Attica Locke – Heaven, My Home (Buch)

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Hopetown – Der Name trügt.

Texas Ranger Darren Mathews, ein Afroamerikaner, hat sein Privatleben noch immer nicht im Griff, wenngleich die Beziehung zu Lisa anscheinend wieder auf einem guten Weg ist. Doch da wäre noch seine Mutter Bell, die ihren Sohn seit geraumer Zeit erpresst. Es ist noch nicht lange her, da geriet Mathews in eine schwierige Lage. Mack, ein alter Familienfreund, könnte den weißen Rassisten Ronnie Malvo erschossen haben, da dieser seine Enkelin Brenna belästigte. Kurzerhand lies Mathews die vermeintliche Tatwaffe verschwinden, die sich nun in Bells Besitz befindet. Frank Vaughn, Bezirksstaatsanwalt von San Jacinto County, hat Mathews derweil noch immer in Verdacht, in den rätselhaften Mord an Malvo verstrickt zu sein.

Von diesem privaten Problem getrieben, wird Mathews von seinem Vorgesetzten, Lieutenant Fred Wilson, zu einem neuen Fall geschickt. In Hopetown in der Nähe von Jefferson verschwand vor zweieinhalb Tagen der neunjährige Levi King, Sohn des seit sechs Jahren im Gefängnis sitzenden Bill „Big Kill“ King, einem Captain der ABT, der Arischen Bruderschaft Texas. Mathews soll den zuständigen Sheriff offiziell unterstützen, in Wahrheit jedoch nach Beweisen suchen, die das FBI zu einem schnellen Schlag gegen die ABT nützen kann. Donald Trump ist als neuer Präsident gewählt, aber noch nicht im Amt. Wer weiß, wie seine Amtsführung sich auf die ABT auswirken wird?

„Wir brauchen eine Anklage, besser früher als später. Die Feds wollen das vor dem Machtwechsel in Washington vor eine Grand Jury bringen. Bevor das Trump-Justizministerium die Arische Bruderschaft mit einer Art Ehrengarde verwechselt.“

Die Chancen, Aussagen gegen die ABT sammeln zu können, scheinen zunächst nicht schlecht, denn Bill King verdächtigt den Kriminellen Gil Thomason der Tat, den neuen Lebensgefährten seiner Frau Marnie. Diese wiederum verdächtigt Rosemary, Bill Kings Mutter. Eigentlich sollten da belastende Aussagen kein Problem sein, doch die Rassisten bleiben lieber unter sich. Mit einem „Nigger“ sprechen sie schon gleich gar nicht. Zu Mathews Verdruss gerät Leroy Page, ein Schwarzer und ältester Einwohner Hopetowns, in Verdacht, für Levis Verschwinden verantwortlich zu sein, zumal er diesen als Letzter lebend sah. Greg Heglund, FBI-Agent und Mathews langjähriger Freund, will gegen Page sogar wegen Mordes ermitteln. Dabei gibt es noch nicht einmal eine Leiche.

„Heaven, My Home“ spielt wenige Monate nach „Bluebird, Bluebird“ – die Bluesmusik lässt in beiden Buchtiteln grüßen – und zwar in jener Zeit zwischen Trumps Wahlsieg und dessen Inauguration. Die Auswirkungen seines Erfolges sind bereits spürbar, zumindest in Texas, wo nicht nur die ABT ihr Unwesen treibt. Hopetown ist ein unwirklicher Ort, denn er besteht aus zwei Teilen. Hier kleine Häuser einer ehemaligen Gemeinde befreiter Sklaven, in der Schwarze und Caddo-Indianer am gleichnamigen Fluss friedlich zusammenleben; direkt daneben ein verkommener Trailerpark, in dem weiße Rassisten leben. Dass die Bewohner Hopetowns nur selten unbewaffnet vor die Tür gehen, versteht sich von selbst.

„Nigger. Coon. Niggercoon. Kakerlake. Affe mit einer Marke. Wussten Sie, das Schwarze im Durchschnitt einen zwanzig Prozent niedrigeren IQ als Weiße haben? Also bin ich aller Wahrscheinlichkeit nach, Marke hin oder her, ‘ne ganze Ecke schlauer als Sie, Ranger.“
„Wenn Sie IQ buchstabieren können, glaube ich Ihnen.“

Darren Mathews, der ambivalente Protagonist, droht erneut denselben Fehler zu machen wie unlängst bei Mack. Leroy Page ist ein Schwarzer, folglich muss er einer der Guten sein und das voreilige Ermittlungsverfahren des FBI scheint Mathews zu bestärken. Aber muss er deswegen Beweismittel geradebiegen? Im Fall Mack ging dies schon einmal schief und verfolgt ihn bis heute. Attica Locke zeigt einen „Helden“, der partout das Gute möchte und dabei zur Selbstgerechtigkeit neigt, wobei er Schwierigkeiten hat, mit der eigenen Familiengeschichte wie auch der Geschichte seiner (schwarzen) Landsleute insgesamt klarzukommen. Dass das Thema Rassismus in Amerika unter Trump aktueller denn je ist steht außer Frage, glaubte man doch bis dahin, dank Vorgänger Obama das Schlimmste hinter sich zu haben. Dass Mathews aber nahezu hinter jeder Aussage seiner Gesprächspartner rassistisches Gedankengut vermutet, schießt dann doch ein klein wenig über das Ziel hinaus. Es irritiert ebenso wie Mathews teils zweifelhafte Rechtsauffassung.

Daneben besticht Attica Locke einmal mehr mit ihrer herausragenden Schilderung der texanischen Landschaft. Die einst vor dem Bürgerkrieg glamouröse Stadt Jefferson, der Caddo Lake mit seinem weitverzweigten Flusssystem und das schon angesprochene Hopetown, das auf keiner Landkarte je verzeichnet wurde. Wer „Bluebird, Bluebird“ gelesen hat (was zum besseren Verständnis des zweiten Romans unbedingt zu empfehlen ist), findet hier die Auflösung des Mordes an Ronnie Malvo. Das Privatleben von Mathews wird konsequent weiterentwickelt und neben reichlich Alkohol kommt erneut der Blues nicht zu kurz. Wer sich auf diesen „amerikanischen Roman“ einlassen möchte, findet lesenswerte Literatur mit Tiefgang.

Cover © polar Verlag

  • Autor: Attica Locke
  • Titel: Heaven, My Home
  • Originaltitel: Heaven, My Home
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: polar Verlag
  • Erschienen: 12/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 322
  • ISBN: 978-3-945133-91-0
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Attica Locke – Heaven, My Home (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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