Walter Kirn – Blut will reden. Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade (Buch)

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Walter Kirn - Blut will reden Cove © C.H.BeckWer kennt Christian Karl Gerhartsreiter aus dem beschaulichen Siegsdorf? Wahrscheinlich meldet sich jetzt niemand so richtig. Was wird der schon sein … eine regionale Wirtschaftsgröße? Ein Lokalpolitiker, der sich an die Sperrzeitregelungen von Siegsdorf gewagt hat oder vielleicht doch ein zu unrecht vergessener Heimatdichter? Jedenfalls niemand, dem man bei der bloßen Nennung seines Namens gleich alle Türen, egal ob bildlich oder wortwörtlich, einrennen und in dessen Schatten man sich sonnen wollen würde.

Tatsächlich ist dieser Christian Karl Gerhartsreiter einer der größten Hochstapler, gegen den Ripley nicht mehr als ein kleines Kleeblatt ist. Gerhartsreiter, ein Mann ohne Eigenschaften, ohne erkennbare Begabung, ein weißes Blatt, machte sich in den 70er Jahren auf in die USA und wechselte vielfach seine Identitäten. Dieses Spiel mit seinen künstlichen Identitäten gipfelte in seiner Inkarnation als Clark Rockefeller, mit der ihm das gelang, wovon offenbar immer noch sehr viele Menschen träumen: Ihm öffneten sich, ohne große oder gar kritische Nachfragen sämtliche Türen der Finanz- wie der Society-Welt – 2013 aber schlossen sie sich aber auch wieder, denn unser guter Landsmann wurde des Mordes am Sohn seiner früheren Vermieterin für schuldig befunden – das ebenso öffentlichkeitsstarke wie unrühmliche Ende einer ganzen Reihe von Identitätsdiebstählen, Verbrechen und Betrügen.

Nach der juristischen Aufarbeitung erscheint unter dem Titel „Blut will reden“ eine sehr persönliche wie eindringliche Aufarbeitung der Freundschaft zwischen Clark Rockefeller und dem Autor Walter Kirn, den manch einer als Autor des mit George Clooney verfilmten Romans „Up in the air“ – bewusst oder unbewusst – kennt. Ob es Teil von Rockefellers Plans war, die Nähe eines Autors und Reporters zu suchen, ihn in seine Nähe zu lassen, oder ob es wirklich ein Zufall und echte persönlich Zuneigung war – das lässt sich nicht ganz klären. Das weiß auch Walter Kirn. Seine Reportage, die, wenn sie nicht authentisch wäre, einen Roman von allererste Page-Turner-Güte abgäbe, ist eine Annäherung des Autors an die Person, die sich ihm als Clark Rockefeller vorgestellt hat – und auf den er so massiv hereingefallen ist. Dabei ist „Blut will reden“ alles andere als ein Rachefeldzug. Es ist viel mehr eine zwar sehr persönliche aber zugleich auch stark reflektierende Schilderung der Ereignisse und der Beziehung zwischen Kirn und Rockefeller.

Jeder Schwindler und Betrüger muss darauf hoffen, dass seine Partner, Kollegen und Bekannten ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe abgeben, damit genügend Raum für die „Fiktion“ bleibt. Und genau dieser Punkt schmerzt Kirn. Manch ein rezensierender Kollege hat ihm Larmoyanz vorgeworfen. Zwar liefern Episoden, die das Zerbrechen seiner Ehe schildern, genügend Angriffsfläche, um den Vorwurf der Jammerlappigkeit aufkommen zu lassen, doch so weit wollen wir in dieser Rezension nicht gehen, ist doch die Spurensuche ins eigenste Innerste motiviert und führt im positiven Sinne entlang zahlreicher Fragen.

Die Antworten sucht er allerdings, auch wenn er nicht immer fündig wird, weitab des Selbstmitleids. Warum hat er nicht gemerkt, dass ihm da einer mit einer absolut gefälschten und beinahe poetisch entwickelten Identität gegenüber sitzt? Warum hat er sich über 15 Jahre hinweg in die Welt Rockefellers mit hineinziehen lassen? War es obwohl oder weil diese Welt so unendlich reich an Geld, Skurilitäten und schier unglaublichen Zufällen war? Anzeichen dafür, dass da jemand der Realität den ein oder anderen dichterischen, lügnerischen und betrügerischen Farbanstrich verpasst hatte, gab es doch mehr als genug, so kann man es „nach“-lesen – doch wie jeder gute Plot entwickelt sich das Leben organisch und kann erst im Nachhinein analysiert und beschrieben werden. Tatsächlich würde man, wäre „Blut will reden“ ein Roman, diesem vorwerfen, er spiele allzu sehr auf der Klaviatur des Zufalls, plagiiere Patricia Highsmiths Mr. Ripley und führe Gatsby ad absurdum. So bleibt dem Leser nur das Gelesene samt seiner eigentlich unglaublichen Volten als reale und zumindest juristisch belegte Fakten anzuerkennen und zu staunen. Die reflektierenden Elemente, in denen sich Kirn als nicht nur als Gerichtsreporter sondern auch als persönlich Beteiligter und als Autor zu erkennen gibt, liefern starke und eindringliche Impulse, sich die immer wieder und immer noch starke reale Verführbarkeit des Menschen vor Augen zu führen.

Cover © C. H. Beck

  • Autor: Walter Kirn
  • Titel:
    Blut will reden.
    Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade
  • Originaltitel:
    Blood Will Out: The True Story of a Murder,
    a Mystery, and a Masquerade
  • Übersetzer: Conny Lösch
  • Verlag: C. H. Beck
  • Erschienen: 07/2014
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3-406-66768-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

 

 

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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