Joe R. Lansdale – Dunkle Gewässer (Buch)

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Joe R. Lansdale - Dunkle Gewässer (Buch) Cover ©  Klett-CottaDer amerikanische Schriftsteller Joe R. Lansdale steht für Südstaaten-Krimis, die vornehmlich in seiner Heimat Texas spielen, oft in der Zeit der „Great Depression“ in den dreißiger Jahren. Es war zudem das Amerika der Rassentrennung, die erst dreißig Jahre später abgeschafft werden sollte. Die Themen Rassismus und Armut prägen somit diese Romane. Lansdale fügt dieser Atmosphäre noch einiges an Gewalt und Tod und eine Prise Okkultismus  hinzu – und doch lesen wir keineswegs ausschließlich düstere Romane, irgendwo zwischen Krimi und Horror. Wir lesen in erster Linie Geschichten über die Menschen dieser Zeit.

Was der Titel „Dunkle Gewässer“ (orig.: „Edge of  Dark Water“) meint, ist auf dem Schutzumschlag der Tropen-Hardcover Ausgabe schön zu sehen: Ein Fluss, umsäumt von hohen, dicht belaubten Bäumen unter einem wolkenverhangenem Himmel. Das alles in dunkle Rottöne eingefärbt, wodurch sich die Assoziation zu Blut nahezu aufdrängt.

Die sechzehnjährige Sue Ellen lebt mit ihrer Mutter und ihrem Vater am Sabine River, einem Fluss in Osttexas an der Grenze zu Louisiana, wo das Land grün und sumpfig ist, statt staubtrocken, wie im bekannteren Westen des Landes.  Das Mädchen hat für die Zukunft nur einen Wunsch, diesem hoffnungslosen Hinterland von Gladewater (des Autors Geburtsstadt) zu entfliehen, weg von ihrem trinkenden, prügelnden und grapschenden Vater Don. Diesen Traum teilt sie mit ihrem Freund Terry, dem nachgesagt wird, eine „Schwuchtel“ zu sein, während ihrer farbigen Freundin Jinx das Leben dort gut gefällt. Doch auch sie wird sich dem „River-Trip“ anschließen, nachdem sich die Ereignisse überschlagen.

Terry und Sue Ellen helfen ihrem Vater Don und Onkel Gene beim Fischen, als sie die Leiche der schönen May Lynn, ebenfalls eine Freundin, die sie länger nicht gesehen haben, aus dem Fluss ziehen. Don und Onkel Gene wollen sie gleich wieder hineinwerfen, doch Terry und Sue Ellen bestehen darauf, den Constable zu holen. Der schert sich zwar nicht darum, wie das Mädchen zu Tode kam, jedoch ihre Freunde. Zu dritt brechen sie zu May Lynns Elternhaus auf.

Ihr Vater Cletus ist selten Zuhause, die Mutter ertränkte sich, ihr Bruder Jake starb vor einem Jahr. May Lynn träumte davon, nach Hollywood zu gehen, ein Stapel Modezeitschriften war ihr größter Schatz und – ein Tagebuch. Darin finden Sue Ellen, Terry und Jinx eine Karte. Ist darauf etwa das Versteck verzeichnet, wo Jake die Beute eines Banküberfalls verborgen hat?

Kurze Zeit später finden sich Terry, Jinx, Sue-Ellen und ihre Mutter Helen auf einem Floß auf dem Sabine River wieder, auf dem Weg nach Hollywood um May Lynns Asche zu verstreuen. Es mehren sich die Anzeichen, dass der mysteriöse Auftragskiller Skunk ihnen auf den Fersen ist, ein Halb-Indianer-Halb-Farbiger, der seine Opfer hetzt und quält, bevor er sie tötet und ihre Hände als Trophäen mitnimmt.

