Prisoners (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Prisoners DVD Cover © Tobis

Thanksgiving. Die Familie Dover ist bei der Familie Birch eingeladen, und gemeinsam möchte man speisen und etwas Spaß miteinander haben – den haben auch die beiden Töchter der Ehepaare, und nach dem köstlichen Essen dürfen Anna Dover und Joy Birch, die im Haus dann doch ein wenig zu wild zu toben beginnen, noch ein wenig draußen spielen. Als die beiden Mädchen im Grundschulalter nicht wie vereinbart wieder bei den Birchs aufkreuzen, machen sich beide Familien ernsthafte Sorgen. Berechtigt, denn Joy und Anna sind von jetzt auf gleich spurlos verschwunden.

Die Suche auf eigene Faust bringt nichts, weder die der Eltern noch die der größeren Geschwister der Mädchen. Man holt den ortsansässigen Cop Loki (Jake Gyllenhaal) zu Hilfe, und jener findet sehr bald ein Wohnmobil, in welchem der Alex Jones sitzt, ein junger Erwachsener auf dem geistigen Entwicklungsstand eines Zehnjährigen. Als Loki versucht, den jungen Mann aus dem Wohnmobil zu locken, bricht der in Panik aus und rast gegen einen Baumstamm. Alex Jones wird aufs Präsidium mitgeschleppt, doch die Verhöre bleiben ergebnislos – man kann Alex nichts nachweisen, lediglich, dass er in der Nähe des Hauses seiner Tante Holly, welches unweit von dem der Birchs liegt, viel Zeit in jenem Wohnmobil verbringt.

Prisoners Szenenfoto © TobisBlind vor väterlicher Wut und Verzweiflung, ist Annas Vater Keller Dover (Hugh Jackman) nach wie vor davon überzeugt, dass Jones der Entführer ist und den Kindern Unglaubliches antut – voller negativer Energie fällt der Vater eine fatale Entscheidung und kidnappt Alex, den er gefangen hält und ihm mit Gewalt und Psychoterror auf brutalste Art und Weise Details zu entlocken versucht – und hierfür holt er sich den Vater des anderen Mädchens mit ins Boot und drängt ihn dazu, den ihrer Meinung nach Verdächtigen ebenfalls zu drangsalieren. Die Selbstjustiz nimmt ungeahnte Dimensionen an, und die Familien drohen an ihrem ungewollten Schicksal zu zerbrechen.

Detective Loki schöpft derweil einen ganz anderen Verdacht und folgt einer anderen Spur, die in immer extremere, sonderbarere Verstrickungen und ungeahnte Abgründe führt. Der Ermittler ahnt nicht, was Keller und Franklin mit dem offenbar unschuldigen Alex in einem abgelegenen, heruntergekommenen Haus anstellen. Die Zeit droht den Eltern und dem Detective davonzulaufen – wo sind die Mädchen? Welcher kranke Mensch hat die Kleinen gekidnappt und quält sie womöglich? Leben sie überhaupt noch?

Man mag denken: »Och, noch so ein Psychothriller…«, doch wo bei den meisten derzeitigen genreähnlichen Filmen stets die Glaubwürdigkeit und die Story zugunsten der Effekthascherei leiden muss, ist es dem Regisseur Denis Villeneuve mit „Prisoners“ gelungen, den Zuschauer die ganzen rund zweieinhalb Stunden zu fesseln, ja, gefangen zu halten, ihn zum „Prisoner“, zum Gefangenen im eigenen Wohnzimmer werden zu lassen. Denn trotz der happigen Spielzeit weist dieser ereignis- und wendungsreiche Streifen keinerlei Längen auf.

Prisoners Szenenfoto © Tobis„Prisoners“ lebt von einer ureigenen Dynamik – statt Dauerhysterie, statt pathetischem „De-dömmmm-gleich-passiert-etwas-nein-doch-nicht-BUH!“ besitzt der Film Ereignisdichte, und die variablen Lautstärken und Tempi, die jeweils so eingesetzt werden, wie es die Situationen erfordern, bescheren den einzelnen Eindrücken einiges an Ausdruckskraft. In den verzweifelten und wütenden Momenten erhalten Verzweiflung und Wut eine beeindruckende Power, während die stillen Momente kein Gefühl des Wartens im Sinne von Ungeduld mit sich ziehen, sondern das Gefühl der Beklemmung noch verstärken. Intensiviert wird all das durch die akustische Untermalung, für die der isländische Komponist Jóhann Jóhansson verantwortlich zeichnet – oftmals sind Musik und Soundeffekte dermaßen subtil ins Gesamtbild verwoben, dass einem kaum bewusst wird, wie diese atmosphärische Dichte überhaupt entsteht

