Nils Mohl – Von den Elefanten sprechen wir später (Buch)

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Nils Mohl - Von den Elefanten sprechen wir später (eBook) Cover © Rowohlt VerlagAuch „Von den Elefanten sprechen wir später“ ist eines von drei eBooks, welches je vier Kurzgeschichten aus dem 2009er Kurzgeschichtensammelsurium „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“ miteinander vereint.

Wie beim kürzlich besprochenen „Schön, dass du da warst“-eBook gibt eine der Kurzgeschichten dem eBook seinen Namen, und so eröffnet „Von den Elefanten sprechen wir später“ vorliegendes Lesevergnügen. Urplötzlich sitzt man unsichtbar auf einer Wiese am See und beobachtet einen noch sehr jungen Mann, der sich der Wolkenknipser nennt, dabei, wie er auf dem Grün liegend und ins wolkenbemalte Blau sehend, mit einer kaputten Kamera, ohne Film, die Wolken fotografiert. In seinem Kopf. Musik hört. In seinem Kopf. Mit seinem Schwarm Lou Dialoge führt. In seinem Kopf. Dialoge, die sein Halt sind. Mit seinem besten, deutlich älteren Freund Zucker, der  mit Lou zusammen ist, ebenso spricht. Was ihm Halt gibt. In seinem Kopf. Zwischen den Szenarien Wolkenknipsen und Zwiegesprächen mit seiner Mutter alternierend, schweift er immer wieder in Erinnerungen ab. Erinnerungen, die sein Halt sind. Alle festgehalten auf dem Kamerafilm. Dem Kamerafilm in seinem Kopf. Voller Bilder vom Bevor.

So traurig die Situation des jungen Mannes auch ist, gelingt es Nils Mohl hier auf rührende Weise, dem Leser zu zeigen, wie wichtig es sein kann, dass das Einzige, was einem Trauernden von denen, die nicht mehr sind, bleibt, die Erinnerungen sind – Erinnerungen, die sorgfältig gepflegt werden müssen, damit sie nicht verblassen wie Fotos in der Sonne…

Es ist sehr viel Zeit verstrichen, als in „Ihr zuschauen“ ein Mann, dessen Name nicht genannt wird, seine Gedanken schweifen lässt. An eine – ebenfalls namenlose –  Frau, eine „sie“, denkt. Seinen grauen Bürojob ausübt. Eines Morgens klingelt das Telefon, und routiniert hebt er den Hörer ab. Die Frau am anderen Ende stellt sich vor, nennt die Gründe ihres Anrufs – und er stellt erstaunt fest, dass es „sie“ ist, nur mit anderem Nachnamen. Hat sein damaliger Schwarm tatsächlich geheiratet…

Doch da „sie“ ohnehin in der Stadt sei, könne man sich doch mal auf einen Kaffee treffen – und so verabreden sich beide, begrüßen sich, sprechen im Café miteinander. Doch bald schweift „er“ immer wieder in die damalige Zeit ab, in eine Zeit, als er ihr beim Tanzen zuschaute und Annäherungsversuche unternahm, und während sie sich miteinander unterhalten, verschwimmen Gegenwart und unterschiedliche Erinnerungen miteinander, ineinander, durcheinander und driften auseinander.

Wozu wollen sich diese beiden Menschen eigentlich wieder sehen, wo sie sich doch eigentlich so fremd waren und sind? Wollen sie die Karten neu mischen? Wollen sie Klarheit? Führt das Treffen zu irgend etwas? Mohl lässt den Leser bewusst zappeln.

Gänzlich im Ungewissen gelassen wird man dann mit „Was dann passiert„. Pilar, die Mitarbeiterin einer Firma, hat sämtliche Kollegen ihrer Projektgruppe zu sich eingeladen. Zu ihnen zählt auch der zweite, gleichaltrige Protagonist, nämlich der Leser, denn diese Kurzgeschichte ist in der zweiten Person, der Du-Perspektive geschrieben. Du wurdest von Pilar für das gemeinsame Kochen und Essen eingeladen, doch nach einer Weile seid nur noch ihr beiden anwesend . Ihr redet über B., über K. und über G. – und auch über Deine Freundin L., mit der Du zusammen lebst. L. ist einmal mehr, wie so oft, geschäftlich unterwegs, und irgendwie scheint es ganz so, als sei Eure Beziehung zwar noch existent und stabil, doch seid ihr viel zu häufig getrennt. Und nun bist Du mit Pilar alleine. Die Du attraktiv findest. Die mit Dir einen schönen, angenehmen Abend verbringt. Lange warst Du nicht mehr mit einer anderen Frau als L. allein. Doch was stellt es mit Dir an? Und wo sind die Grenzen?

Es stellt sich die Frage: Kann der einsam Liebende auf Dauer treu bleiben? Was wirst Du tun?

Ähnlich merkwürdig wie sein Titel „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“ ist auch der Rausschmeißer dieses eBooks, in welchem ein Mann immer und immer wieder aus einem Hotelzimmer eine Telefonnummer anruft. Es reagiert lediglich der Anrufbeantworter, auf welchen er sinnfrei erscheinende, sich fortsetzende Teile von Erzählungen spricht, bis sich der Anrufbeantworter abschaltet und er sonderbaren Angewohnheiten nachgeht. Diese Telefonszenen werden von eigenwilligen Dialogen mit einer Frau, die von einer unangenehmen Spanung durchsetzt sind, aufgebrochen, und lange lässt der Autor den Beobachter im Dunkeln tappen, inwiefern diese wechselnden Erzählelemente kohärent sind.

Der „Es war einmal Indianerland“- und „Stadtrandritter“-Erschaffer scheint es zu lieben, den Leser per Drag & Drop hinten am Kragen hochzuheben und ihn mitten in einen buchstabenen Film zu schubsen, zu schauen, was es mit ihm anstellt – außer den aufpoppenden Fragezeichen, die über seinem Kopf schweben.

Cover © rowohlt

  • Autor: Nils Mohl
  • Titel: Von den Elefanten sprechen wir später
  • Kurzgeschichten:
    • Von den Elefanten sprechen wir später
    • Ihr zuschauen
    • Was dann passiert
    • Ich wäre tendenziell für ein Happy End
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 01.10.2013
  • Einband: Art des Einbands
  • Seiten: 35
  • ISBN: 978-3-644-51781-3
  • Sonstige Informationen:
    Ausschließlich als E-Book erhältlich
    Produktseite beim Verlag
    Diese Kurzgeschichten stammen ursprünglich

    aus „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“
    (Plöttner Verlag), einer Sammlung von
    zwölf Kurzgeschichten.
    Je vier dieser Kurzgeschichten wurden jeweils
    zu einem Paket in E-Book-Form zusammengefasst:
    • „Schön, dass du da warst“
    • „Von den Elefanten sprechen wir später“
    • „Birth. School. Work. Death“

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Nils Mohl – Von den Elefanten sprechen wir…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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