Banana Yoshimoto – Moshi Moshi (Buch)

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Banana Yoshimoto - Moshi Moshi Cover © Diogenes VerlagDie junge Yoshie, von ihren sie schätzenden Mitmenschen liebevoll Yotchan genannt, ist voller Zuversicht. Pläne und Träume, die sie zu verwirklichen beabsichtigt, scheinen tatsächlich umsetzbar. Doch sie erleidet gemeinsam mit ihrer Mutter einen schweren Schicksalsschlag, als ihr Vater, der Bandleader der sehr bekannten Rockband ‚Sprout‘, urplötzlich mit einer völlig fremden Frau in einem Waldstück Selbstmord begeht. Das Familienleben war durchaus nicht einfach,  Yotchans Mutter nahm die amourösen Abenteuer ihres Ehemannes billigend in Kauf, denn eigentlich war er doch, so denkt die ihre Mama, ein liebevoller Mensch. Nun ändert sich die Situation der zwanzigjährigen Frau grundlegend, ihre Vorhaben werden komplett über den Haufen geworfen. Um neu anzufangen, mietet sie eine günstige Wohnung in Shimokitazawa, einem Künstlerviertel in Tokyo, und jobbt im gegenüberliegenden Bistro.

Yotchans Neuordnung des Lebens und Selbstfindung wird abrupt gestört, als eines Tages ihre Mutter mit dem nötigsten Gepäck auftaucht und sie darum bittet, bei ihr einzuziehen, denn alleine hielte sie es in der alten Bleibe nicht aus – zumal sie glaubt, der Geist des Verstorbenen treibe dort sein Unwesen. Die unfreiwillig gegründete Mutter-Tochter-WG war das Letzte, was Yotchan brauchen konnte – dementsprechend verärgert ist sie über diese unverhoffte Situation. Doch es dauert nicht lang, bis die beiden auf ganz neue Weise zusammen finden, zumal ihre Erzeugerin offenbar ebenfalls ein neues Leben anfangen möchte. Eines in absoluter Freiheit. Anfangs hält sie sich noch in Yotchans Wohnung auf, aber sehr bald lernt sie die Gegend, die Menschen und die ganzen Geschäfte und Locations kennen und schöpft neue Kraft. Wie auch Yotchan selbst.

Mit zahlreichen Retrospektiven beider gespickt, finden die zwei in „Moshi Moshi“ (quasi das japanische ‚Hallo?‘ am Telefon) Stück für Stück nicht nur zueinander, sondern lernen das Leben wieder zu genießen und ihre Vergangenheit reflektierend und verarbeitend abzustreifen. Das ist nicht zuletzt auch der neuen Umgebung und den dort lebenden, deutlich anders tickenden Menschen zu verdanken. Kultur, Kulinarisches, Erlangen von Lebensweisheit und auch Liebe – diese vier Dinge füllen die leeren Akkus des Mutter-Tochter-Gespanns beachtlich auf, und so manche Überraschung wirkt wie ein kleiner, belebender Elektroschock.

Eine typische Yoshimoto-Story also, die von ihrer Wort- und Bildgewalt sowie einer vereinnahmenden Reise in die japanische Kultur und Mentalität lebt. Intensive Erlebnisse, ebensolche Gedanken und ein Schreibstil, der beeindruckend lebensnah ist, lassen eigentlich keinen Zweifel an der stilistisch und schreiberisch hohen Qualität dieses Buches, welches einmal mehr ohne Aufteilung in Kapitel auskommt, sondern als fortlaufende Geschichte etwa dreihundert Seiten lang auf den Leser wirkt.

Die Romane der 1964 geborenen Japanerin sind nie besonders fast-paced, sondern eher meditativ und ruhig angelegt, und auch „Moshi Moshi“ folgt diesem an sich angenehmen, weil entschleunigenden Muster. Möglicherweise ist es der Repetitivität dieses Schreibstils, vielleicht auch etwas dem Schlendrian zuzuschreiben: Dieses Buch funktioniert leider nicht so exzellent wie beispielsweise der etwas düsterere und geheimnisvollere Roman „Der See“. Rein subjektive Gründe sind, dass vor allem Yotchans Mutter oftmals zu ausschweifend und detailreich erzählt und generell auch unabhängig von ihr buchübergreifend ein ungewohntes Übermaß an Details den eigentlichen Inhalt verwässert. Übertrieben gesagt kennt man irgendwann jedes Dip-Schälchen und jeden Teil der Wohnungseinrichtung mit Vor- und Nachnahmen inklusive Biographie. Hinzu kommt, dass der Sprachstil der Mutter oftmals etwas unnatürlich, ja gar aufgesetzt erscheint und so gar nicht zu ihrem Wesen passen möchte.

Letztendlich hätte man durchaus einige füllende Erzählungen auslassen oder die Essenz des Romans durch das Komprimieren des Buchumfangs etwas besser darstellen können – um einhundert Seiten gekürzt wäre „Moshi Moshi“ bestimmt packenderer und soghafterer Natur gewesen und zu einem der – weiterhin strunzsubjektiv wahrgenommen – besten Yoshimoto-Werke avanviert. Doch so bleibt etwas Enttäuschung zurück.

Dass Yoshimoto hinsichtlich Aussagekraft, Intensität und Authentizität allerdings nach wie vor eine Meisterin ihres Fachs ist, steht selbstverständlich außer Frage – doch hier verkauft sie sich stellenweise ein klein wenig unter Wert. Daher „nur“ ein gutes Buch.

Cover © Diogenes Verlag

  • Autor: Banana Yoshimoto
  • Titel: Moshi Moshi
  • Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
  • Übersetzer: Matthias Pfeifer
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erschienen: 2015
  • Einband: Leinen, gebunden, mit Schutzumschlag
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3-25706-931-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 kakigōri*

(*geraspeltes Eis mit diversen Zutaten wie bspw. Saucen und Früchten)


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Banana Yoshimoto – Moshi Moshi (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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