Prisoners Szenenfoto © TobisFast bis zum Schluss bleibt man im Unklaren, wohin die Spur letztendlich führt, sodass man angesichts der fast unerträglichen Spannung häufig unbewusst die Luft anhält. Die Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen sind angenehm unvorhersehbar, und die Storyline zeugt von einer schreiberischen Intelligenz, von der sich so manche große Namen der Drehbuch- und Thrillerautorenszene eine armdicke Scheibe abschneiden können.

Dieses hohe Qualitätslevel wird auch in schauspielerischer Hinsicht schlichtweg grandios gehalten. Hugh Jackman („X-Men“-Reihe, „Van Helsing“ uvm.) mimt hier äußerst authentisch den cholerischen, verzweifelten Familienvater, ebenso beeindruckt Terrence Howard („L.A. Crash“, „Iron Man“) als sensibler, eher ruhiger Vater des anderen Mädchens. Auch die Ehefrauen, gespielt von Maria Bello und Viola Davis überzeugen mit Echtheit. Mit dem brillanten Jake Gyllenhaal („Donnie Darko“, „Zodiac – Die Spur des Killers“), einer charismatischen Melissa Leo sowie dem famosen Paul Dano wird die  Riege der Hauptfiguren komplettiert – und wenngleich sie nicht alle zu den Top 50 der Schauspieler hinsichtlich Bekanntheitsgrad gehören, so steht das Können jedes Einzelnen außer Frage.

Prisoners Szenenfoto © Tobis

„Prisoners“ Szenenbild © TOBIS

Mehr kann und sollte man zu diesem Film auch gar nicht mehr sagen, außer vielleicht, dass in jeder Disziplin – sei es die Arbeit des Stabs, des Casts, das Setting, die Musik oder was auch immer – meisterhafte Leistungen abgeliefert wurden, die „Prisoners“ zu einem der wohl besten DVD-Releases des Jahres 2014 avancieren lassen. Wer auf einen Psychothriller der Extraklasse gewartet hat, bekommt ihn mit diesem Streifen.

So viel Überschwang? So viel Überschwang. Und warum? Weil er zu hundert Prozent angebracht ist.

Cover & Szenenfotos © Tobis

  • Titel: Prisoners
  • Originaltitel: Prisoners
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2013
  • Genre:
    Thriller, Psychothriller
  • Erschienen: 13.02.2014
  • Label: Tobis
  • Spielzeit:
    147 Minuten auf DVD
    153 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Hugh Jackman
    Jake Gyllenhaal
    Maria Bello
    Terrence Howard
    Viola Davis
    Paul Dano
    Melissa Leo
    Wayne Duvall
    Kyla Drew Simmons
    David Dastmalchian
  • Regie: Denis Villeneuve
  • Drehbuch: Aaron Guzikowski
  • Kamera:  Roger A. Deakins, ASC, BSC
  • Produktion:
    Broderick Johnson
    Kira Davis
    Andrew A. Kosove
    Adam Kolbrenner
  • Musik: Jóhann Jóhannsson
  • Extras:
    Deutsche Premiere
    Featurettes:
    -Beeindruckende Darsteller
    -Jede Sekunde zählt
    -weitere*
    Interview mit Hugh Jackman
    Weitere Interviews*
    Trailer
    B-Roll*
    Bildergalerie*
    (*=nur Blu-Ray)
  • Technische Details (DVD)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Englisch (DD 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch, Englich für Hörgeschädigte
    Video:
    1,85:1
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD MA 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch, Englich für Hörgeschädigte
    Video:
    1,85:1
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite mit Trailer und mehr

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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2 Kommentare

  1. Pingback: Sicario (Spielfilm, DVD/Blu-ray) - Rezension/Review/Kritik/Besprechung auf booknerds.de

  2. Avatar

    Ich kann dem eigentlich nur zustimmen. Mich hat der Film auch sehr beeindruckt. Aber er ist nichts für schwache Nerven, die Thematik ist schon sehr bedrückend und schwer verdaulich.

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Prisoners (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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