Colin Cotterill – Der fröhliche Frauenhasser – Dr. Siri ermittelt (Hörbuch, gelesen von Jan Josef Liefers)

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Colin Cotterill - Der fröhliche Frauenhasser - Dr. Siri ermittelt (Hörbuch) Cover © Der HörverlagDie deutschen Übersetzungen hinken den Originalen ein wenig hinterher, denn es handelt es sich bei „Der fröhliche Frauenhasser“ erst um den sechsten von mittlerweile neun erschienenen Bänden aus der Dr. Siri-Reihe, die einerseits Kriminalfälle behandelt, andererseits aber wunderbar bissige und zuweilen extrem satirisch-böse Seitenhiebe in Richtung des laotischen Kommunismus‘ der Endsiebziger verteilt. 

Dr. Siri Paiboun ist in Laos der einzige Leichenbeschauer weit und breit und hat sich mittlerweile einen Namen machen können. Dies gleich in dreifacher Form, denn einerseits legt er sich zu gern mit den laotischen Bürokraten an und lässt die Haare so mancher sesselflatulenter Zeitgenossen schneller ergrauen, als ihnen lieb ist – besonders die Tatsache, dass Siri nicht in der ihm zugewiesenen Bleibe zu hausen gedenkt, sondern einen Verbleib in der Wohnung seiner Flamme, Madame Daeng, bevorzugt, treibt die Beamten zur Weißglut. Andererseits verwirrt er seine Mitmenschen durch seine sehr sonderbare Art immer wieder, wobei besonders sein exzentrisches Wesen immer wieder für verständnisloses Stirnrunzeln sorgt. Und zuguterletzt wäre da das Genie, das in ihm steckt und ihn manchmal wirken lässt wie eine Art Sherlock Holmes der Gerichtsmedizin – nur abgedrehter, kauziger und um Jahrzehnte älter.

In seinem neuesten Fall findet Dr. Siri die Leiche einer brutal zugerichteten jungen Frau auf seinem Seziertisch vor  – das zarte Geschöpf wurde an einen Baum gefesselt, musste (unter anderem sexuelle) Folter über sich ergehen lassen und wurde letzten Endes erwürgt. Sein messerscharfer Verstand und seine Kombinatorik führen ihn zu dem Schluss, dass es sich bei dem grausamen Verbrechen nicht um eine Einzeltat handelt, sondern um eine ganze Frauenmordserie, die noch lange kein Ende genommen hat. Bei seinen weiteren Recherchen begibt sich Siri allerdings auch selbst in Gefahr.

In „Der fröhliche Frauenhasser“  ereignen sich nicht ganz so viele Geistervisionen seitens des Leichenbeschauers, und so befindet sich das Gros der Audiolektüre, die in ungekürzter Form vorliegt, deutlich mehr in der (fiktiven) Realität. Manchmal, während der ein oder anderen lebensbedrohenden Phase, trifft er zwar auf seinen verstorbenen Hund, doch generell hält sich dies in Grenzen, sodass diese Story statt mehrfachen Abdriftens deutlich fokussierter und konsistenter ist.

Unterhaltsam bei all den Ermittlungen und der Spurensuche ist natürlich das sehr eigenwillige und schräge Verhalten des Doktors, und auch seine Herzdame Daeng bedarf einiger Gewöhnung – stets huscht, wenn die beiden die anderen vor den Kopf stoßen, ein Grinsen über des Hörers Antlitz, und auch die köstlichen, häufig angebrachten Anzüglichkeiten dieses betagten Paares sorgen für einiges an Erheiterung . Doch da der misogyne Serientäter teilweise sehr derb mit seinen Opfern umgeht, sei gesagt, dass das Hörbuch ganz klar mindestens im FSK 16- oder gar FSK 18-Bereich stattfindet, denn ehrlich gesagt gehört das, was der Killer den Frauen antut, schlichtweg nicht unbedingt in die Gedankenwelt eines jüngeren Teenagers – außer, man ist bereits in jungen Jahren dermaßen abgestumpft, dass einem die Sexualstraftatkrimis nach 22 Uhr nichts mehr anhaben können.

Faszinierend ist, wie Cotterill eine komplexe Geschichte in ein sprachlich einfaches und nachvollziehbares Gewand zu hüllen in der Lage ist, selbst dann, wenn sich die Handlungsstränge ineinander verschlingen, Knoten bilden und teilweise wie ein Wirrwarr erscheinen – denn durch gekonnte Perspektivwechsel und skalpellscharfe Schnitte bleibt man stets auf dem richtigen Beobachterposten – und bis zum Ende hin bleibt „Der fröhliche Frauenhasser“ eine sehr wohlausgewogene Mischung aus Unterhaltung, Kriminalroman, Gerichts-/Rechtsmedizin und Psychologie, die einen als Geschichtenverfolger kontinuierlich am Ball bleiben lässt.

Einmal mehr konnte man den exzellenten Schauspieler Jan Josef Liefers (wohl derzeit am bekanntesten durch seine Gerichtsmediziner-Rolle im Münsteraner „Tatort“ als Professor Boerne), der zudem auch als Produzent, Regisseur und Musiker sein Unwesen treibt, vor den Sprechapparat locken. Es ist eine Mordsgaudi, der leidenschaftlichen Lesung des gebürtigen Dresdners zuzuhören, denn jeder einzelnen Figur schenkt Liefers eine ureigene Stimme. Sei es die schrullig-quietschig-greise Stimme des Dr. Siri, die wahlweise damenhafte oder frivol anmutende Stimme seiner Liebsten, jene der Polizei, der Bürokraten und all der zahlreichen Nebencharaktere – stets findet er den passenden Ton und hält die Geschichte hierdurch äußerst lebendig, ohne dass das Ganze überzeichnet wirkt. Ungeduldige dürften sich schlimmstenfalls am nicht gerade schnellen Lesetempo und den oftmals langen Atem- und Gedankenpausen stören.

Liebt man Kriminalromane, in denen Elemente und Faktoren wie fremde Kulturen, Intelligenz, Skurrilität, feinsinniger und zuweilen rabenschwarzer Humor sowie eine raubeinige Herzlichkeit in unterschiedlicher Gewichtung präsent sind, führt eigentlich kein Weg an „Der fröhliche Frauenhasser“ vorbei.

 Cover © der Hörverlag

 

 

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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