Howard Linskey – Gangland (Buch)

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howard-linskey-ganglandWar schon beim Vorgänger der ‚deutsche‘ Titel „Crime Machine“ statt des wesentlich effektiveren Originals „The Drop“ keine Meisterleistung, so ist „Gangland“ anstelle des präzisen „The Damage“ ebenfalls eine bestenfalls suboptimale Lösung. England als Gangland, schon klar, wobei die Assoziation eher jugendliche ‚Boyz in the Hood‘ oder marodierende Banden aufs Tapet ruft. Die kommen im zweiten Teil der David Blake-Reihe zwar auch vor, doch in erster Linie geht es um das erwachsene organisierte Verbrechen. Psychopathen mit Niveau und im Falle Blakes mit Schulabschluss.   
Blake und seine Leute regieren Newcastle, es herrscht mutmaßlich Burgfrieden. David findet sogar Zeit und Muße, ­mit seiner Freundin Sarah Urlaub in Thailand zu machen. Alles könnte ruhig und friedlich verlaufen, endlich, nachdem die Revierstreitigkeiten mit den schärfsten Konkurrenten beigelegt scheinen. Es gibt sogar ein Angebot Alan Gladwells, dessen Bruder einer blutigen Machtdemonstration Davids im Vorgänger zum Opfer fiel, Edinburgh, in dem ein kriminelles Machtvakuum herrscht,  friedlich aufzuteilen. Klingt interessant, doch Skepsis bleibt.

Zu Recht wie sich bald herausstellt. Ein subalterner Blockwart mit Ambitionen wird aufmüpfig, eine Drogenlieferung aus der Türkei bleibt aus, und auf David und seine Leute werden Anschläge verübt. Es dauert eine Weile, bis Blake das Gewirr aus Neid, Missgunst, krankhaftem Ehrgeiz  und Hass durchschaut. Doch dann schlägt er auf seine eigene Art radikal zurück, die unbeständige Zukunft im Blick. Glücklicherweise hat er mit Palmer und Kinane zwei loyale Leibwächter im Schlepptau, die nicht zulassen, dass es für David Blake böse endet. Mag hinhauen, doch es wird Opfer geben.   

„Gangland“ macht da weiter, wo „Crime Machine“ endete. David Blake hat sich etabliert, er ist der „Big Man“ von Newcastle, in der Lage weitreichende Entscheidungen zu treffen, Menschen zu töten und/oder verschwinden zu lassen und unwillige Politiker in Schimpf und Schande aus der Stadt zu jagen. Howard Linskey verklärt seinen Protagonisten und seine Geschäfte weder, noch verwickelt er ihn in ein schlichtes Verbrechen-zahlt-sich-nicht-aus-Drama. „Gangland“ ist wieder wesentlich komplexer.

Stärker noch als im Vorgänger wird die Verzahnung von organisiertem Verbrechen und herrschenden sozialen wie politischen Strukturen bloßgelegt. Blake trifft Arrangements mit der Polizei – rund um den Erdball – und vergisst nicht klarzustellen, wer die Bedingungen dafür diktiert. Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, alles kein Problem, solange die Geschäfte und Vergnügungen im Dunkeln oder hinter verschlossenen Türen stattfinden und die Verbrechensrate nicht explodiert. Selbst über mörderischen Streit und kriminellen wird geflissentlich hinweggesehen, vorausgesetzt es kommen keine Unbeteiligten zu Schaden. Zumindest nicht mehr als üblich.   David Blake kennt die Mechanismen und versteht mit der Fragilität dieses Machtgefüges umzugehen. Leider gibt es zu viele Menschen um ihn herum, die es weder können noch intellektuell erfassen. Blake ist begabt und klug genug, in die Rolle als Gangsterboss hineinzuwachsen. Je größer die Belastungen und Spannungen sind, denen er ausgesetzt ist, desto erfolgreicher agiert er.

Howard Linskey schildert dies mit grimmigem Humor und bitterer Erkenntnis. Immer wieder stellt er David Blake als Fremdkörper in einer Welt dar, die er sich zwar ausgesucht hat, deren Anforderungen er aber eigentlich nicht gewachsen ist. Stattdessen ist da eine Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung, Ruhe und möglicherweise langweiligem Familienleben. Deshalb versucht er, ziemlich naiv, die junge Prostituierte Simone zu retten und scheitert, nicht nur, weil er seine Freundin Sarah mit ihr betrügt. Die das nächste Problem darstellt. Denn über der liebevollen Beziehung liegt immer der Schatten von Davids kriminellem Wirken und seine Verantwortung für den Tod Bobby Mahoneys, Sarahs Vater, der Mann, in dessen Fußstapfen David Blake getreten ist.

„Gangland“ ist ein mehrschichtiger, spannender und letztlich nachtschwarzer Roman, dem Linskey kluge Beobachtungen und eine Menge an lakonischem, treffendem Witz spendiert. Der die Schwärze nicht unbedingt aufhellt, sondern eher bestätigt.

Nach all der überkandidelten Fußballeuphorie der letzten Monate, sorgt David Blake sogar scharfzüngig dafür, auch dieses Geschäft auf ein rechtes Maß zurückzustutzen:

»Fußballer sind meist träge. Fängt die Musik oder die Atmosphäre an, sie zu langweilen, schnappen sie sich das nächstbeste Mädchen. Und an Mädchen herrschte kein Mangel, weil Mädchen Fußballerpartys vor allem aus zwei Gründen besuchen: um ihren Freundinnen zu erzählen, sie hätten es mit einem Spieler aus der Premier League getrieben, oder aber – und das ist das ultimative Ziel – um mit einem Mann zusammenzukommen, der sechzigtausend Pfund die Woche verdient, indem er Schiedsrichter anpöbelt, Elfmeter verschießt und das Mannschaftslogo abknutscht, nur wenige Minuten bevor er zu einem anderen Verein wechselt. Weshalb diese geistlosen Wichser dermaßen verehrt werden, ist mir schleierhaft. Sie unterschreiben Fünfjahresverträge, im Wert von Millionen, und wenn der Club Glück hat, bekommt er zwei gute Saisons, dann verlieren die Spieler jeglichen Biss und versinken in Bedeutungslosigkeit.«

Die Welt des David Blake wird nicht gerade von Freundlichkeit und Optimismus geprägt. Gut für uns, sorgt Howard Linskey doch für eine exzellente, wohldurchdachte Gangstergeschichte mit vielen dunklen Schattierungen.

Cover © Knaur

  • Autor: Howard Linskey
  • Titel: Gangland
  • Teil/Band der Reihe: 2
  • Originaltitel: The Damage
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 01.07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 412
  • ISBN: 978-3-426-51397-2
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt

Cover © Verlagsgruppe Droemer Knaur


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Howard Linskey – Gangland (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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