Die Profis – Box 4 (Serie, 6DVD)

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Die Profis-Box 4-Cover-1016130Mit der vierten Box geht die Veröffentlichung der „Profis“ in restaurierter Form in den Endspurt.  Ausgewiesen sind die sechs DVDs, beziehungsweise fünf Blu Rays, als ‚Staffel 4‘, doch das stimmt so ganz nicht. Denn in England teilen sich die Episoden in eine vierte und fünfte Saison. In Deutschland hingegen wurden die Abenteuer des Trios vom CI 5, der Abteilung für alle kritischen kriminellen Fälle,  in Windeseile im Tetrapack durchgenudelt.  Was so schwer nicht fiel, wurde beim ZDF doch auf allzu gewalttätige, Englandlastige oder qualitativ abfallende (wer immer das wie beurteilt hat) Folgen verzichtet. So wurden in bei der Erstausstrahlung im bundesdeutschen TV lediglich 41 der 57 Folgen ausgestrahlt. Nach 22 Uhr, wegen der vielen Brutalitäten,  und trotz der späten Uhrzeit hierzulande ebenfalls ein mittlerer Straßenfeger. Besonders angesagt bei pubertierenden Jungs, die nach zehn eigentlich gar nicht mehr vorm Fernseher sitzen durften („Für Jugendliche nicht geeignet“ war meist ein guter Hinweis, wenn man sich nachts an den schlafenden Erziehungsberechtigtenvorbei, in die Nähe eines Fernsehgeräts schleichen musste), sich aber an den blei- und ein bisschen blutspritzenden Schießereien und vielen Autofahrten im Ford Capri delektierten.

Die Profis-Box 4-1016130_1Trotzdem wurden etliche Gewaltspitzen rausgeschnitten, ebenso dezidierte politische  Anspielungen, speziell wenn es die BRD oder DDR betraf. Manchmal, wenn eine Folge gar zu deprimierend endete („Operation Susie“), änderte man auch den Ausgang der Geschichte und damit die Schlusseinstellungen. Praktiken, die man dank der vorliegenden Ausgabe sehr gut nachvollziehen kann. Bei den entsprechenden Episoden werden unterschiedliche Synchronfassungen angeboten, oder die ehemals geschnittenen Sequenzen wurden untertitelt ergänzt.  Teilweise wird die deutsche Erstversion auch in den Extras komplett gezeigt (wie die eben erwähnte „Operation Susie“). Was man beibehalten hat, ist die ursprüngliche Sendefolge, die sich von jener der Originalausstrahlung unterscheidet. Was bis zum Serienabschluss reicht, in Deutschland wie England gingen „Die Profis“ unterschiedlich in Rente. Was ironischerweise ziemlich egal ist, denn keine der beiden Folgen ist ein würdiger, erkennbarer Abschluss. Mag sein, dass die Verantwortlichen hofften, die Serie fortsetzen zu können. Kolportiert wird, dass Lewis Collins und Gordon Jackson bereit dazu gewesen wären, doch Martin Shaw der „ewigen“ Action müde war und sich nach anderer Schauspielarbeit sehnte. Das schien zu reichen, um unter die erfolgreiche Serie einen Schlussstrich zu ziehen.  

Die Restaurierung der Serie ist, bereits auf DVD, hervorragend gelungen. In einem kurzen Feature wird die aufwändige Arbeit am alten Ursprungsmaterial gezeigt. Gilt zumindest auf der visuellen Ebene; der Ton ist bestenfalls durchschnittlich, altersbedingt nicht gerade brillant, in den Neusynchronisationen ziemlich verrauscht. Aber es lohnt sich eh, „Die Professionals“ im Original zu Werke gehen zu lassen, die street credibility ist erheblich größer im Original (explizit beim zynischen Bodie) gegenüber der routinierten, etwas zu cleanen deutschen Synchronisation. Leider funktionieren,  in der vorliegenden Promo-Edition, die deutschen Untertitel nicht. Man sollte sich im britischen Straßen-Slang der 80er-Jahre also ein wenig auskennen. Klappt schon.

