Paul Auster – Winterjournal (Buch)

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Paul Auster - Winterjournal (Cover © rowohlt)Körperlichkeit – also wirklich thematisierte Körperlichkeit, nicht einfach nur die schwärmerische Beschreibung der Liebsten als „engelsgleich“ oder thrilleresk pathologisch beschränkt auf zerfetzte Organe oder von 132 Schüssen durchlöcherte Haut – die echte Körperlichkeit, die Beschreibung von Schmerzen, von Beulen, Schürfwunden, klaffenden Platzwunden, knackenden Gelenken, schwindendem Augenlicht, beginnenden, anhaltenden, einschlafenden Erektionen – all diese Dinge haben ihren jeweils großen Auftritt in Paul Austers neuestem Werk „Winterjournal“. Es ist eine Art Autobiografie anhand von Raum, Schmerz und Zeit, ein Abriss seines bisherigen Lebens entlang einer oftmals mäandrierenden Schnur, gespickt mit größeren und kleineren Unfällen und fast unzähligen Wohnortwechseln und Reisen. Die Gefahr, dass eine derart angelegte Autobiografie in senile Hypochondrie oder peinliche Selbstentblößung abdriftet, ist groß, sehr groß. Aber Paul Auster gelingt eine gleichzeitig hochdramatische wie abgeklärt-reflektierte Geschichte seines eigenen Lebens, die deswegen – um das Urteil gleich vorwegzunehmen – große Literatur ist, weil sie Körper und Geist vereint. Wo Peter Handke mit seinem „Versuch über den Stillen Ort“ körperliche Aspekte „nur“ reflektiert und sie mit einem hochgeistigen Überbau versieht, ist Paul Austers Konzept der Körperlichkeit ein zutiefst lebendiges.
Keine Angst, weder Auster noch der Rezensent haben esoterische Anwandlungen, aber in Bezug auf das „Winterjournal“ ist die Formel von Körper und Geist durchaus angebracht. Ausgehend von den schmerzlichen Erfahrungen, die ein falsch gesetzter Schritt, ein zu langer Blick in den Himmel, ein zu viel getrunkenes Glas oder ein allzu konzentriertes Nachhängen eines Gedankens mit sich bringen, setzt Auster sein erzählerisches Programm von der „Musik des Zufalls“ beeindruckend luzide und stimmig um. Waren es bislang rein fiktionale Lebensläufe, die er in seinen Romanen mit den Erfahrungen der Kontingenz konfrontierte, ist es nun sein eigenes Leben.

Unchronologisch assoziativ, natürlich, präsentiert er uns seines. Nicht das Leben des Schriftstellers, der sich rückblickend poetologisch zu seinem Werk äußert oder langgehütete Geheimnisse aus der amerikanischen Literaturszene zum Besten gibt. Nein, es ist das Leben eines Kindes, Mannes, Kind-im-Mannes. Aber Auster wäre nicht Auster, würde er nicht versuchen, die Macht des Zufalls erzählerisch zu bändigen. Selbst wenn dies in letzter Instanz niemals wirklich reibungslos gelingt, so sind die erzählerischen Versatzstücke, die seine Schmerzen und Unfälle miteinander verbinden, interpretatorische Versuche, dem Leben eine Form und damit einen Sinn zu geben. Platzwunden bekommen so eine ganz andere Bedeutung, ebenso wie die zahlreichen Wohnungswechsel. Ganze 21 Wohnungen listet Auster in der Mitte seines Buches auf, eine jede Wohnung wird dabei nur skizzenartig beschrieben und in Relation zu Küssen, Geschlechtsverkehren und Ohrfeigen gesetzt. Ein geniale Verbindung von Räumen, Zeit und Emotion.

Ebenso genial ist die gewählte Erzählposition: Auster duzt sich selbst. Das erinnert ein wenig an diese bösartige Werbung von und mit Hannelore Elsner für irgend so ein irres Lifestyle-Gedöns – Stichwort: »Du gefällst mir heute gar nicht«. Bei Auster lässt dieser Eindruck eines wahrhaftigen Selbstgesprächs die Unmittelbarkeit der Ereignisse deutlicher werden und nimmt den Leser auf eine ehrlich anteilnehmende Achterbahnfahrt mit, die über zahlreiche depressive Stellen auch immer wieder zu lebensfreudigen, manchmal sehr naiven, oft aber klug reflektierenden Phasen gelangt.

Der dramatisch wirkende Schlusssatz »Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten« ist nach der Lektüre dieses Buches auch eher eine positiv-gewendete Volte, die sich selbst zwar in einer letzten abschließenden Phase des Lebens sieht. Diese aber macht doch immerhin noch ein Viertel des Gesamten aus. Wer sich also zu den Paul Auster-Fans zählt, kann aufatmen: Produktiv wird er bleiben, immerhin ist in diesen Tagen unter dem Titel „Report from the Interior“ der zweite Teil seiner Autobiographie erschienen.

Cover © Rowohlt

  • Autor: Paul Auster
  • Titel: Winterjournal
  • Originaltitel: Winter Journal
  • Übersetzer: Werner Schmitz
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 09/2013
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-3498-00087-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Paul Auster – Winterjournal (Buch)

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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