Ermittler unter Stalins Diktatur

Der kalte Glanz der Newa
© Knaur

Leutnant Revol Rossel hat im Krieg schon viele zerfetzte Menschen gesehen, doch die fünf Leichen, die er nun auf einer Bahnstrecke unweit des Ladogasees zu sehen bekommt, setzen selbst ihm zu. Brutal misshandelt fehlen den Toten zudem ihre Gesichter, Zähne und Fingerkuppen, so dass eine Identifizierung zunächst nicht möglich ist. Eigentlich wäre ein Außenbezirk zuständig, doch da in diesem bis auf einen jungen Mann alle Polizisten verhaftet wurden, müssen Rossel und seine Leute vom Leningrader Polizeirevier Nr. 17 ran. Ein heikles Unterfangen für die Miliz, denn ein weibliches Opfer trug eine blaue Mütze, die die Frau als Angehörige der Geheimpolizei ausweist. Das Ministerium für Staatssicherheit (MGB) wird von Lawrenti Beria geleitet, der für die Stalinischen Säuberungsaktionen verantwortlich ist, die vor niemandem Halt machen.

Ein Versagen würde nicht nur eine Degradierung nach sich ziehen, sondern eine viel ausgeklügeltere Strafe. Und selbst ein Erfolg könnte nicht erwünscht sein, je nachdem was er herausfand.

Eine erste Spur führt in jenes Konservatorium, in dem Rossel einst selber Violine studierte. Doch dann kam er 1942 nach einer Denunzierung ins Gefängnis, wurde gefoltert und musste seine Konzertträume begraben. Ein großes Staatsfest steht an, Beria selber macht Druck, will die Ermittlungen bis dahin abgeschlossen sehen und drängt auf eine Verhaftung. Ausgerechnet Rossels ehemaliger Peiniger, Major Nikitin, steht plötzlich notgedrungen an Rossels Seite. Im eiskalten Winter des Jahres 1951 geht es nur langsam voran, doch allmählich erkennt Rossel erste Zusammenhänge. Dabei muss er sich vor allem seiner eigenen Vergangenheit stellen, denn die Opfer sind ihm nur zu gut bekannt.    

Brutaler Serienmörder trifft auf Klassische Musik

Ben Creed (alias Chris Rickaby und Barney Thompson) schreibt einen packenden, mitunter etwas reißerischen Thriller, der 1951 in Leningrad spielt. Die Diktatur Stalins ist in vollem Gang, unerbittlich werden konterrevolutionäre Kräfte und jene, die als solche denunziert werden, verhaftet, gefoltert und getötet. Nicht selten geht es für Jahre in den Gulag. In der Darstellung dieser bedrückenden Lage, der permanenten Angst vor Verrat und Denunzierung, ist Ben Creed nicht zimperlich und so kommt es nicht nur bei der Beschreibung der eingangs gefundenen Leichen zu mitunter sehr gewalttätigen Szenen. Als Ausgleich gibt es immer wieder Ausflüge in die Klassische Musik, naturgemäß mit Schwerpunkt auf russischen Werken und Komponisten, die für die Lösung des Falles eine wichtige Rolle spielen wird.

Genosse Leutnant, Sie sind doch eigentlich Musiker und haben Violine an unserem berühmten Konservatorium studiert. Waren zu Großem bestimmt, wenn man den Gerüchten glauben darf.“ „Die Gerüchte sind schon richtig. Aber es kann keine erfüllendere Bestimmung geben als dem sowjetischen Volk zu dienen, die Ordnung der Gesellschaft zu wahren und vor konterrevolutionären Tendenzen zu schützen.

Ermittlungen in einer Diktatur finden sich eher selten, wenngleich der vorliegende Band – es soll der Auftakt einer Trilogie sein – natürlich sofort Erinnerungen an Sam Eastland und seine Inspektor-Pekkala-Reihe weckt, deren bereits siebenter Band für Ende Januar des kommenden Jahres angekündigt ist. Hat es Pekkala gelegentlich mit Stalin persönlich zu tun, so hat Rossel die zweifelhafte Ehre auf Beria zu treffen. Rossel ist eine markante Persönlichkeit, an dem sich die Handlung streng orientiert. Eigentlich wollte er Musiker werden, doch eine Folter, in deren Verlauf er unter anderem zwei Finger verlor, machten seine Träume zunichte. So war denn letztlich das bis heute ungeklärte Verschwinden seiner Schwester der Auslöser, dass er zur Miliz ging, wo er nun zunächst einige Tage ohne Einmischung durch den MGB ermitteln darf. Als dieser jedoch in die Handlung eintritt, wird es brandgefährlich für die Ermittler, zumal Beria höchstpersönlich den gesuchten Mörder präsentiert.  

Lipuchin sah ein wenig grün im Gesicht aus, schien aber bereit, das Leben, oder besser, den Tod, aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen. Schließlich hatte er einen Vorgeschmack auf die Gastfreundschaft des MGB genießen dürfen und war nun, wie durch ein Wunder, raus aus dem Gefängnis, hatte Gelegenheit, Zeuge einer Autopsie zu sein, die nicht seine eigene war.

Bei Temperaturen, die beharrlich zwischen zwanzig und dreißig Grad minus liegen, ist die Spurensuche verständlicherweise nicht einfach. Der Einfluss von Staatsseite ist ebenfalls keine Hilfe, zumal die wenigen Spuren in höchste Kultur- und Politikebenen führen. Insgesamt ist „Der kalte Glanz der Newa“ ein lesenswerter Roman, der einen recht gelungen in die damalige Zeit hineinversetzt und dies deutlich intensiver – und gewalttätiger – als es bei Eastland der Fall ist. Ein kleines Faible für Musik ist allerdings vorteilhaft, denn Mitautor Barney Thompson hat selber am Konservatorium in St. Petersburg studiert, was umfang- und kenntnisreich in die Handlung einfließt.

  • Autor: Ben Creed
  • Titel: Der kalte Glanz der Newa
  • Originaltitel: City of Ghosts. Aus dem Englischen von Peter Hammans
  • Verlag: Knaur
  • Umfang: 432 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3-426-52662-0
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Wertung: 12/15 dpt


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