Harry Stephen Keeler – Die durchsichtige Nackte (Buch)

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Hary Stephen Keeler - Die unsichtbare Nackte - Cover © Edition PhantasiaHarry Stephen Keelers Romane scheinen in einem Parallel-Universum zu spielen, in dem Begrifflichkeiten, Geographie und Lebensumstände nur zufällig den hiesigen gleichen, beziehungsweise entfernt ähneln. Hier heißen die Menschen Helmon Hobersteed, Molly Karony, Blackaby Oxnard, Karl Schleifgeisser, Lauralee Fricot, Frona, Feiga oder Penny Smith. Wobei letzterer ein Tarnname ist.

Es verwundert kaum, dass Keeler mit Autoren wie Hammett und Chandler nichts anfangen konnte, jeglicher Hardboiled-Gestus liegt ihm fern, selbst die Alternative Cozy, sprich der gepflegte Rätsel-Krimi, hat keinen Platz auf Keelers literarischer Landkarte. Obwohl er mit den Traditionen und Regeln spielt, und ein makabres Mysterium in den Mittelpunkt von „Die durchsichtige Nackte“ stellt.   

Wem gehören der Kopf und die Zehen, die aus einer mobilen Dampfkabine hervorlugen? Der Körper fehlt, ein Umstand, der in Chicago und Umgebung für reges Medienecho sorgt. Eine unsichtbare Nackte, das lässt vielfältige Spekulationen zu, die sich mehren, als der Fall nicht geklärt werden kann, und der verantwortliche Ermittler Helmon Hobersteed aus dem Polizeidienst ausscheidet, weil er sich selbst für unsichtbar zu halten beginnt.

Erst fünfundzwanzig Jahre später wird der Schleier gelüftet, und die Wahrheit kommt ans Licht. Aber nicht, weil Jonathan Palay, Hobersteeds Nachfolger, ein begnadeter Ermittler ist, sondern weil ihm die dickste Frau der Welt – eine der vielen dicksten Frauen der Welt – die ganze erschröckliche, verwickelte und verwirrende Geschichte der durchsichtigen Nackten  erzählt.

Genau darum  geht es Keeler: Um die Kraft des Erzählens, das Fabulieren und Ausspinnen von Ideen, Denkansätzen und Handlungsvarianten, die zwischen alltäglichen (Über)lebensstrategien und absurden Kapriolen verwegen Ringelreihen tanzen.

Obwohl Hobersteed gleich mit dem ersten Satz telefonisch zum Objekt seines noch kommenden Wahnsinns gerufen wird, dauert es eine Weile, bis er sich in Bewegung setzt. Erst einmal hängt er seinen Gedanken und der rückläufigen Haarpracht nach, möchte so gern Womanizer sein und leidet doch nur unter seinem mangelnden Selbstwertgefühl.  Er löst sich bereits auf, bevor er auf die Nemesis seines Lebens trifft.

Von all den Abschweifungen, Verschrobenheiten und Anekdötchen, die Keelers Roman ummanteln wie ein Pelz aus lebenden Nerzen,   darf man sich nicht täuschen  lassen; „Die durchsichtige Nackte“ ist genau durchkomponiert und –konstruiert. So ist es kein Wunder, dass Hobersteed verloren geht, während sein Nachfolger den Fall aufklärt: Ist der doch nicht nur Polizist, sondern Chronist, der mit einem Werk, oder mehreren, über Verbrechen und Verbrecher zu Reichtum und Ansehen gelangen möchte. Palay ist der potenzielle literarische Erfolgsträger, zu dem sein geistiger  Vater nie geworden ist. Anspielungen auf Keeler als berufenen (Unterhaltungs)künstler, den niemand kennt, finden sich etliche in diesem Spätwerk aus dem Jahr 1963 (vier Jahre vor Keelers Tod erschienen).  

Deduktive Ermittlungen finden nicht statt. Es wird zwar gemutmaßt und auf Indizien geschaut (mehrfach), doch verwertbare Schlüsse werden nicht gezogen. Bevor Hobersteed als nicht ermittelnder Ermittler abgelöst wird, erfährt der Leser aus einem Brief, dass jemand den Mörder kennt. Doch Keeler nutzt diesen Umstand nicht zur bloßen Spannungssteigerung, keine Erpressung, kein unheimliches Duell zwischen Mörder und Zeuge nimmt seinen Lauf, stattdessen entsteht eine moralische, genauer, Glaubens-Diskussion, die der Frage nachgeht, ob sich Kriminelle nicht per se durch das Verarbeiten ihrer Taten, selbst bestrafen müssen. Es bleibt in der Schwebe, wie so vieles – warum zu Tode diskutieren, wenn man Denkanstöße vermitteln und noch einen kleinen Gag unterbringen kann?

Die lange Erzählung der dicksten Frau der Welt schließlich ist eine Reise in die Unterwelt. Der dunklen Begierden, den seltsamen Pfaden, auf denen die Liebe wandelt und den Merkwürdigkeiten, die das Leben in seine Bahnen presst – oder es hinauswirft. Obwohl Keeler nie seinen angenehm entspannten, so altertümlichen wie alterslosen Ton aufgibt, ist die Geschichte der durchsichtigen Nackten geprägt von Gewalt, Düsternis und Ungerechtigkeiten. Ein Noir mit Anflügen von Phantastik, was die Atmosphäre und Gestaltung, nicht den Inhalt, betrifft. Der bleibt erstaunlich realitätsnah, klug beobachtet und landet bei der Schilderung der Abgründe seiner Figuren mitten in unserer Welt. Keine Flucht ins Paralleluniversum möglich.  

„Die durchsichtige Nackte“ mag stringenter, kompakter wirken als frühere Romane Keelers, ein eingängiges und alltägliches Lesevergnügen ist der Roman nicht. Keeler ist eine Art Solitär, der sich Traditionen kaum beugt, aber nicht, weil er damit brechen oder sie dekonstruieren möchte. Wenn es ihm passt, kann er sich sehr wohl in genrekonformen Bahnen bewegen. Aber das Spielzimmer, in dem er sich aufhält und gelegentlich herumtobt, existiert lediglich in seinem Kopf. Das gilt auch für die Spielsachen. Und den kleinen Spielwarenladen auf Aldebaran (oder knapp daneben), wo er sie kauft.

Harry Stephen Keelers Roman ist wieder ein ganz besonderes Vergnügen, nicht für jede Zeit und immer, aber im richtigen Moment ein funkelndes Perlchen. Schön, dass es dieser fast vergessene Autor einmal mehr nach Deutschland geschafft hat. Die Edition Phantasia ist genau der richtige Hort für diesen Ausbund überbordender Phantasie.

„Die durchsichtige Nackte erscheint als einmalige Auflage mit 250 nummerierten Exemplaren als ‚Hochglanzkaschierter Band im „Pulp-Look“‚. Interessierte und/oder Sammler sollten sich also sputen…
Cover © Edition Phantasia

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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