szenen. Mitchell hat den Hurricane natürlich kommen sehen. Zusammen mit seiner Kollegin, der Berufszynikerin Jane ,gleitet er in einem Kanu durch die gefluteten Häuserschluchten New Yorks. Die Stadt schweigt. Vögel zwitschern unter kobaltblauem Himmel und auf stinkendem, „gelbsüchtigem“ Wasser paddeln Mitchell und Jane in den Grand Central Terminal…

Zukor wird vom nerdigen Außenseiter zum ungewollten Propheten. Und seine wahrgewordenen Tagträume verändern ihn. Während das ganze Land ungläubig seinem plötzlichen Herzstillstand zuschaut, beginnt Mitchell eine neue Lebensweise und gründet damit unbeabsichtigt eine Parallelgesellschaft, deren einziger Antrieb das Leben selbst ist.

Auch wenn der Roman zu Beginn rastlos Themen und Ebenen aufreißt, lässt sich im Ganzen eine wunderbare Stimmigkeit herauslesen. Von der Angst, über die Analyse hin zur Aktion geht Mitchells Reise, die durch ihre interessanten Gedankengänge, den leise detonierenden Humor und wunderbar eingesetzte phantastische Szenen immer eine schöne und eine kritische Geschichte ist. Wer jetzt Hippie-Komunen-Romantik und Punk-Plakativität erwartet, sollte sich Richs Roman erst recht genehmigen. So einfach sind die schlechten Aussichten nicht.

Cover © Klett-Cotta Verlag

  • Autor: Nathaniel Rich
  • Titel: Schlechte Aussichten
  • Originaltitel: Odds Against Tomorrow
  • Übersetzer: Hannes Riffel 
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 04/2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-608-98003-5
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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