Das Belko Experiment (Spielfim, DVD/Blu-ray)

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Das „Belko Experiment“ erzählt von einem Arbeitskampf der ganz anderen Art. Was heißt „erzählt“, es gibt eine kurze Einleitung, dann beginnt die gegenseitige Auslöschung, der Gott des Gemetzels freut sich.

Ein amerikanischer Firmensitz mitten im kolumbianischen Nirgendwo. Außerplanmäßige Sicherheitskontrollen der Mitarbeiter durch militärisches Personal. Wenig später verkündet eine Stimme aus einem allgegenwärtigen Lautsprechersystem, dass binnen der nächsten zwei Stunden zwei der anwesenden achtzig Mitarbeiter sterben sollen. Falls dies nicht geschieht, sollen vier Personen an ihrer statt exekutiert werden. Flucht ist nicht möglich, das Gebäude wurde hermetisch abgeriegelt.

Zunächst halten es die Angestellten für einen bösen Scherz, die Frist verstreicht ohne Todesfälle. Zum Ablauf des Ultimatums explodieren vier Schädel. Alle Belko-Anghörigen sind vermint („Ist doch nur ein Chip für die Versicherung!“ Denkste). Dann die nächste Forderung: Dreißig Exekutionen, Selbstmorde, natürliche Todesfälle, was und wie auch immer, in den nächsten zwei Stunden. Falls das nicht passiert, sterben 60 Menschen durch Fernzündung. Ihr versteht das Prinzip.

Schnell bilden sich zwei Fraktionen. Die größere um Vorstandsmitglied Barry Norris will rational vorgehen und den Todesplan erfüllen, um die größere Mehrheit zu retten, die kleinere mit IT-Spezialist Mike Milch an der Spitze will nach Auswegen suchen. Doch bald gerät alles aus den Fugen und das Highlander-Prinzip regiert: Es kann nur einen geben!

„Battle Royal“ trifft auf „Stromberg“. „Das Belko Experiment“ sucht die Balance zwischen Action, Horror und gesellschaftskritischer Satire. Kippt aber allzu oft in blanken Zynismus um, bei dem es nur darum geht, Menschen möglichst spektakulär, kreativ und blutig aus dem Leben scheiden zu lassen. Das kriegt der Film eindeutig und derb hin. Man merkt ihm zwar die aufklärerische und nachdenkliche Absicht noch an, aber der kritische Geist verflüchtigt sich in Windeseile, sobald das Morden beginnt. Abseits des Anrichtens der Blutsuppe sind besonders jene Passagen gelungen, in denen klar wird, dass keiner der Angestellten eigentlich weiß, in welchem Metier die ominöse Firma namens Belko tätig ist, und wieso man mitten in der ödesten Pampa angesiedelt ist.

Dass das Werk auf inhaltlicher Ebene scheitert, liegt bereits an der völlig sinnfreien Prämisse. Ohne zu viel vom mageren Inhalt zu verraten: Die Idee eines Experimentes zum Studium des Sozialverhaltens ist völlig daneben, wenn man den Probanden keine Entscheidungsfreiheit zugesteht. Aufgrund der Sprengstoffimplantate und der lückenlosen Überwachung gibt es keinerlei Handlungsspielraum für die Eingeschlossenen. Sterben müssen sie so oder so. Und was kommt wohl als Ergebnis einer solchen Studie anderes heraus, als dass Menschen sterblich sind? Die kurze Fragerunde am Ende ist eine redundante Peinlichkeit. Hat eh nur Alibi-Funktion und dient alleinig der Vorbereitung der Schlusspointe, die wiederum nur die Einleitung eines (erwartbaren) finalen Twists ist.

