Petros Markaris – Der Tod des Odysseus (Buch)

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Petros Markaris - Der Tod des Odysseus Cover © Diogenes VerlagPetros Markaris ist für den Rezensenten ein schwieriger aber sympathischer Fall. Seine Kriminalromane um Kostas Charitos sind oft behäbig, unaufgeregt, beinahe meditativ verfasste Romane, die einer gewissen Biederkeit gerade hinsichtlich des ermittelnden Kommissars und seiner Familie nicht entbehren. Wer es böse meint, der kann darauf verweisen, dass sein Erfolg in Deutschland seine Krimireihe in Griechenland erst bekannt gemacht hat.

Dennoch fasziniert den Verfasser dieser Zeilen ein anderes Element, das inMarkaris‘ Romanen immer wieder zum Tragen kommt: Ein deutlich merkbarer Furor über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Griechenland und die stetig ringende Suche der Opfer, Täter und des Kommissars nach Heimat. Es geht nicht darum, Feindbilder wie Banken, korrupte Politiker oder den ein oder anderen europäischen Finanzminister aufzubauen und zu zementieren, es geht auch nicht um einen nationalistisch definierten Heimatbegriff. Es bleibt die Suche – und so banal sich das anhört, so originell gelingt es Markaris in seinen Kriminalromanen, die er als genuine Form der Gesellschaftskritik sieht, diese erzählerisch und psychologisch auszugestalten.

Das große griechische Vorbild des Odysseus schießt wohl jedem Leser unweigerlich durch den Kopf. Und tatsächlich lassen sich in seinen Romanen zahlreiche Querverbindungen zu Homers Werk ziehen, die weit über die gemeinhin bekannten Floskeln wie „Glückssucher“ oder „Irrfahrer“ hinausreichen, denn ansonsten dürfte so ziemlich jeder Roman ein Homer-Derivat sein. Es soll an dieser Stelle auch nur kurz eingeworfen werden, ob diese Begriffe wirklich so gut zum Odysseus-Mythos passen und ob nicht eher die Heimatsuche, die Heim- beziehungsweise Rückkehr und die Sehnsucht nach seiner Familie die Odyssee gar treffender umreißen?   

Der aktuell erschienene Erzählungsband ‚Der Tod des Odysseus‘ macht das auch deutlich. Natürlich geht es in den sieben Geschichten immer auch um die eine Ausfall-Bewegung, also der Versuch, aus dem gewohnten Umfeld und der Komfort-Zone auszubrechen. Doch weitaus spannender für Markaris ist dann die psychische und/oder auch körperlich Heimkehr und die Sehnsucht nach dem Ort und der Vorstellung von Heimat, die man soeben doch verlassen hat; teils aus freiem Willen, teils wirtschaftlich oder politisch erzwungen.

Neben zwei kurzen Erzählungen, in denen Kostas Charitos als Protagonist auftaucht und die klassische Kriminalgeschichten sind, sind die übrigen fünf Geschichten eher Sitten- und Gesellschaftsgemälde, die von Gastarbeitern in Deutschland, der Identitätssuche von türkischstämmigen Griechen und Migrantenschicksalen erzählen. Manche dieser Geschichten haben einen konkreten Aktualitätsbezug, andere haben schon etwas mythisches an sich. Herausragend – in doppeltem Wortsinne – ist jedoch die längste und zentrale Geschichte dieses Erzählbandes.

‚Drei Tage‘ beschreibt, fundierend auf geschichtlichen Quellen die Ereignisse vom 5. auf den 6. September 1955. In dieser Nacht wurden Geschäftsräume, aber auch Privatwohnungen von in Istanbul lebenden und arbeitenden Griechen zerstört und geplündert. Mehr als 4000 Geschäfte, griechisch-orthodoxe Friedhöfe und knapp 30 Schulen fielen in dieser Nacht dem türkischen Mob zum Opfer. Schlimmer noch: In dieser Nacht verschwand die Lebensgrundlage und die selbstverständliche Sicherheit, als Grieche in Istanbul in Frieden leben zu können. Markaris beschreibt diese Nacht und die weitere Entwicklung am Beispiel des Kleinunternehmer Vassilis und seiner Familie. In dieser wie auch in zwei weiteren Geschichten dieses Erzählbandes spielt die Türkei eine wichtige Rolle. Nicht als Feindbild, sondern als geographisch und vor allem psychologisch verlorene Heimat, die trotz aller Wirren für die Protagonisten weiterhin eine große Faszination auf jene auslösen. In dieser Geschichte stellt sich auch die Frage, warum trotz aller Anfeindungen, trotz aller politischen Repressionen und wirtschaftlichen Nachteilen, Menschen ihren Ort, den sie aus vielerlei Gründen ihre Heimat nennen, nicht verlassen und all die Opfer auf sich nehmen, bevor sie, wenn auch immer noch nicht alle, ihr Leben akut bedroht ist. An mangelnder Hellsichtigkeit liegt es bei den Protagonisten nicht – vielmehr an dem Mysterium der Heimat und dem niemals zu unterschätzenden Mut, sich seiner Wurzeln komplett zu entledigen.

Gerade hier, wo Markaris nicht gewollt aktuell sein will, gelingt ihm ein formidabler Beitrag aus griechisch-türkischer Perspektive zur aktuellen Situation in Europa und der Türkei – so muss man es wohl formulieren. Es entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, dass die beiden Kriminalgeschichten um Charitos in der Literatur- und Kulturszene spielen und ein gar garstig Bild auf dieses Milieu werfen.

Ein zwingendes Muss ist die Lektüre ganz sicher nicht. ‚Der Tod des Odysseus‘ ist aber mit zahlreichen gelungenen erzählerischen Miniaturen weit mehr als eine Verlegenheitsveröffentlichung, um die Zeit bis zum nächsten Kostas Charitos-Krimi zu überbrücken.

  • Autor: Petros Markaris
  • Titel: Der Tod des Odysseus
  • Originaltitel: Triimeria
  • Übersetzer: Michaela Prinzinger
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erschienen: 10/2016
  • Einband: Gebunden, Leinen, im Schutzumschlag
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3-257-06979-2  
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 dpt  


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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