James Lee Burke – Sturm über New Orleans (Buch)

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James lee Burke-Sturm über new OrleansHurrikan Katrina war für New Orleans nicht nur eine Natur-, sondern auch eine geopolitische Katastrophe.  Vor Katrina betrug die Einwohnerzahl knapp 460 000, nach einer drastischen Reduzierung in der direkten Folge auf weniger als die Hälfte der Bewohner, wuchs die Zahl wieder auf etwa 370 000. Was die bloßen Zahlen nicht zeigen: Rund 200 000 dieser Menschen haben vor der Zerstörung nicht in  New Orleans gelebt.

Kaum jemanden wird es verwundern, dass die am meisten betroffenen Stadtteile zu den ärmsten der Stadt gehörten und einen hohen afroamerikanischen Bevölkerungsanteil aufwiesen. Zyniker würden sagen, dass Katrina zwei Fliegen mit einem Wirbel geschlagen hat. Mangelnde Finanzkraft und falsche Hautfarbe fallen einer Naturkatastrophe zum Opfer. Da Politik anscheinend per se zynisch ist, wird die gnadenlose Rechnung umgehend präsentiert: Die Armenviertel sind dem Erdboden gleichgemacht, was eine Rückkehr der Bewohner schwierig werden lässt, von deren Anzahl aber die Zumessung finanzieller Unterstützung abhängig ist.Verbunden mit einer hohen Gefährdungsprognose bleibt der Wiederaufbau aus. Die alternativen Bebauungsflächen hingegen können sich die ehemaligen Einheimischen nicht leisten, und so bleiben sie gezwungenermaßen New Orleans fern. Eine weiße, gehobene Mittelschicht siedelt sich stattdessen an, natürlich unter der Voraussetzung eines verbesserten Katastrophenschutzes und der aktiven Ergreifung vorbeugender Maßnahmen. Faktoren, die vor 2005 kaum berücksichtigt wurden, obwohl bereits vier Jahre zuvor ein Katastrophenszenario für New Orleans nicht nur entworfen, sondern als wahrscheinlich eingestuft wurde.

James Lee Burke lässt keinen Zweifel daran, dass Katrina mehr war als eine bloße Naturkatastrophe. Bereits im Vorfeld und erst recht während der Nachbearbeitung spielten politische Kalkulationen eine wichtige Rolle. Von der mangelnden Vorbeugung – wider besseres Wissen – bis zu verschleppten oder ausbleibenden Hilfsmaßnahmen wurde dafür gesorgt, dass New Orleans eine deutliche Gentrifizierung erlebt.  Davon ahnt Dave Robicheaux noch nichts, als er in der zerstörten Stadt ermitteln soll, wer auf vier mutmaßliche Plünderer schoss, dabei einen tötete und einen zweiten schwer verletzte. Eigentlich sorgt sich Robicheaux mehr um das Schicksal des schwerkranken Priesters und Freundes Jude LeBlanc. Es wird natürlich Überschneidungen geben sowie Erweiterungen.

Vergewaltigung, Falschgeld, Blutdiamanten – die jungen Plünderer lassen nichts aus, um auf mehreren Abschusslisten zu landen. Zu blöd, wenn man in das Haus eines skrupellosen Geschäftsmanns und Gangsters wie Sidney Kovick einbricht und auf der Flucht im Vorgarten eines Vergewaltigungsopfers landet. Dass ausgerechnet derjenige des Quartetts erschossen wird, der nichts mit der Vergewaltigung zu tun hatte, ist eine der tragischen Unwägbarkeiten, von denen „Sturm über New Orleans“ so beiläufig wie expressiv erzählt.
Um das überlebende Trio ist es schlecht bestellt. Eddy landet mit zerschossenem Rückgrat auf einer überlasteten Krankenstation, die unverletzten Bertrand und André haben bald Verfolger auf den Fersen, die keine Gnade kennen. Von denen der aalglatte Ronald Bledsoe der schlimmste ist. Dave Robicheaux – seinen Kumpel Clete Purcell im Schlepptau – hat alle Hände voll zu tun, die Ereignisse einer Nacht zu entschlüsseln, die nach dem Abklingen des Hurrikans einen ganz eigenen Wirbel entfacht, der sich bis zu Daves Familie ausbreitet.  

