Benjamin Monferat – Der Turm der Welt (Buch)

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Benjamin Monferat - Der Turm der Welt (Cover © rohwolt) Die Weltausstellung in Paris 1889. Vergessen werden soll die Niederlage der Franzosen im Deutsch-Französischen Krieg 1880/81 und die Krönung des deutschen Kaisers im Spiegelsaal von Versailles. Paris möchte erneut zur Hauptstadt der Welt werden, und mit dieser Darstellung ist es gelungen. Doch zwei Tage vor Ende der Weltausstellung werden zwei Agenten des Deuxieme Bureau (des Geheimdienstes der Franzosen), aufgespießt auf den Zeigern einer Uhr des patriotisch-französischen Erfinders Bernau, mitten in der großen Industriehalle der Ausstellung gefunden. Die Zeiger der Uhr stehen auf 5 vor 12. Damit scheint die Botschaft klar. Die große Katastrophe passiert, wenn die Abschlussfeierlichkeiten der Weltausstellung stattfinden. Dann sind viele wichtige politischen Personen aus dem In- und Ausland auf dem Eiffelturm versammelt. Schon beginnt die fieberhafte Jagd nach den Verfolgern.

Mehrere Personen sind in die Geschehnisse involviert und zunächst ist unklar, welche Motive sie vertreten. Da ist zum einen die Vicomtesse Albertine de Roquefort, die ungekrönte Königin der Pariser Salons sowie ihre Tochter Melanie, mit welcher die Mutter ganz eigene Pläne hat; Lucien Dantez, Fotograf, welcher unmoralische Aufträge erfüllt, um seiner großen Liebe zu imponieren. Die Kurtisane Madeleine Royale, welche von einem Unbekannten gebeten wird, ein wichtiges Schriftstück zu entwenden. Außerdem noch Celeste Marêchal, eine Hotelbesitzerin, der droht, ihr Lebenswerk zu verlieren; Friederich von Straten, ein Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes, der sich zunächst über seine eigene Vergangenheit klar werden muss; Basil Fitz-Edwards, ein junger Constable, der durch ein Missgeschick zum Beschützer des britischen Thronfolgers wird. Zum Schluss Alain Marais, die Legende des französischen Geheimdienstes, welcher nach 10 Jahren in der Versenkung mit seinem neuen Partner nun den Mord an den beiden Beamten an der Uhr aufklären soll.

Durch die große Anzahl der Personen wirkt die Handlung besonders facettenreich und vielfältig. Sämtliche Figuren tragen sympathische Züge und Authentizität in sich, und sowohl ihr Wesen als auch ihre Handlungen wirken sehr realitätsnah.

Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur beschrieben, und so gewinnt der Leser erst nach und nach den Überblick über die Geschehnisse, da die Figuren zunächst nicht alles verraten. Bald aber beginnt sich ein zusammenhängendes Bild zu entwickeln, wodurch der Leser den Figuren vorauseilt und eigene Schlüsse zieht. Die Kapitel enden häufig mit offenen Fragen, sodass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. Außerdem weist die Kapitelüberschrift immer darauf hin, wann die Bombe explodieren wird, und so nähert sich jedes Kapitel mehr und mehr dem großen Ereignis, während die Zeit den Ermittlern durch die Finger rinnt.

Die Stimmung, welche der Autor vor allem durch seine Wortwahl kreiert, begeistert den Leser und reißt ihn mit in eine andere Zeit. Der Autor meistert es auf außergewöhnliche Weise, die Atmosphäre in Paris zum Ende der Weltausstellung und zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa einzufangen. Der Leser taucht nicht nur in den Zauber einer legendären Stadt ein, sondern fühlt außerdem die Unsicherheit der Menschen, welche in dem Pulverfass Europa leben, nach.

In dem Buch werden viele verschiedene Themen geschickt miteinander verwoben. So gelingt es Monferat mit Leichtigkeit, sowohl die politischen Probleme Frankreichs und Europas als auch den Erfindergeist und den Fortschritt darzustellen.

Der Turm der Welt ist ein Buch voller Spannung, hervorragend in Worte gefasst und gibt auf unterhaltsame Weise einen Einblick in eine andere Zeit. Schnell kommt Neid auf, selbst nicht diesen Ereignissen beiwohnen zu können, und die Motivation, Paris einen Besuch abzustatten, um auf den Spuren der Weltausstellung zu wandeln, steigt mit jedem Kapitel.

Cover © Wunderlich Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Josefine K.


Im Ruhrpott aufgewachsen, zog es mich zum Studieren in den Norden. Seitdem ich lesen konnte, verschlang ich alles, was Buchstaben hatte. Zu Weihnachten und an Geburtstagen freute ich mich auf neuen Lesestoff, und die Stadtbibliothek besuchte ich regelmäßig, um stapelweise Bücher nach Hause zu tragen und in ihnen zu schmökern.

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Benjamin Monferat – Der Turm der Welt (Buc…

von Josefine K. Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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