Patrick Flanery – Absolution (Buch)

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Patrick Flanery - Absolution (Buch) © DVA VerlagErst wenige Wochen ist es nun her, dass Nelson Mandela, Symbolfigur und Inbegriff der Anti-Apartheid Bewegung, in Johannesburg starb. Anfang der 60er Jahre als Terrorist gebrandmarkt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, brachte Mandela dreißig Jahre später als erster schwarzer Präsident Südafrikas wichtige Reformen zur Gleichberechtigung auf den Weg und gilt noch heute vielen als politisches Vorbild. Kurzzeitig wieder im Fokus des öffentlichen Interesses steht durch den Tod Mandelas auch die politische Vergangenheit Südafrikas, vor deren Hintergrund Patrick Flanerys „Absolution“, freilich ohne das im Vorhinein beabsichtigt zu haben, eine besonders intensive Ausdruckskraft entfaltet.

Flanery ist nicht etwa Südafrikaner oder Zeitzeuge damaliger Ereignisse, obwohl sich Gegenteiliges vermuten lässt; er ist Amerikaner und darf mit Fug und Recht als vielversprechende neue Stimme am weitläufigen Himmel der Romandebütanten bezeichnet werden. Gelingt es ihm doch in seinem Erstlingswerk, ein Panorama politischer und familiärer Verstrickungen zu erschaffen, dass eine ganz besondere Begabung für Beobachtung und ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen zutage treten lässt.

Der junge Journalist Sam Leroux nimmt den Auftrag an, als Biograph an einem umfangreichen Portrait der Schriftstellerin Clare Wald zu arbeiten. Wald hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht und es in ihrem Land zu beträchtlicher Berühmtheit gebracht. Ihre Biographie ist ein Buch von öffentlichem Interesse. Leroux steht eines Tages also vor ihrer Tür, um mit der schnippischen und sonderlichen alten Dame ein Interview zu führen. Sie lebt zurückgezogen mit ihrer Haushälterin – und sie hat sich nicht grundlos dazu entschlossen, ausgerechnet dem jungen Sam Leroux den Auftrag als Biograph zu überlassen. Aber auch Sam ist nicht zufällig nach Südafrika zurückgekehrt.

Aus wechselnden Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen beleuchtet Patrick Flanery in einem komplexen und dichten Sprachgeflecht die Radikalisierung des ANC (African National Congress), erzählt von Terroranschlägen und Gewaltbereitschaft zugunsten der guten Sache. Was zunächst wie eine Form der prosaischen Geschichtsaufarbeitung anmutet, gewinnt einige Lebendigkeit, wenn Flanery die Ereignisse mit den Familiengeschichten Sam Leroux‘ und Clare Walds verknüpft. So waren Sams Eltern Terroristen des ANC und starben bei einem missglückten Attentat, Clare Wald hingegen kämpfte auf andere, wesentlich subtilere Weise gegen das Apartheid-Regime.

Walds Familie ist geprägt von politischen und persönlichen Gräben, unüberwindliche Differenzen mit ihrer Schwester verleiten sie zu einer Tat, die sie ebenso bereuen wird wie ihre mangelnde Fürsorge für ihre Tochter Laura. Die entschloss sich nach einigen Jahren als Journalistin, in den radikalen und gewaltbereiten Untergrund abzutauchen, aus dem sie, sehr zum Leidwesen Clare Walds, niemals zurückkehrte. Clare Wald und Sam Leroux sind durch ihre Biographien miteinander verbunden und wissen darum – doch es bedarf einiger Monate, um bei beiden das Eis zu brechen. „Absolution“ heißt nicht nur Patrick Flanerys Roman, sondern auch Clare Walds letztes Werk. Und so spielt die Absolution, die Vergebung, eine große Rolle. Ist Vergebung im historischen Kontext möglich? Was bedeutet Schuld und kann sie uns von dem genommen werden, an dem wir schuldig geworden sind?

Patrick Flanerys Roman ist vielschichtig und sprachgewaltig. Vor dem Hintergrund der politischen Gewalt des Apartheid-Regimes erzählt Flanery auch die Geschichte familiärer Gewalt und Entfremdung, die in sich ein Spiegelbild der Gesellschaft abbildet. Trotzdem das Apartheid-Regime sein Ende gefunden hat, werden viele Städte von Gewalt, Korruption und Willkür beherrscht. Patrick Flanery hat keinen einfachen, keinen leichtfüßigen Roman geschrieben. Es bedarf der Zeit und Muße, sich einzulassen auf dieses brilliant komponierte Beziehungs – und Geschichtsgeflecht. Das Durchhaltevermögen aber wird durch ein intensives Leseeerlebnis belohnt!

Cover © DVA Verlag

  • Autor: Patrick Flanery
  • Titel: Absolution
  • Originaltitel: AM Heath
  • Übersetzer: Reinhild Böhnke
  • Verlag: DVA Verlag
  • Erschienen: 08/2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 496
  • ISBN: 978-3-42104-554-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

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Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog „Literaturen“ zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

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Patrick Flanery – Absolution (Buch)

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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