Kathy Reichs – Totengeld (Hörbuch, gelesen von Britta Steffenhagen)

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Kathy Reichs - Totengeld (Hörbuch) Cover © Random House AudioWie wenig die Protagonistin Temperance ‚Tempe‘ Brennan aus den Kathy Reichs-Romanen mit der gleichnamigen Figur aus der lose auf den Romanen basierenden Fernsehserie „Bones“ gemein hat, zeigt sich einmal mehr mit dem nunmehr sechzehnten Brennan-Roman – und ganz davon abgesehen, dass die literarische Tempe um einige Jährchen älter ist, eine erwachsene Tochter hat und sie nicht ganz so sonderbar wie die doch gewöhnungsbedürftige Fernsehfigur ist, geht es

in Kathy Reichs‘ Kriminalromanen um einiges emotionaler, derber und verbal deutlich ungehobelter zu als im zwar äußerst unterhaltsamen und qualitativ hochwertigen, aber sehr stark auf Massenkompatibilität und Crime-Procedural getrimmten Serienformat.

Am Straßenrand, irgendwo im kargen Nirgendwo, liegt ein totes Mädchen, das von einem Fahrzeug erfasst wurde – nach Meinung  der örtlichen Polizei beging die sich am Steuer befindende Person Fahrerflucht und ließ das Mädchen zurück. Ohnehin ist für die Cops die Sache sehr schnell gegessen, denn sie gehen davon aus, dass das das junge Geschöpf als Prostituierte illegal ins Land eingeschleust wurde. Brennan ist skeptisch, und ihr Gefühl gibt ihr Recht, denn die Knochen der Toten sprechen eine eindeutige Sprache: Es handelt sich nicht um einen Unfall, sondern um einen brutalen Mord.

Die Nachforschungen führen sie  zu John-Henry Story, einem Geschäftsmann, der allerdings schon vor einigen Monaten bei einem Brand ums Leben kam, und auch einem Schmuggler, der versucht, mumifizierte Artefakte der etwas anderen Art in die Vereinigten Staaten von Amerika zu bringen, kommt sie auf die Spur – bei ihren Recherchen dringt sie immer tiefer durch das Dickicht aus Korruption, Gier und psychischer und physischer Gewalt, und zwar so weit, dass sie sich selbst damit in Gefahr bringt. Dieser Fall wühlt sie ungewöhnlich heftig auf, denn neben ihrem Ehrgeiz sind dieses Mal vor allem starke Emotionen der Motor, der sie in ihren Ermittlungen vorantreibt.

Parallel dazu wird sie nach Afghanistan geholt, wo sie mit ihrer Fachkompetenz aufklären soll, ob der dort beschuldigte US-Soldat einen Mord begangen oder aus Notwehr gehandelt hat. Brennan ist beunruhigt, da sich zu allem Überfluss ihre Tochter bei der US-Army eingeschrieben hat und momentan ebenfalls in Afghanistan unterwegs ist – und nichts von sich hören lässt. Obendrein ist sie sehr verwirrt von ihrem zu Hause bei ihr auftauchenden Exmann, der ihr verkündet, dass er bald heiraten werde. Die Knochenexpertin ist körperlich und seelisch nah am Limit und muss Contenance bewahren, um ihre beruflichen Herausforderungen zu bestehen und ihre privaten Angelegenheiten geregelt zu bekommen. Überall lauern die Überraschungen: Im eigenen Leben und in den Skelettteilen, die sie untersucht.

Die Einbindung der persönlicheren Komponenten wirkt sehr warm und sympathisch, denn die Menschlichkeit und Persönlichkeit tut dem Kriminalroman gut – für fachlicher orientierte Leser/Hörer mag dies durchaus einen Störfaktor darstellen, da ihr Dasein als forensische Anthropologin nicht mehr eine zentrale Rolle einnimmt, doch letztendlich ist durch diese Elemente der Weg für eine weitere Entwicklung geebnet, und Schablonenhaftigkeit wird auf diese Weise geschickt umsegelt – denn die Story selbst ist einmal mehr clever konstruiert, besitzt raubeinigen Charme und lässt den Rezensenten anerkennend und wackeldackelähnlich nicken. Ein weiterer positiver Punkt ist, dass die Spannung nicht künstlich herbeigeführt wird, sondern sich von ganz alleine durch Reichs‘ Erzähltalent entfaltet.

Etwas verwirrend für die hörbuchaffinen Kathy Reichs-Anhänger ist der ständige Wechsel der Sprecherinnen. Simone Thomalla, Ranja Bonalana (die übrigens Brennans Synchronsprecherin in „Bones“ ist), Hansi Jochmann (auch als Jodie Fosters Stammsynchronsprecherin bekannt) und Katja Riemann gaben sich bereits die Ehre, und für „Totengeld“ hat man sich erneut für eine neue Sprecherin entschieden, nämlich Britta Steffenhagen (unter anderem „Seit du tot bist“ von Sophie McKenzie). Die übt ihren Job allerdings exzellent aus und transportiert die Gefühlsschwankungen der Protagonistin, die teilweise Derbheit der Leute um sie herum sowie die nachdenklichen Momente absolut glaubwürdig in des Hörers Ohr, sodass man sich, ganz ungeachtet dessen, dass gerade Jochmann und Bonalana perfekte Reichs-Sprecherinnen sind, durchaus wünscht, dass Steffenhagen noch den ein oder anderen Tempe-Roman mehr liest.

„Totengeld“ ist daher nicht nur hinsichtlich der Haptik der sechs Datenträger eine runde Sache.

Cover © Random House Audio

 

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Kathy Reichs – Totengeld (Hörbuch, gelese…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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