Wie im Original „The Tin Roof Blowdown“ ist „Sturm über New Orleans“ ein doppelbödiger Titel; denn Katrina hat bereits gewütet und das nächste Sturmtief namens Rita verschont die Stadt weitgehend. Bleibt der Mensch als Zerstörungsfaktor an erster Stelle. James Lee Burke zeichnet das Bild einer Stadt im Chaos, in der Verbrechen, Rassismus, schmutzige Geschäfte  und Wahnsinn Alltag sind, während zynische Politiker bereits mit dem Ausverkauf, sprich der Umgestaltung einer unliebsamen Örtlichkeit begonnen haben.
Im Verlauf des Romans gerät der gesellschaftspolitische Überbau etwas in den Hintergrund, und Burke konzentriert sich stärker auf seine Figuren, ihre Beweggründe und die daraus folgenden Handlungen. Ihm gelingt das Kunststück, für den wenig sympathischen, ängstlichen und von Gewissensbissen geplagten  Bertrand Melancon Mitgefühl und Verständnis zu wecken. Wie so oft spielen Schuld, Sühne und unterschiedliche Arten von Vergeltung, beziehungsweise deren Ausbleiben, eine große Rolle. So wie Erlösung, die vor allem der furchtsame und getriebene Bertrand sucht.

Dave Robicheaux ist über weite Strecken eher ein Beobachter und kritischer Chronist als aktiver Handlungsträger. Das übernehmen zahlreiche Nebenfiguren wie der zerrissene Versicherungsvertreter und Tatverdächtige Otis Baylor, Bertrand, der sinistre Ronald Bledsoe, Clete Purcell, wenn er sich nicht gerade im Hintergrund betrinkt und in Verzweiflung suhlt, und Daves Tochter Alafair, die im Selbstverteidigungsmodus für entscheidende Wendungen sorgt. Zum Schluss erlaubt sich Burke einen höchst gelungenen und sarkastischen Kommentar, indem er ausgerechnet die bigotteste und selbstgerechteste Figur des Buches Dave Robicheauxs moralische Integrität in Frage stellen lässt.

Am Ende steht die bittere, nicht ganz neue  Erkenntnis, dass die Reichen und Skrupellosen Katrina und die Folgen abschütteln werden wie einen lästige Mückenplage, um weiter ihren (dubiosen) Geschäften nachzugehen, die Handlanger ins Gefängnis wandern oder sterben, die Rechtschaffenen leiden und die Armen und Hilflosen vom Stadtplan gestrichen werden. James Lee Burke vermittelt dies – wie gewohnt – weitgehend ohne Plattitüden, in seiner ganz eigenen, höchst eindrücklichen Prosa, die intellektuelle Scharfsicht mit gerechter Wut, warmherziger Empathie und genauer Beobachtungsgabe verbindet. „Sturm über New Orleans“ ist großartige Literatur, die äußerst spannend unterhält und viel Stoff für eine weiterführende Beschäftigung mit dem Sujet besitzt.

Es tut gut, dass Dave Robicheaux nach über einem Jahrzehnt wieder deutschsprachig erhältlich ist, verlässlich übersetzt von Georg Schmidt (nur über den reinen „Biber“ bin ich gestolpert. Denn das ist m.E. „Beaver“ aus der amerikanischen TV-Serie „Leave It To Beaver“ – dt. „Erwachsen müßte man sein“ – und hätte demnach unübersetzt bleiben können. Kinkerlitzchen). Bleibt zu hoffen, dass die fehlenden Romane nach „Jolie Blon’s Bounce“ („Die Schuld der Väter“) ebenfalls in naher Zukunft erhältlich sein werden. Das bei Heyne Hardcore verlegte, vorzügliche  Hackberry Holland-Werk „Regengötter“ hat zu Recht für Furore gesorgt, und „Sturm über New Orleans“ geht nach relativ kurzer Zeit in die zweite Auflage. Dem Autor und dem Pendragon Verlag ist es zu gönnen, dass viele weitere folgen werden.

Cover © Pendragon Verlag

  • Autor: James Lee Burke
  • Titel: Sturm über New Orleans
  • Teil/Band der Reihe: Der 16. Auftritt von Dave Robicheaux
  • Originaltitel: The Tin Roof Blowdown
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Pendragon Verlag
  • Erschienen: 16.02.2015
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 569
  • ISBN: 978-3-86532-450-4
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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