Viel Poesie, viel Licht

Es gibt diese netten bunten Zeichentrickfilme, in denen Tiere die Rollen von Menschen übernehmen. Das findet man anfangs vor allem süß, auch lustig, aber nach einigen Minuten fällt es einem fast gar nicht mehr auf. Weil die Tiere sich in der Geschichte exakt so wie Menschen benehmen. Weil sie nicht nur tun, was Menschen tun, sondern – noch entscheidender – weil sie fühlen, wie Menschen fühlen.

Auch die Protagonisten in Noemi Somalvicos Debütroman sind Tiere. Sie heißen Schwein, Dachs und Reh. Sie leben in einer Welt, in der alle Tiere sind. Menschen gibt es keine.

Die Handlung ist phantastisch: Schwein hat Liebeskummer und will weg. Es entscheidet sich spontan, Dachs zu begleiten. Dieser hat eine Maschine erfunden, die das Reisen an einen Ort außerhalb der Welt ermöglicht, dorthin, wo Gott wohnt. Gott lebt allein und ist einsam, er nimmt die beiden Gäste auf, sie freunden sich an …

Somalvicos Roman ist ein in sich geschlossenes Gedankenexperiment. Ein Paralleluniversum, das uns die bekannte Welt spiegelt. Die Autorin öffnet einen Raum zur eigenen Interpretation, wobei die Verfremdung das Vertraute hervor hebt. Da die tierische Physiognomie keine Wiedererkennung bietet, konzentriert sich alles Erzählen auf die Emotionen der Figuren.

Diese kleidet Somalvico in glasklare Poesie. Jedes Wort sitzt perfekt. Die Lyrikerin beherrscht virtuos das Spiel mit der Assoziation. Jeder Satz ist ein sich öffnender Vorhang mit weiteren Bildern, die das Gelesene illustrieren.

Die Einsamkeit ist das zentrale Motiv in dieser Geschichte. Alle tragen die Sehnsucht in sich, die Einsamkeit zu überwinden. Die Idee, einen Ort zu finden, an dem alles besser ist, erweist sich als Illusion. Somalvico lässt ihre Protagonisten jedoch nicht im Stich. Sie zeigt: Der Ort, an dem sich die Einsamkeit überwinden lässt, ist keiner, zu dem man reisen muss. Es ist der Raum, der sich zwischen uns befindet.

Der Roman ist mit seinen nur 143 Seiten schnell gelesen, aber er klingt lange nach.

„Wenn es in schwierigen Zeiten auf etwas ankommt, dann auf Licht“,

heißt es zu Beginn des Romans. Licht zu erzeugen ist Noemi Somalvico mit ihrem im Voland & Quist Verlag erschienenen Debütroman mehr als gelungen.

  • Autor: Noemi Somalvico
  • Titel: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein
  • Verlag: Voland & Quist
  • Erschienen: Januar 2022
  • Einband: Gebunde Ausgabe
  • Seiten: 144
  • ISBN: 978-3863913212

Wertung: 14/15 dpt


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