Zoran Drvenkar – Sorry (Buch)

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Zoran Drvenkar - Sorry (Cover © Ullstein)Als es für die vier jungen Berliner Freunde Tamara, Frauke und das Geschwisterpaar Wolf und Kris langsam zu einer Last wird, finanziell umherzukrebsen, sinnieren sie über eine neue Geschäftsidee, doch die Gedanken mögen noch nicht fruchten  – bis ihnen bewusst wird, dass sich heutzutage kein Mensch mehr für irgend etwas verantwortlich fühlt. Es wird gelogen, es wird betrogen, es wird verletzt – aber niemand besitzt genügend Courage, nach Einsicht und Bewusstwerden seines Fehlers für diesen auch geradezustehen und sich den Belogenen, Betrogenen und Verletzten zu entschuldigen. Zuerst ist es nur ein Hirngespinst, doch aus der Schnapsidee wird bald Ernst: Sie gründen eine Agentur für Entschuldigungen und geben ihr den Namen „Sorry“.

Eine nüchterne Zeitungsanzeige als Testballon bringt am Anfang nur Kleinaufträge an Land, doch es verstreicht nicht allzu viel Zeit, bis die umgesetzte Idee zu einer gerne genutzten Marktlücke wird: Es finden sich immer mehr Klienten, die Ausmaße der Aufträge selbst wachsen, und bald müssen sich die vier besser und professioneller organisieren, um den Wünschen der Klienten entsprechen zu können. Der Ablauf der Aufträge bleibt hierbei stets gleich: Der Kunde äußert, bei wem er sich wofür entschuldigen möchte – und dann geht ein Mitarbeiter der Agentur zu demjenigen und entschuldigt sich im Namen des Trägers des schlechten Gewissens, welches er auf diese Weise wieder bereinigen möchte.

Der neueste Auftrag jedoch sprengt sämtliche Grenzen, denn als Kris am vereinbarten Treffpunkt erscheint, findet er statt des Klienten eine brutal ermordete, grausam zugerichtete Frau vor, bei der sich die Agentur im Namen des Mörders entschuldigen soll. Doch anstatt die Polizei umgehend einzuschalten, versuchen die vier allein, Licht ins Dunkel zu bringen und schalten auf Angriff. Das bringt sie zunehmend in Gefahr, denn der Mörder treibt ein fürwahr grausames, perfides und abgrundtief hässliches Spiel mit dem Team – und hierbei werden Abgründe aufgerissen, von deren Existenz man man nie geahnt hätte.

Der aus mehreren Teilen bestehende Thriller wird vor dem ersten Teil von einem „dazwischen“ eröffnet, bevor die einzelnen Teile mit einem „danach“ eingeleitet werden, welches von einer Person aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Anschließend wechseln die Erzählungen ins „davor“, in welchen jeweils zwischen den vier Freunden aus der dritten Person erzählend hin und her geschaltet und auch zu einer weiteren Figur namens „Der Mann, der nicht da war“ (ebenfalls dritte Person) sowie zu einer in der zweiten Person erzählenden Figur namens „Du“ (war wohl sehr selbstinspirierend für den in der zweiten Person geschriebenen Nachfolgethriller „Du„), gewechselt wird . Das mag sich nun komplizierter und anstrengender lesen als es in der Praxis letztendlich ist, denn an diese wechselhafte, nicht einfach zu erklärende Erzählweise gewöhnt man sich als Leser bereits während des ersten Teils.

Drvenkar spielt raffiniert mit dem Leser und legt gänzlich unoffensichtlich zahlreiche falsche Fährten, sorgt mit den verschiedenen Perspektiven und Protagonisten bewusst für Verwirrung, verleiht aber jedem einzelnen wichtigen Charakter in diesem Thriller ein detailreiches Profil, sodass man sehr schnell in jeden Einzelnen hineinfindet und Stück für Stück ein klein wenig mehr offenbart bekommt – doch nie zu viel, sodass man immer wieder vor den Kopf gestoßen wird. Die psychischen Qualen und die körperlichen Torturen, die einzelne Menschen hier erleiden müssen, sind teilweise extrem schockierend – zieht man die heftigsten Folgen der US-Fernsehserie „Criminal Minds“ als Vergleich heran, so kann man diese getrost als Kindergeburtstag deklarieren – alleine die Art und Weise, wie der Mörder das von Kris vorgefundene Mordopfer hingerichtet hat, würde auch in jeden Roman noir passen und würde sich auch für den ein oder anderen Horror-Roman eignen.

Letztendlich wird jeder vom reißenden Strom aus Schuld und Sühne, aus Recht und Unrecht, aus bösem Böse und gutem Böse, mitgerissen und muss sein eigenes Päckchen tragen, und genau diese Dynamik, die Drvenkar seinen Figuren und der erzählerischen Umgebung verleiht, ist faszinierend – oft beschleicht einen sogar bei den eher wie Sympathen wirkenden Personen ein unbehagliches oder zweifelndes Gefühl – die Grenzen zwischen Täter- und Opferdasein verschwimmen an ungeahnten Stellen, und nach der Lektüre muss man als Leser erst einmal tief durchatmen ob der ganzen kranken Ereignisse, die da gerade stattgefunden haven. Dieser Thriller ist schonungslos, bricht Tabus und wühlt auf, und hierbei gelingt Drvenkar eine waghalsige Gratwanderung zwischen Krass und Konsistent.

Gewöhnungsbedürftig ist neben der Personen- und Blickwinkelwechselei einmal mehr die eigenwillige Art der Darstellung der wörtlichen Rede, denn die ist lediglich durch einen einleitenden, eingerückten Halbgeviertstrich gekennzeichnet und wird durch erzählende Elemente der Marke »sagte er« obendrein aufgebrochen – ebenfalls ohne Zeichensetzung, sondern lediglich durch Kommata. Was allerdings den Lesefluss manchmal ganz erheblich stocken lässt, sind die oftmals sehr kurzen Sätze, bei denen man manchmal glauben könnte, der 1967 geborene Autor habe beim Schreiben vergessen, vom Jugend- und Kinderbuch-Schreibmodus in den für Erwachsene zu wechseln. Möglicherweise könnte man dieses Abgehackte auch als Mittel zum Zweck interpretieren, denn es lässt „Sorry“  hierdurch sehr unstet, ja beinahe hektisch wirken.

„Sorry“ ist einerseits nicht unbedingt für Zartbesaitete geeignet, andererseits nicht für diejenigen, die einen eher klassischen, wenig komplexen Erzählstil schätzen, doch wenn man nicht viel von Standards hält und einen experimentellen, heftigen, spannenden Thriller mit hohem Sicknessfaktor lesen möchte, trifft man mit diesem nicht nur optisch düsteren Buch eine mehr als nur gute Wahl.

Cover © Ullstein Taschenbuch

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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4 Kommentare

    • Chris Popp

      Och, das könnte man dann aber über viele Thrillerautoren und auch Horrorromanautoren sagen.
      Es gibt auch Jugend- und Kinderbücher von Drvenkar. Er kann also auch komplett anders.

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Zoran Drvenkar – Sorry (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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