Anette Huesmann – Burginternat Rosenstein: Lena und die Bande der Ritterinnen (Buch)

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GAnette Huesmann, Burginternat Rosenstein: Lena und die Bande der Ritterinnen (Cover © Dr. Anette Huesmann)ute Bücher für Kinder sind zweifelsohne sehr wichtig. Wer früh gerne liest, liest meist sein Leben lang. Bücher für Kinder zu schreiben ist allerdings eine extrem schwierige Angelegenheit, denn Kinder sind gnadenlose Leser. Die Figuren müssen authentisch rüberkommen, der Plot muss spannend oder witzig sein, idealerweise beides. Gleichzeitig sind die Kinder selten die Bücherkäufer. Also will das Erwachsenenauge und -hirn auch bedient werden. Ein Spagat, den nur sehr gute Autoren erfolgreich meistern.

Dem gefühlt durchaus gesättigten Markt an Internats-, Banden- und Rittergeschichten wollte Anette Huesmann mit ihrem Burginternat Rosenstein gerne noch etwas hinzufügen. Ein ehrenwerter Versuch. Sie lässt die knapp zehnjährige Lena ihr eigenes Abenteuer erzählen. Weil Lena mit ihren Eltern und Geschwistern wegen mäßiger schulischer Leistungen nicht mitreisen darf, muss sie gegen ihren Willen zwei Monate in einem Internat verbringen. Da die Eltern um das Interesse der Tochter an Rittergeschichten wissen, wählen sie eins, das in einer Burg untergebracht ist, Burg Rosenstein. Doch als sie dort ankommt, muss sie feststellen, dass der Schulbetrieb eigentlich eingestellt wurde, weil die Stromversorgung bis auf weiteres unterbrochen ist. Außer ihr sind nur noch sechs weitere Mädchen übrig, die bisher niemand abgeholt hat. Damit sie sich nicht zu sehr gruseln müssen, sind sie im Zimmer der Mathelehrerin, Frau Knecht, untergebracht, wo sie sich ein Matratzenlager einrichten. Fürs leibliche Wohl ist ebenfalls gesorgt, hat doch der Koch seine liebe Not, die im Kühlraum gelagerten Lebensmittel zu verarbeiten, bevor sie verderben.

Nun muss nur noch ein Zeitvertreib gefunden werden. Das ist natürlich auf einer Burg nicht schwierig, sicher nicht, wenn man sich wie Lena sowieso für Ritter interessiert und für sein Leben gern eine Ritterinnenrüstung finden würde. Seit sie erfahren hat, dass es im Mittelalter auch weibliche Ritter gegeben hat, lässt sie dieser Wunsch nicht mehr los. Da trifft es sich gut, dass es auf Burg Rosenstein eine sagenumwobene Prinzessin gegeben haben soll, die in Abwesenheit ihres Mannes in dessen und später in eigener Rüstung auf die Suche nach ihrem entführten Baby gegangen sein soll. Außerdem soll es auf der Burg auch einen Schatz geben. Die anderen Mädchen sind mehrheitlich sofort Feuer und Flamme für Lenas Plan. Als sie feststellen, dass sie wohl nicht die einzigen sind, die nach dem Schatz suchen, wird es spannend.

Von der Idee her ist Burginternat Rosenstein sicher nicht schlecht. Nur die Umsetzung lässt zu wünschen übrig. Der erste Stolperstein ist die Ich-Erzählperspektive. Knapp Zehnjährige sind selten gute Beobachter und noch seltener gute Beschreiber. Eine ganze Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen zu wollen und dabei einen Spannungsbogen herzustellen, ist eine Kunst, die in Burginternat Rosenstein leider nicht gelingt. Die Erzählstimme ist nicht kindlich, die Spannung bleibt aus.

