Rick Yancey – Der Monstrumologe (Buch)

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Rick Yancey - Der Monstrumologe (Buch)Es deutet alles auf ein aufregendes Buch hin: Das wunderschöne, liebevoll gestaltete Prägecover. Die nicht zu inflationär eingestreuten Arbeitsinstrumente und Bilder. Ein verheißungsvoller Klappentext. Und nicht zuletzt scheint auch der Schreibstil sehr speziell zu sein, besonders wenn man den ersten Absatz der Einleitung als Maßstab nimmt. Bildhafter geht es kaum. Das Buch beginnt damit, dass ein Direktor eines Heimes einen jungen Mann, welcher an einem Buch arbeitet, zu sich ordert, doch der Direktor hat die Nachfrage nach dem aktuellen Buch nur als Grund vorgeschoben, ihm etwas komplett anderes zu zeigen: Vor wenigen Tagen ist ein gewisser William James Henry gestorben, der angeblich 1876 geboren und somit 131 Jahre alt geworden sei.

In dessen Nachlass befinden sich geschriebene Aufzeichnungen seiner Arbeit, beginnend im Jahre 1888 als blutjunger Assistent des Monstrumologen Dr. Warthrop. Der nicht namentlich erwähnte Buchautor willigt ein und präsentiert den eigentlichen Teil des hier vorgestellten Buches: Die Abschrift dieser Dokumente, unterteilt in drei Folianten, in all ihren Details, messerscharf und präzise ausgeführt. Will Henry erzählt von seinem an die Substanz gehenden Adlatentum für den eigenwilligen, sturen, offenbar gefühlskalten Professor, der völlig besessen von seiner Arbeit ist. Der Junge selbst macht sich natürlich so einige Gedanken, warum Warthrop so ist wie er ist, doch immer wieder wird er aus seinen Gedanken gerissen und wird selbst aus dem Tiefschlaf geholt, weil der Professor ihn wieder einmal benötigt. Es bleibt nicht aus, dass Will Henry zahlreiche Entdeckungen macht – sowohl bezüglich seines Vorgesetzten als auch bezüglich der fiesen Kreaturen, die sie finden, sezieren und gar jagen. Jagen müssen, bevor noch mehr Unheil geschieht.

An sich ist diese Art von Roman, übrigens der erste der insgesamt drei Bände der Monstrumologen-Reihe, eine schöne Idee, doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Yancey kann wunderbar mit Worten spielen, richtiggehend plastische Bilder erschaffen, doch hierbei verliert sich der US-amerikanische Schriftsteller in fast selbstverliebter Manier in endloses Geschwurbel – er schreibt viel und sagt wenig, und das lässt dieses Werk bereits nach rund einhundert Seiten zu einer sehr zähen, langatmigen Angelegenheit mit sehr vielen Wiederholungen verkümmern, was die Spannung recht bald zu einer genervten Anspannung werden lässt. Und vergeblich wartet man dann auf wahre Schlüsselmomente, die Handlung schleppt sich bis zum bitteren Ende, die Enthüllungen werden gekünstelt krümelchenweise ans Tageslicht gebracht, und nach dem Zuklappen des Buches bleibt man einem Gefühl des Unbefriedigtseins überlassen, das der Lust darauf, sich die beiden Nachfolger „Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“ und „Der Monstrumologe und die Insel des Blutes“ zu Gemüte führen zu wollen, kaum Platz gewährt.

Es ist zudem auch etwas ungeschickt vom Verlag, den Roman als Jugendbuch anzupreisen, denn viele Szenen in „Der Monstrumologe“ sind literarischer Horror, geschriebener Gore, ein gedrucktes Splatter-Movie, hier spritzt Blut, Gehirnfetzen fliegen durch die Luft, brechende Knochen und auseinanderspringende Knorpel sind der Soundtrack zu einer schaurigen Story. Und die psychologische Unterdrückung, die Warthrop auf Will Henry ausübt, ist auch recht harter Tobak. So muss fazitiert werden: Viel Effekthascherei auf inhaltlicher und schreiberischer Ebene, und auch die Zielgruppe wurde gnadenlos verfehlt.

Cover © Bastei Lübbe

  • Autor: Rick Yancey
  • Titel: Der Monstrumologe
  • Originaltitel: The Monstrumologist
  • Übersetzer: Axel Franken
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erschienen: 2009
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 411
  • ISBN: 978-3-7857-6040-6
  • Sonstige Informationen:
    Erster Teil der Trilogie

Wertung: 7/15 dpt

 (Artikel erschien ursprünglich in noisyNeighbours #36 und wurde vom Autor sowohl überarbeitet als auch für booknerds.de übernommen. Vielen Dank an die Gestattung der Artikelübernahme!)


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Rick Yancey – Der Monstrumologe (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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