Sophie Sumburane – Tote Winkel (Buch)


Sophie Sumburane – Tote Winkel (Buch)

Nicht alle Verbrechen werden gesühnt

Tote Winkel
© Edition Nautilus

Der neue Kriminalroman von Sophie Sumburane ist, was den „aktuellen Fall“ betrifft, schnell erzählt. Familienmutter Valentina Zinnow erhält einen Anruf der Kriminalpolizei, sie möge bitte zum Präsidium kommen, da ihr Mann verhaftet wurde. Ihr Ehemann hat Katja Sziboula in seiner Kneipe vergewaltigt, was er bereits gestand. Das Besondere: Katja sieht Valentina zum Verwechseln ähnlich.

Und wie geht es weiter? Für Fans klassisch angelegter Krimis (Verbrechen – Ermittlung – Aufklärung), ist diese Frage berechtigt, denn der Fall ist unstrittig. Es gab die Vergewaltigung, es gibt ein Geständnis. Alles klar, oder? Nein, denn dieses Verbrechen gibt nur den Startschuss. Das Anliegen der Autorin ist ein ganz anderes, denn es gibt ungezählte Verbrechen, die sich tagtäglich ereignen, ohne dass diese jemals angezeigt werden. Diese gilt es schonungslos aufzuzeigen, denn die Vergewaltigung von Katja hat ihre traurige Vorgeschichte(n). Und so besteht die weitere Handlung wesentlich aus den Fragen, wie gehen die drei Protagonistinnen mit der Situation um und wie konnte es zu der Tat kommen?

Die Geschichte wird aus der Sicht von drei Frauen erzählt: Valentina, Katja und deren Mann Kay, einer Transfrau, deren Familie ursprünglich aus dem Kongo stammt. Die Polizei kommt nur am Rande vor, spult lustlos nach Gesetz ihre Arbeit runter, ohne psychische Aspekte des Geschehens zu hinterfragen und Valentinas Ehemann kommt gleich gar nicht vor. Hier geht er ausschließlich um die Perspektiven der Opfer, in dieser Form selten zu finden in der Kriminalliteratur.

Intensive Schilderungen mit langer Nachwirkung

Valentina, Katja und Kay erzählen abwechselnd in Ich-Form, was nur zu Beginn gewöhnungsbedürftig ist. Fangen wir in der Vergangenheit an. Valentina findet Liebe von den Eltern, was ja wohl so sein soll, doch das die Liebe des Vaters, wenn er nachts zu ihr ins Zimmer kommt, man nennt es „kuscheln“, auch körperlich weh tun muss, kann sich die damals Elfjährige kaum erklären. Anscheinend geht Liebe mit Gewalt einher, eine Einstellung, die ihr weiteres Leben – und ihre Ehe -, belgeitet von Selbsthass und Erniedrigung, prägen wird.

Und alle fragen sich, fragen mich, wie kann ein so freundlicher Mensch, mein Vater, den sie alle doch kennen, einer von UNS, ein so normaler Mensch, nur so etwas tun? Ein Monster sein? Und ich frage mich, ja wer denn sonst, wenn nicht der normale Mensch?

Katja ist selten fröhlich, viel zu früh erfährt sie von Erwachsenen, dass Alkohol auflockern kann. In der Folge landet sie mit ihren Freunden schon als Zwölfjährige im Stadtpark, wo sie – längst alkoholabhängig – aufgegriffen wird. Nach der Entzugsklinik geht es in verschiedene Pflegefamilien, doch das ständige Herumgereicht werden hat fatale Folgen. Sie sucht ja durchaus die Nähe zu anderen, nur, wenn sie glaubt, diese endlich mal gefunden zu haben, wird sie fallen gelassen und eben weitergereicht; was auch die Ehe mit Kay von Beginn an belastet. Diese wiederum verbrachte ihre Kindheit oft an der örtlichen Mülldeponie, weil es dort tolle Sachen gab. Nur manchmal, wenn Männer mit Rucksäcken kamen, aus denen Kinderleichen wie Abfall entsorgt wurden, suchte sie das Weite.

Wenn ich nicht allein war, war ich mit meinen Brüdern und Schwestern zum Spielen an der Mülldeponie und wir sahen, wie die Erwachsenen ihre Probleme lösten, und wussten, irgendetwas daran stimmte nicht, doch wir wussten nicht was, also rollten wir weiter in Reifen den Abhang hinunter und versuchten, nicht auf Kinderkörper zu treten.

Gewalt ist in der Geschichte der drei Protagonistinnen allgegenwärtig und wird eindringlich geschildert. Was folgt ist ein zerstörerischer Mix aus Erniedrigung, Selbsthass, Selbsttäuschung, Wahn, Traumatisierung und sich daraus ableitenden Trugbildern. Wie kann es aber sein, dass Verbrechen, wie die Misshandlung von Valentina als junges Mädchen, geschehen können? Wieso werden die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen? Und warum gibt es überhaupt so viele „Tote Winkel“?

Stell dich nicht so an, Valentina.

Im Fall von Valentinas Missbrauch gilt die naheliegende Antwort. Die Mutter hat es nicht gesehen, besser gesagt, sie hat es gewusst, aber nicht sehen wollen, denn es galt die Fassade zu wahren. Der Schein nach außen scheint wichtiger als die Verbrechen innerhalb des Mikrokosmos namens Familie. Entschuldbar ist dies keineswegs, wenngleich der Mutter übel mitgespielt wurde. Nicht vom Ehemann, der zunehmend das körperliche Interesse an ihr verlor, sondern vom Staat. Wiederholt versuchte sie an der Glienicker Brücke zu fliehen und in den Westen zu schwimmen. Irgendwo musste ihr Sohn Renée doch sein, der angeblich bei der Geburt der Zwillinge starb. Ein weiterer „Toter Winkel“ in Form eines ungeheuren Staatsverbrechens.

Sophie Sumburane ist im Netzwerk „Herland – feministischer Realismus in der Kriminalliteratur“ aktiv. Ihr schlanker Roman „Tote Winkel“ stand in der „Krimibestenliste Oktober“ auf Platz 9. Zu Recht, denn der Roman skizziert nicht nur ungeahndete Verbrechen gegenüber Kinder und Frauen, sondern bietet darüber hinaus eine ordentliche Langzeitwirkung, um das Gelesene zu verarbeiten, lädt ein zum Nachdenken und stellt nicht zuletzt mit seinem Schlusspunkt eine wichtige Frage an unser Rechtsystem: Warum werden allzu oft die Opfer allein gelassen und weiteren Demütigungen ausgesetzt?

  • Autorin: Sophie Sumburane
  • Titel: Tote Winkel
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Umfang: 200 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2022
  • ISBN: 978-3-96054-299-5
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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