Es wäre viel mehr drin gewesen („Battle Royal“ setzt die ähnliche Variante der Sprengstoffhalsbänder viel pfiffiger ein und stellt bereits von Beginn an klar, dass es nicht um irgendwelche Erkenntnisse sondern nur um finstersten Sozialdarwinismus geht, dessen Ziel im Überleben einer Einzelperson liegt), doch bleibt das makabre Vergnügen pure Oberfläche. Abgesehen davon ist „Das Belko Experiment“ ein grimmiger, höchst effizient inszenierter Büroslasher, der mit einer exzellenten Besetzung (die allerdings selten arg gefordert wird), ein paar guten Gags (bereits der mit einer „I Will Survive“-Salsa-Version unterlegte Einstieg ist stark), gelungenen visuellen Einfällen und filmhistorischen Anspielungen punkten kann.

„Wolf Creek“-Regisseur Greg McLean ist der richtige Mann für diesen kompromisslosen Besuch im Schlachthaus, der nach ökonomisch heruntergedrehten neunundachtzig Minuten endet. Dass das Drehbuch von Produzent James Gunn stammt, der mittlerweile dank der „Guardians Of The Galaxy“ zur A-Riege gehört, verwundert nur auf den ersten Blick. Denn bevor er den Star-Lord Peter Quill und seine fidelen Freunde durchs All toben ließ, war er für gröberen Stoff wie „Tromeo & Julia“, das „Dawn Of The Dead“-Remake und den schleimigen Schneckenschnetzler „Slither“ zuständig.

Die Tötungssequenzen sind äußerst graphisch und nichts für Zartbesaitete. Es herrscht ein seltsames Ungleichgewicht dabei, manchmal inszeniert McLean sie fast parodistisch – wie die blutspritzenden Kopfexplosionen, die der zugekiffte Andy als halluzinogenen Alptraum erlebt – an anderen Stellen kollidieren sie auf unangenehme Weise mit der Realität. Wie bei der Massenerschießung, die die Chefetage unter Barry Norris‘ Führung gnadenlos einleitet. Es dauert, bis diese schmerzhafte Sequenz mittels Action und Sarkasmus wieder aufgelöst wird.

So bleibt ein unausgegorener, nie langweiliger, brutaler Schocker mit satirischen Untertönen übrig. Die Kritik an einem menschenverachtenden und -verschlingenden Kapitalismus sowie unethischen Experimenten bleibt eine kaum durchkonzipierte Behauptung, welche nie die Oberhand über Gore, Gewalt und einen Hauch guter Laune gewinnt. Durchaus vorhandenes Potenzial wird so auf blutverschmierten Bürokorridoren vergeudet. Der Papa hätte das ganz anders gemacht…

Sämtliches zu diesem Artikel gehörendes Bildmaterial © Twentieth Century Fox Home Entertainment

  • Titel: Das Belko Experiment
  • Originaltitel: The Belko Experiment
  • Produktionsland und -jahr: USA, Kolumbien 2016
  • Genre: Horror, Action, Komödie
  • Erschienen: 19.10.2017
  • Label: Twentieth Century Fox Home Entertainment
  • Regie:  Greg McLean
  • Drehbuch: James Gunn
  • Kamera: Luis David Sansans 
  • Musik: Tyler Bates
  • Spielzeit:
    89 Minuten auf  Blu-Ray
    88 Minuten auf DVD
  • Darsteller:
    John Gallagher Jr.
    Tony Goldwyn
    Adria Arjona
    John C. McGinley
    Melonie Diaz
    Owain Yeoman
    Sean Gunn
    Brent Sexton
    Michael Rooker
  • Extras:
    Regeln des Spiels: Das Geheimnis hinter „Das Belko Experiment“
    Lee Hardcastles Überlebenstipps
    Entfallene Szenen
    Bildergalerie
    Original Kinotrailer
  • Technische Details:
    DVD-Daten:
    DVD 9, Region 2 PAL
    Bildformat:
    16:9, 2.40:1
    Audio:
    Englisch DD 5.1, Deutsch DD 5.1
    Untertitel:
    Englisch, Deutsch, und andere

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1920x1080p (2.40:1)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch DTS 5.1, Englisch DTS-HD-MA 5.1
    Untertitel:
    Deutsch, Englisch und andere
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktbeschreibung auf bluray-disc.de

    Wertung: 9 von 15 blutigen Überstunden
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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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