Hoffnung und Gerechtigkeit

Es verwundert auf den ersten Blick, dass ausgerechnet der Farbigen im Bunde das Leben in Texas zu dieser Zeit nicht so hoffnungslos erscheint wie ihren weißen Freunden. Jinx weiß genau, was sie will, äußert sich oft sarkastisch und immer schonungslos ehrlich. Dem alltäglichen Rassismus lacht sie ins Gesicht. Sie ist geübter darin als ihre weißen Freunde, die gegen Schwulenhass und Männerherrschaft zu kämpfen haben. Aber sie kann auch anders sein, sensibel und sanft. Jinx ist eine der facettenreichsten Figuren der Story und ein Gegenentwurf zum oft beschriebenen „genügsamen“ Farbigen. Terry ist als Sohn einer Lehrerin der „Intellektuelle“. Obwohl entschlossen, den Plan durchzuziehen, wirkt er oft unsicher, was man der Situation zuschreiben mag, dass er als Schwuler in den Südstaaten Ende der dreißiger Jahre einen schweren Stand hat. Die Erzählerin Sue Ellen, ähnlich schlagfertig wie Jinx, ist ein besonnenerer Typ. Sie durchläuft eine faszinierende Entwicklung. Vor allem das Verhältnis zu ihrer Mutter wandelt sich, für die sie anfangs nur Verachtung übrig hat. Auch Helen wächst mit der Story, von einer apathischen Süchtigen zu einer Dame, die ihr Leben wieder in die Hand nimmt. Die Charakterentwicklung ist eine von Lansdales ganz großen Stärken. Selbst die übelsten Bösewichter haben einen Grund dafür, so zu sein wie sie sind.

Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema, die Frage »Wer bekommt, was er verdient, wer kommt zu gut oder zu schlecht weg?« stellt sich immer wieder. Eine Gerechtigkeit die mit brutalster Gewalt erwirkt wird, aber auch mit Vergebung und Milde. Gerechtigkeit ist bei Lansdale stets unabhängig, keine Religion, kein Recht, keine Regierung übt sie aus, sondern allein Menschen, die an sie glauben. Der Autor verzichtet auf jeglichen moralischen Kompass, der Leser wird Absicht und Wahl der Mittel nicht immer gutheißen, aber doch nachvollziehen können.

Was den Autor ebenfalls auszeichnet, ist seine Art der Storyführung. Er schreibt darüber, wie einfache Menschen, denen entsetzliche und surreale Dinge wiederfahren, auf ihre Art damit fertig werden. Viel Erzählstoff ist das nicht, und doch erwächst daraus mehr als nur Spannung, nämlich auch ein Stück Zeitgeschichte. Die Glaubwürdigkeit der Charaktere erzeugt ein Gefühl der Nähe, obwohl die Ereignisse zeitlich in einer anderen Welt spielen und oft grotesk erscheinen. Der Leser weiß, dass es das Monster gibt, gemäß dem dramaturgischen Motto »Wenn man ein Gewehr auf die Bühne holt, wird  auch geschossen.«

Bleibt nur noch die fesselnde Atmosphäre von „Dunkle Gewässer“ zu würdigen, die man trotz des Titels mit Farben beschreiben möchte. Geprägt vom sattgrün der üppigen Landschaft, üppig und bedrohlich zugleich, schwarz, wie die Zukunftsaussichten und rot wie die Blutspuren, die der Horrortrip hinterlässt. Das alles hat Lansdale  so lebendig beschrieben, die Dialoge so konkret und bissig geführt, dass es berührt und zu Herzen geht. Gut dreihundert Seiten lang begleitet der Leser das Quartett auf dem Fluss ohne Wiederkehr – zum Aufbruch in ein neues Leben?

Wer Lansdales  „Die Wälder am Fluss“ mochte, wird auch „Dunkle Gewässer“ genießen.

Cover © Klett-Cotta

  • Autor: Joe R. Lansdale
  • Titel: Dunkle Gewässer
  • Originaltitel: Edge of Dark Water
  • Übersetzer: Hannes Riffel
  • Verlag: Tropen
  • Erschienen: April 2013
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3-60850-131-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei Klett-Cotta

Wertung: 12/15 dpt

 

 

Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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