Nächste Hürde: Die Figuren. Es sind in diesem dünnen Buch einfach zu viele. Für die mickrige Handlung sind sie zudem überhaupt nicht notwendig. Schon die Hauptfigur Lena wird lediglich skizziert.  Desgleichen die Mädchen, auf die Lena in der Schule trifft, der »Club der Heimatlosen«. Dieser besteht nicht nur aus einem Set der Klischeecharaktere – die Coole, die Arrogante, die Verfressene, die Ängstliche … -, sondern umfasst auch ein gehbehindertes Mädchen. Bei aller Liebe zum inklusiven Unterricht: Die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern ihre an den Rollstuhl gefesselte Tochter ausgerechnet in einem Burginternat unterbringen, geht wohl gegen null. Zur Wahrscheinlichkeit, dass eine mittelalterliche Burg mit auch von Hand kurbelbaren Treppenliften ausgestattet ist, braucht man wohl nichts zu sagen.

Die Erwachsenen kommen in vielen Kinderbüchern nicht besonders gut weg, so auch in diesem, aber man kann es doch übertreiben. Dass im Jahre 2016 ein Internat wegen Stromausfalls geräumt wird, ist schon abstrus genug, dass aber der Direktor sofort der Verzweiflung nahe ist, weil er sich eine Reparatur nicht leisten kann, ist doch ein wenig viel des Guten. Auch dass der Koch es als einzige Lösung ansieht, die noch Anwesenden mit seinen nicht mehr kühlbaren Vorräten vollzustopfen, ist bizarr. Beides könnte lustig sein, wenn es sich um eine Parodie handelte, aber es ist leider keine. Von den anderen Erwachsenen wollen wir mal schweigen. Sie bekleckern sich durch die Bank weg nicht gerade mit Ruhm.

Genauso an den Haaren herbeigezogen wie die Figuren ist der Plot. Von Lenas ursprünglicher Hoffnung, eine Ritterinnenrüstung zu finden, kommt er völlig ab. Dabei wäre das ein origineller Ansatz gewesen. Stattdessen wird sich auf die Schatzsuche konzentriert und das dann auch nur halbherzig. Einmal im Verlies rumgedreht, schon die zündende Idee gehabt. Dafür wird umso häufiger gegessen. Noch nie stand in einem hundertsechsundzwanzig Seiten schmalen Büchlein das Essen derart im Mittelpunkt, und das nicht, weil es edle Delikatessen gegeben hätte.

Nach der Lektüre erhärtet sich der Eindruck: Dem Buch hätte ein kritischer Lektor nicht geschadet. Es treten Figuren uneingeführt auf und urplötzlich ab oder bewegen sich ziellos durch die Handlung. Ein wenig erinnert das Ganze an ein Computerspiel. Da fliegen auch ständig irgendwelche anderen Figuren und Objekte an der eigenen Spielfigur vorbei. Nun ist die Rezensentin eine fiese Kritikerin, die gerade in letzter Zeit viele brillante Kinder- und Jugendbücher gelesen hat, und sind jugendliche Leser oft weit weniger anspruchsvoll. Das ist aber kein Grund, sie mit unausgegorenen Geschichten abspeisen zu wollen.

Cover © BurgEdition

  • Autor: Anette Huesmann
  • Titel: Burginternat Rosenstein – Lena und die Bande der Ritterinnen
  • Illustrationen: Nadine Reitz
  • Verlag: BurgEdition
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 126
  • ISBN: 978-1530329137
  • Sonstige Informationen:
    Die Schreibtrainerin Dr. Anette Huesmann
    Nur bei Amazon erhältlich.

Wertung: 5/15 dpt

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Über den Autor

Christina Brunnenkamp


„Mit viel Faulheit fing es an“ hieß mein allererstes Druckschriftbuch – und was bin ich froh, dass meine Kinder weniger moralisierende Bücher lesen können! Trotzdem habe ich seit jener Zeit immer ein Buch zur Hand, sei es in Papierform oder elektronisch. Schon vor Langem wurde ich deshalb von meinen Freunden zum Leseratgeber erkoren – und weil ich so gerne Menschen zum Lesen anstifte, teile ich meine Leseeindrücke heutzutage online.

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Anette Huesmann – Burginternat Rosenstein:…

von Christina Brunnenkamp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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