Die Profis-Box 4-1016130_4„Die Profis“, das waren die Agenten 3.7, Bodie (Lewis Collins) und 4.5, Doyle (Martin Shaw) sowie ihr grummeliger Chef George Cowley (Gordon Jackson). Dazu gesellen sich ein paar Kollegen in wiederkehrenden Nebenrollen, und solche, die auf dem Raumschiff Enterprise sofort ein Rothemd für die Außeneinsätze bekommen hätten. Es geht rau und brutal zu auf Englands Straßen, in Pubs und Anwesen, es wird geschossen, gehauen und gestochen, dass den TV-Verantwortlichen der frühen 80er angst und bange wurde, und man den zarten Zuschauer schützen musste, vor Gewalt, politischen Unkorrektheiten en masse (man könnte auch „reaktionäre Interpretation des Tagesgeschehens“ dazu sagen), Sexismus und schlechten Scherzen. Oh nein, die blieben drin. Gemessen an heutigen Darstellungen und Sehgewohnheiten erinnert das eher an einen exzessiven Kindergeburtstag.

die_profis_20-640x480Bodie und Doyle kamen zwar ein wenig daher wie aufsässige Krawallbrüder, im Falle des langhaarigen Doyle, mit einer Option auf einen Mietvertrag in einer Hippiekommune, doch das täuschte. Die Beamten des CI 5 setzten Recht und Ordnung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durch. Und Recht hat, wer an der Macht ist. Außer, er ist Kommunist oder südamerikanischer Diktator. Mehr als einmal musste sich das tapfere Trio mit fehlgeleiteten Diplomaten und übergeschnappten Politikern auseinandersetzen.  Gewalt wird dabei nur im Notfall eingesetzt, aber der herrschte irgendwie dauernd. Wenn Doyle und Bodie nicht in ihren schönen Fordmobilen (Capri und Escort mit kurzzeitigem Kultpotenzial, dem Granada wurde als Glasbrecher in der Titelsequenz ein Denkmal gesetzt) durch die Gegend fuhren. Manchmal aus Verfolgungsgründen, manchmal einfach so. Dann und wann wurde auch Motorrad gefahren oder schlicht gerannt. Das aber ausdauernd („Probezeit für Agenten“).

Die Profis-Box 4-1016130_2Inhaltlich gab es ein sattes Spektrum, das von Police Procedural („Das Ende einer Flucht“, „Der Exporteur“) und Gangsterdrama („Der Mann auf dem Dach“), über Polit- („Der Diplomat“, „Bombenterror“, „Operation Susie“, „Die Feinde des Löwen“ u.v.a)  und Psychothriller („Fremde Stimmen“) bis zu fast halluzinogener Pop-Art reichte. Die mit verschwurbelten Rückblenden durchsetzte Folge „Der Seelentest“, in der Bodie gegen diverse Traumata kämpfen muss, weckt leichte Erinnerungen an die „The AVENGERS“ („Mit Schirm, Charme und Melone“)-Vergangenheit der Macher.

Man muss sich (wieder) an die ruppige, knappe Erzählweise gewöhnen, die alles ausblendet, was für den Fall der Woche unwesentlich ist. Psychologisiert wird selten, und wenn dann nur so lange, bis der nächste Schnitt zu einer Lokalität ansteht, an der mehr passiert als tiefenpsychologisches Geplauder. Vieles wird nur angerissen, Personen werden ins Geschehen geworfen und sind postwendend wieder raus und vergessen. Selbst sich anbietende melodramatische Effekte werden kurz und knackig gehalten. Was nicht für gelegentlich ödes einmal hin und einmal her, rundherum, das ist nicht schwer, gilt. Das können alle Beteiligten gut.

Die Profis-Box 4-1016130_3Auch mit dem Dasein als Profi hapert es. Da wird der Dienst verkatert angetreten, auf einem Beobachtungsposten wird munter geplaudert, Zeitung gelesen und eingekauft, damit die observierten Subjekte entkommen können und ein bisschen Autofahren angesagt ist.

