Friedrich Ani – Die unterirdische Sonne (Buch)

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Friedrich Ani - Die unterirdische Sonne (Cover © cbt)Fünf Jugendliche, gefangen in einem Keller. Sie versuchen, einfach nur zu überleben – wobei sie, um dem zu entkommen, was sie „oben“ erwartet, durchaus auch ihren eigenen Tod in Kauf nehmen würden.

Die fünf, das sind der zwölfjährige Leon, der seit knapp einem Jahr im Keller lebt, die 13-jährige Maren, die als nächstes gekommen ist und seitdem nur noch stottert, Sophia, 14 Jahre, Eike, elf Jahre sowie der 16-jährige Conrad, der erst seit einer Woche Teil dieser unfreiwilligen Gruppe ist.

Sie alle haben unglaubliche Angst vor dem, was geschehen wird, wenn sie nach oben geholt werden. Als Leser erfährt man lediglich, dass sie völlig traumatisiert sind, wenn sie wiederkommen, jedoch nicht, was genau mit ihnen passiert. Ani gibt nur kurze Eindrücke, die aber vollkommen ausreichen, um die Schmerzen, die die fünf erleiden müssen, zu verstehen. Niemand weiß außerdem, was den anderen „oben“ zustößt –  ihnen wurde verboten, darüber zu reden. Und so werden immer wieder Einzelne, manchmal auch zwei oder drei gleichzeitig nach oben geholt und kommen irgendwann wieder.

Jeder versucht, diesen Taten auf eine andere Weise zu fliehen. Leon weint und läuft die ganze Zeit im Kreis, Maren sucht Nähe zu Sophia, aber auch zu Leon, und Sophia flieht in ihren Glauben und in die  Hoffnung auf bessere Zeiten. Eike lässt seine Aggressionen an den anderen aus und schreit, Conrad wiederum schaut hypnotisiert auf den stummen Fernseher und sieht sich Filme an, ohne von seiner Außenwelt Notiz zu nehmen.

Regelmäßig kommt ein Mann nach unten und lüftet den Raum – währenddessen müssen die Jugendlichen sich mit dem Kopf vor die gegenüberliegende Wand knien, ebenso, wenn sie abgeholt wieder nach unten gebracht werden. Sie bekommen dabei stets einen Sack über den Kopf gezogen.

Später, nachdem Eike nach oben geholt wurde und nicht wiederkommt, wird ein Junge namens Noah heruntergebracht. Er ist 18 Jahre alt, und ihm scheint seine Situation nicht viel auszumachen. Nach und nach beginnt er der Gruppe Mut zu machen, und so fangen die fünf damit an, sich Geschichten zu erzählen, um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu bewahren, und sie „verkleiden“ ihre Erlebnisse, sodass man als Leser dann doch mehr über ihre Vergangenheit erfährt. Diese Geschichten sind zum Teil sehr phantasievoll,  jedoch geben sie denn anderen deshalb Mut, weil gezeigt wird, wie sie vorher gelebt haben. Dies ist nämlich der zweite Punkt, über den sie nie reden dürfen – sie tun es dennoch. Der Leser spürt hierdurch auf grandiose Weise, wie die jungen Menschen wieder einen Hoffnungsschimmer wahrnehmen.

Dem Autor gelingt es, die Verzweiflung der Situation widerzuspiegeln und ermöglicht dem Leser,  die Teenager und deren Gefühle problemlos zu verstehen. Ani hat hierbei einen Roman geschrieben, der viele bei der Lektüre an ihre Grenzen bringen wird, da darin die größten Ängste eines jeden geschildert werden. Täglich verschwinden Kinder, niemand weiß, was mit ihnen geschieht. Die Eltern durchleben Ängste, wie etwa die, dass ihre Kinder tot sind oder misshandelt werden, während die Kinder selbst ihr eigenes Grauen erleben.

Die Altersempfehlung ab 16 Jahren ist demnach nicht zu hoch gegriffen, und auch wenn es als Jugendbuch erschienen ist, könnte man eher einen Young-Adult-Roman vermuten, da dieser Roman auch so manch 16-Jährigem die ein oder andere schlaflose Nacht bescheren kann. Aber gerade dadurch erhält der Roman umso mehr Authentizität.

Das einzige was an dem Buch nicht hundertprozentig zufriedenstellend ist, ist der Schluss. Hier sollte man aber auch sagen, dass es eigentlich auch kein wirklich richtiges Ende geben kann, denn alle tragen ihre Schmerzen und ihr eigenes Leid mit sich, und als Leser hofft man, dass sie sich retten können – doch was wird danach passieren?

Man bekommt  mit „Die unterirdische Sonne“ Eindrücke und ein verblüffendes Ende geboten, welches in sich jedoch durchaus als sehr realitätsnah gesehen werden kann. Im Gesamten ist es ein Roman, der während des Lesens und lange danach nachdenklich stimmt und einen noch lange beschäftigt. Im Buch finden sich viele Passagen, die man erst einmal verkraften lernen muss.

Doch letztendlich ist Friedrich Anis Schreibstil ein äußerst brillanter – durch diesen  lernt man die Gefühle, die Gedanken und die hoffnungsvollen Wünsche kennen – da Ani als Erzählform die auktoriale Erzählperspektive gewählt hat.

Hier schreibt er in der Gegenwart, doch man taucht ab in die gesamte Gedankenwelt der Jugendlichen. Als diese beginnen, ihre Geschichten zu erzählen, merkt man, wie sie in ihre Erzählung versinken und ebenso, dass alles irgendwie etwas mit der Vergangenheit zu tun hat.

Im Gesamten ist „Die unterirdische Sonne“ ein Roman, der einen vollkommen überzeugen kann, sofern man sich auf ihn einlässt. Während des Lesens sollte man bedenken, dass dieses Buch nahe an der Realität geschrieben ist und von daher nicht nur  die Sonnenseiten aufzeigt.  Es ist ein Buch, das man nicht gleich zur Seite legen und abhaken, sondern sich danach erst noch einmal Gedanken über die Motive der Charaktere und den Verlauf machen sollte.

Cover © cbt Verlag

  • Autor: Friedrich Ani
  • Titel: Die unterirdische Sonne
  • Verlag: cbt
  • Erschienen: 02/2014
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3-570-16261-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Pauline P.

Informationen folgen bald.

2 Kommentare

  1. Avatar

    Na klar, man muss sich auch hier auf das Buch einlassen. Der Autor hat hier ein sehr sensibles Thema angepackt und sehr gut umgesetzt. Gerade weil es auch nah an der Realität geschrieben ist, sollten die Leser schon das vom Verlag empfohlene Alter von 16 Jahren haben.

  2. Pingback: frauenkrimis.net – KrimiMeldungen 08092014, 13.20 Uhr

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Friedrich Ani – Die unterirdische Sonne (B…

von Pauline P. Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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