Das Verblüffende: man gewöhnt sich schnell an all die Nachlässigkeiten, Versäumnisse und Unkorrektheiten, an die antiquierte Erzählweise und die verschenkten Spannungsmomente. In der langlebigen NCIS-Serie handelt eine Folge von einem Verhörerfolg, der mittels einer verstellten Uhr und diversen Soundeffekten erzielt wird. Der eingesetzte Trick wird erst NACH der geglückten Vereitelung eines Bombenanschlags verraten. Ein hochspannendes und dramatisches Kammerspiel. In „Bombenterror“ wird derselbe Kniff verwandt. Bloß VORHER verraten und in gut fünf Minuten abgehandelt. Die Folge endet allerdings mit einer bitteren Pointe. Angenehm lässig, nicht ganz so nervenzerrend, im eigenen Understatement ruhend.

lewis-collins-in-die-profisTrotzdem fiebert man mit den beiden schnodderigen Hauptfiguren mit, genießt das fokussierte Erzählen mit all seinen Naivitäten und Schwächen  und fühlt sich nach drei bis vier Folgen Eingewöhnung auf leicht abstruse Weise prächtig  unterhalten. Gut ein gewisser Nostalgiefaktor und die hypnotische Wirkung von großen Karos in vielfältigen Gebrauchsweisen und Anordnungen kommen erleichternd hinzu. Außerdem kann niemand so schön eine Schnute ziehen wie Lewis Collins, der Fast-Beatle, der Fast-James Bond, dessen Schauspielerkarriere 2002 endete und der 2013, mit gerade einmal 67 Jahren starb. Da war Gordon Jackson schon 23 Jahre tot. Martin Shaw ist immer noch als Schauspieler aktiv. Mittlerweile verbinden ihn etliche Fernsehzuschauer eher mit „Judge John Deed“ oder dem unbestechlichen Inspector „George Gently“.  

1998 wurde das CI 5 als „Die Profis – Die nächste Generation“ reaktiviert. Lewis „Bodie“ Collins wäre gerne in George Cowleys Fußstapfen getreten, doch die Rolle des CI 5-Leiters ging an den späteren „Equalizer“ Edward Woodward.  Es funktionierte nicht, die Serie wurde nach einer Staffel eingestellt.
Aktuell taugen „Die Profis“ traurigerweise wieder als zynischer Kommentar. Denn nicht wenige Politiker und besorgte Bürger träumen von einer paramilitärischen Polizeieinheit, die sich kaum kontrollverpflichtet, des terroristischen und verbrecherischen Treibens dort draußen annimmt. Doch glücklicherweise sind Cowley, Doyle, Bodie und der gesamte CI 5 bloße Fiktion. Auch wenn in Tripolis vor Jahren, nach einem Kampfeinsatz des SAS, an der britischen Botschaft zu lesen war: „Down with the CI 5!“ (nachzulesen u.a. in Martin Comparts hochempfehlenswertem Werk „Crime TV – Lexikon der Krimi-Serien“.  Compart geht mit den „Profis“ zu Recht hart ins demokratische Gericht, kann sich ihrem eigenwilligen (Action)-Reiz aber ebenfalls nicht verschließen).  War augenscheinlich eine (zu) überzeugende Vorstellung.Die Profis-Box 4-1016130_5

Cover & Szenenbilder © Koch Media

  • Titel: Die Profis
  • Originaltitel: The Professionells
  • Staffel: 4 (& 5)
  • Episoden: 18 á 50 Minuten
  • Produktionsland und -jahr: Großbritannien, 1980/81
  • Genre:
    Krimi, Action,
  • Erschienen: 23.06.2016
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 900 Minuten auf 6 DVDs
    ca. 900 Minuten auf 5 Blu Rays
  • Darsteller:
    Gordon Jackson
    Lewis Collins
    Martin Shaw

    u.a.
  • Idee: Brian Clemens
  • Regie: William Brayne
    David Wickes u.a.
  • Musik: Laurie Johnson
  • Extras: Alternative Synchronfassungen, Alternative Schnittfassung,
    Musictracks, Archivaufnahmen mit Werbebumpers, Trailer usw.
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,33:1 (4:3)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Englisch, Dolby Digital 2.0/5.1
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Bild: 1.33:1 (4:3)
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0/5.1)
    FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeiten
    Produktseite zur Serie

Wertung: 10/15 Capri Sonnen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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